Das Risiko ist bei jedem Interview dabei

Zeitungen sind auch in Peru während der Corona-Pandemie ein wichtiges Informationsmittel für die Bevölkerung. Berichterstatter*innen sind trotz der Ansteckungsgefahr täglich an den Brennpunkten unterwegs. Die Schlagzeile des Blattes, dass die Zeitungsverkäuferin im Bezirk La Victoria in Lima am 18. Juni 2020 in die Kamera hält, lautet: "Steigende Viruszahlen und Sauerstoffmangel".
Foto: AP Foto / Rodrigo Abd

257 Journalist*innen verstarben bisher an Covid-19 weltweit, so die Press Emblem Campaign (PEC) aus der Schweiz. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Genf dokumentiert die publik gewordenen Todesfälle unter Journalist*innen. Besonders riskant ist die Situation in Lateinamerika, wo mehr als einhundert der bisher verstorbenen Reporter*innen herkommen. Dabei ist Peru einer der Hot Spots und das hat seine Gründe, so Ricardo Burgos vom „Colegio de Periodistas“, der größten Journalistenorganisation des Landes.

Ricardo Burgos kennt mehrere Kolleg*innen, die an Covid-19 verstarben. „20 sind es bisher in Lima, 36 im Rest Perus“, sagt der Korrespondent des Fernsehkanals Televisa. Seit 25 Jahren ist Burgos für den mexikanischen Sender, der in Peru einer der großen Anbieter ist, im Einsatz und die Pandemie sorgt für verheerende Nachrichten. „Im Juni haben wir auf Besserung gehofft, die Kurve der Infektionen begann sich abzuflachen. Doch die Situation hat sich im Juli zugespitzt – wir haben mehr als 7000 Neuinfektionen am Tag“. Darunter befinden sich auch immer wieder Kolleg*innen, so „Colegio de Periodistas“. Die größte Journalistenorganisation des Landes appelliert seit Monaten immer wieder an die Redaktionen alles für den Schutz der Kolleg*innen zu tun, so Burogs, derzeit der Vorsitzende der Journalistenvereinigung.

Peru sei der Hot Spot für Corona-Infektionen auch unter Journalist*innen. Auf Recherche im Armutsgürtel um Lima, in den Krankenhäusern, von denen viele komplett überlastet und der Zahl der Pateinten nicht mehr gewachsen sind, sei die Ansteckungsgefahr groß, meint Burgos. „Peru ist eine Gesellschaft, wo rund siebzig Prozent keine formale Arbeit haben, als Straßenverkäufer, Tagelöhner, Hausangestellte oder Kleinhändler arbeiten. Dass sorgt für fehlende Disziplin, fehlende Distanz und Infektionen“, erklärt er. „Anfangs waren die Kollegen mies ausgerüstet: kaum Masken, keine Handschuhe, keine Plastiktüte und kein Desinfektionsgel. Das hat sich gebessert, aber jedes Interview ist ein potentielles Infektionsrisiko“.

Das ist auch in anderen Ländern wie Mexiko, Bangladesh oder Indien der Fall, so die Schweizer Press Emblem Campaign (PEC). Die in Genf ansässige Organisation engagiert sich weltweit für den Schutz und die Sicherheit von Journalist*innen. Blaise Lempen, PEC-Generalsekretärin, hatte im März die Idee sämtliche publik gewordene Todesfälle von Kolleg*innen rund um den Globus zu dokumentieren. Dabei beruft sie sich auf Regierungsquellen, soziale Medien, Medienorganisationen in aller Welt sowie das Korrespondentennetz der PEC. „Reporter spielen eine wichtige Rolle im Kampf gegen das Virus, ihre Sicherheit ist essentiell wichtig, denn sie sorgen für die Verbreitung wichtiger Informationen, berichten über die Situation in Krankenhäusern, besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen und fehlende Schutzmaterialien, weshalb viele gestorben sind“, mahnt Lempen. Ihre Organisation, die Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen (UN) hat, appelliert an die UN im September eine Resolution für den besseren Schutz von Journalist*innen in der Pandemie zu verabschieden.

Auffällig ist die überproportional hohe Zahl von Opfern aus Lateinamerika, worauf auch die interamerikanische Pressevereinigung (SIP) Anfang August aufmerksam machte. Sie listete mehr als einhundert Berichterstatter*innen, die sich bei ihrer Arbeit infizierten mit Datum vom 8. August auf. Nach diesen Zahlen lag Mexiko mit 26 verstorbenen Kolleg*innen vor Peru (22), Ecuador (16), Brasilien (9) und den USA (9). Mehr Schutzmaterialien, die Erstellung und die Einhaltung strikter Sicherheitsprotokolle forderte SIP-Präsident Christopher Barnes in einer Presseerklärung.

Die Informationen aus diesen Ländern fließen sehr unterschiedlich. Während Colegio de Periodistas in Lima eine Statistik über an Covid-19-verstorbenen Kollegen unterhält und regelmäßig aktualisiert, führt die Pressevereinigung (ANP) im bolivianischen La Paz keine vergleichbare Auflistung. „In Bolivien gibt es nicht genug Testkapazitäten, so dass es in vielen Erkrankungsfällen keine klare Diagnose gibt. Zudem wissen wir oft nicht, ob der oder die Reporter*in sich bei der journalistischen Arbeit oder einer anderen Tätigkeit infizierte“, erklärt Franz Chávez von der ANP die Hürden. Viele an Covid-19 erkrankte Kolleg*innen hätten zudem kein Interesse ihre Erkrankung publik zu machen, meint Chávez. Ein Indiz für Angst vor Stigmatisierung.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Spanien droht Musk mit Strafen

Für Elon Musk, Chef der Online-Plattform X ist der spanische Regierungschef ein „Tyrann“ oder ein „Faschist“. Pedro Sanchez will "Tech-Oligarchen" wie Musk persönlich strafrechtlich für Inhalte auf ihren Plattformen und für Manipulationen an Algorithmen verantwortlich machen und ein Social-Media-Verbot für junge Menschen einführen.
mehr »

Gezielte Angriffe auf Medienschaffende

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di sieht in den Ergebnissen einer Kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke zu Straftaten gegen Medienschaffende ein alarmierendes Signal. Es sei dringend nötig, auch Medienschaffende bei der geplanten Gesetzesnovelle des Strafgesetzbuches zum Schutz des Gemeinwesens ausdrücklich in das veränderte Strafmaß für Angriffe auf Personen einzubeziehen, die im öffentlichen Interesse tätig sind.
mehr »

EU braucht gemeinsame Regeln

Ist das Herkunftslandprinzip der Europäischen Union im Medienbereich heute noch zeitgemäß? Um diese Frage und viele weitere drehte sich die Diskussion auf der alljährlichen Konferenz der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle in Brüssel. Einfache Antworten gab es nicht.
mehr »

ver.di will Anhebung der Niedriglöhne im Kino

Kein Lohn unter 16 Euro, so lautet die zentrale Forderung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) in der aktuellen Tarifauseinandersetzung der Kinobranche. Ziel ist es, für die rund 2.500 Kinobeschäftigten sozial gerechte und existenzsichernde Einkommen zu erreichen, deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn.
mehr »