Das letzte Geheimnis der Edelfedern

Michael Hartmann, Autor von "Die Abgehobenen - Wie die Eliten die Demokratie gefährden"
Foto: Sven Ehlers

Die deutschen Eliten leben in einer weitgehend geschlossenen Gesellschaft. Nicht nur Politikern und Wirtschaftsbossen, auch vielen Journalisten in Spitzenpositionen fehlt der Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das prägt wichtige Entscheidungen und auch die Berichterstattung darüber. Thomas Gesterkamp im Gespräch mit dem Darmstädter Soziologen Michael Hartmann über sein neues Buch “Die Abgehobenen – Wie die Eliten die Demokratie gefährden”.

M |Herr Hartmann, wer agiert in Deutschland besonders abgehoben?

Michael Hartmann |Die wirtschaftliche Elite war immer die abgehobenste, weil sie in puncto Einkommen und Vermögen am weitesten vom Durchschnitt entfernt war. Das hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten erheblich verstärkt. Wenn das Vorstandsmitglied eines DAX-Konzerns heute das 50 bis 70fache dessen verdient, was seine Beschäftigten bekommen, so ist die Kluft vier- bis fünfmal so groß wie bis Mitte der 1990er Jahre, als die Differenz „nur“ das 14fache betrug. Eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so krasse Entwicklung lässt sich bei den Geschäftsführern privater und öffentlicher Unternehmen beobachten, bei den Vorsitzenden von Ärztekammern und Krankenkassen etwa, aber ebenso bei den Intendanten und Chefredakteuren der großen Medien: Sie alle liegen mit ihren Verdiensten heute zwischen 200.000 und über einer Million Euro.

Sie betonen immer wieder die Bedeutung der eigenen Herkunft für die spätere Wahrnehmung der Gesellschaft. Warum ist die so wichtig?

Die Herkunft prägt die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wissenschaftlich belegen lässt sich das durch eine Studie, die wir 2012 durchgeführt haben. Damals haben wir die Personen befragt, die die 1000 wichtigsten Machtpositionen in Deutschland besetzen. Das Resultat war eindeutig. Die wenigen Arbeiterkinder hatten eine erheblich größere Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit als die Bürgerkinder. Je reicher und wohlhabender jemand aufgewachsen war, umso weniger empfand er soziale Ungleichheit als Problem. Am deutlichsten waren die Unterschiede, wenn es um höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen ging. Während Arbeiterkinder selbst unter den Topmanagern mehrheitlich dafür waren, waren die Elitenangehörigen, die in reichen Familien groß geworden waren, mit überwältigender Mehrheit dagegen. Vor diesem Hintergrund ist die Annahme berechtigt, dass die Zusammensetzung der Eliten natürlich Einfluss hat auf das Handeln. In den allermeisten Fällen machen Upper-Class-Politiker Politik für die Upper Class, und Upper-Class-Journalisten berichten wohlwollend darüber.

Auf dem Titel Ihres Buches spielt ein Mann in einer Schneekugel Golf. Wie bedeutsam sind kulturelle Codes, der richtige Habitus?

Golf spielt keine so große Rolle, nur ungefähr zehn Prozent der Führungskräfte  betreiben diesen Sport. Der Habitus ist ausschlaggebend, vor allem in der Privatwirtschaft, wo ein kleiner Kreis die Entscheidung trifft, ob jemand dazu gehören wird oder nicht. Im Kern geht es um Ähnlichkeit. Wenn Sie zur Elite gehören wollen, müssen Sie denen, die schon dort sitzen, vermitteln, dass Sie zu ihnen passen. Am leichtesten fällt das allen, die aus dem gleichen Milieu kommen: Wer aus einem einflussreichen Elternhaus stammt, bewegt sich ganz selbstverständlich auf diesem Parkett. Als Thomas Middelhoff sich bei Bertelsmann beworben hat, war der damalige Vorstandschef Wössner aufgrund der mittelmäßigen Bildungskarriere erst nicht sonderlich überzeugt. Überzeugt hat ihn dann das Auftreten von Middelhoff. Er habe sich bewegt, als sei das Vorstandsbüro sein natürliches Biotop. Middelhoffs Vater wie Schwiegervater waren Inhaber größerer mittelständischer Unternehmen. Daher kannte er diese Welt so gut. Soziale Aufsteiger haben diese Erfahrungen nicht. Selbst wenn sie einen erstklassigen Studienabschluss haben, fehlen ihnen daher oft subtile Verhaltensmerkmale, die man kaum nachträglich erlernen kann, wenn man sie nicht in der Kindheit mitbekommen hat.

Gilt das nur für die Medienmanager oder auch für die Journalisten selbst?

Eine Edelfeder einer großen Zeitschrift sagte mir mal, dass er anfangs total verunsichert war im Kreis der Ressortchefs, alle aus bürgerlichen Familien. In jedem Meeting hatte er das Gefühl, es gebe da ein intuitives Verständnis untereinander, das er nicht teile, ein letztes Geheimnis, das er selbst nicht kenne. So ein Geheimnis gibt es meistens nicht, und auch im Auftreten existieren weniger No-Gos, als man denkt. Wer das nicht weiß, ist aber verunsichert und will alles richtig machen, wirkt dadurch oft verkrampft. Wer es weiß, kann dagegen sogar mit Verstößen punkten: Seht her, wie souverän ich mit den Regeln spiele.

Wieso gefährden abgehobene Eliten die Demokratie? Sehen Sie direkte Verbindungen zum Erstarken des Rechtspopulismus?

Der Rechtspopulismus verdankt seinen Aufschwung ganz eindeutig der neoliberalen Politik, die von den Eliten in den letzten Jahrzehnten betrieben worden ist. Erst die Einkommensverluste in der unteren Hälfte der Bevölkerung bei gleichzeitig massivem Einkommenszuwachs am oberen Ende haben ihm den Boden bereitet. In den USA liegt das mittlere Realeinkommen heute unterhalb dessen, was schon in den 1970er Jahren erreicht worden war. In Deutschland haben die unteren 40 Prozent seit Ende der 1990er Jahre real an Einkommen verloren, das untere Zehntel um 14 Prozent. Das schürt Wut und Angst.

US-Präsident Trump präsentiert sich als Anwalt der einfachen Leute, ist aber selbst Milliardär. Warum funktioniert das?

Weil er sich als Gegner des Establishments präsentieren kann. Und zu diesem Establishment gehören für ihn auch Leitmedien wie die New York Times, die Washington Post oder der Fernsehsender CNN. Trump ist unter seinesgleichen ein Außenseiter, er spricht nicht wie sie und verhält sich auch nicht so. Das macht ihn populär, obwohl seine Politik vorwiegend zugunsten der Reichen ausfällt. Das interessiert Protestwähler aber erst einmal nicht. Sie wollen den Etablierten einen Denkzettel verpassen.

Was muss sich ändern? Wie kann man erreichen, dass die Eliten nicht so abgehoben agieren?

Lösungen dafür gehen nur über die Politik, wo die breite Bevölkerung noch am meisten Einfluss nehmen kann. Der Schulz-Hype Anfang 2017 hat gezeigt, wie schnell sich Menschen erreichen lassen, wenn ein wirklicher Wandel winkt. Leider hat sich das als Luftblase erwiesen und die Enttäuschung war nachher umso größer, wie der rapide Niedergang der SPD zeigt. Wenn eine Partei aber wie Labour in Großbritannien ernsthaft bereit ist, das neoliberale Konzept über Bord zu werfen, kann sie relativ schnell Erfolge erzielen. Es braucht das klare Signal einer grundlegenden Veränderung und gleichzeitig eine massiv veränderte soziale Rekrutierung. Im Schattenkabinett von Corbyn kommt jeder zweite aus der Arbeiterklasse und nur noch ein Fünftel aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung. So lassen sich Menschen gewinnen und begeistern, vor allem die jüngeren.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was ist eigentlich Ihr eigener Hintergrund, was die soziale Herkunft angeht? Und wie hat Sie das geprägt?

Ich komme aus einer gutbürgerlichen Familie. Mein Vater war Finanzchef einer Behörde, mein Großvater mütterlicherseits Verlagsleiter. Das hat meine Forschung enorm erleichtert, weil ich das Milieu kannte, aus dem meine Interviewpartner kamen.

Danke für das Gespräch.

Michael Hartmann: Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden. Campus Verlag, Frankfurt 2018. 280 Seiten, 19,95 Euro.

nach oben

weiterlesen

Volontariat nur noch für Leidenschaftliche

Seit zweieinhalb Jahren gilt der novellierte Ausbildungstarifvertrag für das Volontariat an Tageszeitungen, der den ursprünglichen Tarifvertrag von 1990 endlich der elektronischen Gegenwart anpasste. Eine Besonderheit der Novelle ist eine bis Ende 2019 jederzeit kündbare Verlängerungsklausel des Volontariats um drei auf 27 Monate, wenn diese Monate keine zusätzlichen Kenntnisse und Erfahrungen für die Volontär*innen bieten. Nun hat die dju-Tarifkommission Bestandsaufnahme gemacht: Keine Klagen, keine Kündigung.
mehr »

Medienbühne und Verhandlungstisch

Tarifverhandlungen finden in der Regel hinter verschlossenen Türen statt, aber nicht nur Mitglieder von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden fordern mittlerweile mehr Transparenz. Viele Verhandlungsführer*innen meinen jedoch, ein für beide Seiten tragfähiges Tarifergebnis eher jenseits medialer Aufmerksamkeit erzielen zu können. Dabei ist „gar nicht klar, welche Wirkung öffentliche Beobachtung auf Verhandlungen hat“, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Christina Köhler.
mehr »

Haltung zeigen mit fiktionalem Fernsehen

Seit über 20 Jahren inszeniert der Kölner Film- und Fernsehproduzent Michael Souvignier mit seiner Firma Zeitsprung vor allem gesellschaftskritische Stoffe („Contergan“, „Das Tagebuch der Anne Frank“, „Der Fall Barschel“, „Mackie Messer - Der Dreigroschenfilm“, „Frau Böhm sagt nein“). Zurzeit laufen in Tschechien die Dreharbeiten zu „Oktoberfest“. Der über zehn Millionen Euro teure Sechsteiler wird nächstes Jahr in der ARD laufen. Gutes fiktionales Fernsehen muss Souvignier zufolge immer auch Haltung zeigen.
mehr »

Klimawandel und Desinformation

Allwöchentlich streiken Schüler*innen am „Friday for Future“ für Klimaschutz. Etwa ein Drittel der Deutschen  betrachtet den Klimawandel als eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Journalistische Medien liefern den Resonanzboden für das Problembewusstsein zu diesem kontrovers diskutierten Thema, indem sie Wissen vermitteln und für Aufmerksamkeit sorgen. Die Wirkung hängt jedoch von vielen – auch nicht-medialen – Einflüssen ab.
mehr »