Der schmale Grat zur Ausbeutung

Azubis lassen sich im Betrieb gern voll fordern – Oft fehlt Zeit fürs Lernen

Gib mir einen Pegelton! – Kommt Schnitt definitiv nicht dran in der Prüfung? – Hast du das Band schon kodiert? – Wieviel muss ich über Difitaltechnik wissen? – Konzentrierte Anweisungen und aufgeregtes Stimmengewirr füllen die Regieräume der „Schule für Rundfunktechnik“ (SRT) in >Nürnberg. Angehende Mediengestqalter/innen bereiten sich auf ihren zweiten praktischen Prüfungsteil vor. Neben der selbstständig nach eigenen Plänen erstellten Arbeitsprobe müssern sie im Studio unter der Aufsicht der Prüfer beweisen, dass sie das berufliche Handwerkszeug beherrschen, die einen Kamera,  Ton und Licht, die anderen Schnitt und Buldmischung.

Die SRT wurde vor 35 Jahren als Weiterbildungsinstitut von ARD und ZDF gegründet. Inzwischen profiliert sich die Stiftung bürgerlichen Rechts als „führendes Trainingsinstitut für audiovisuelle Medien“. Zu den neuen Aufgaben gehört die Doppelrolle der Schule bei der Ausbildung der AV-Medienberufe: Das bayerische Kultusministerium hat der SRT einen Teil des Berufsschulunterrichts übertragen; das macht im ersten Ausbildungsjahr eine Woche und in den folgenden Jahren je fünf Unterrichtswochen aus. Außerdem findet in den zahlreichen und gut ausgestatteten Produktionsräumen der SRT im IHK-Auftrag die praktische Abschlussprüfung für alle Azubis und Umschüler beider Berufe aus ganz Bayern statt.

SRT-Dozent Günter Wenk gestaltet die Examensinhalte, den „heimlichen Lehrplan“, als Prüfungsausschussvorsitzender für die Mediengestalter/innen Bild und Ton entscheidend mit. Anders als bei den meisten dualen Ausbildungen gibt es bei den beiden AV-Berufen keine bundeseinheitliche Aufgabenstellung. Wenk: „Das fördert die Innovationsfreude.“ Von derzeit rund 200 AV-Medien-Azubis in Bayern – unter ihnen etwa 30 Film- und Videoeditoren – lernen circa 90 Prozent bei großen und kleinen privatwirtschaftlichen Sendern und Produktionsbetrieben. Etwa zehn Prozent bildet der Bayerische Rundfunk aus. Im Schnitt ist eine von drei Auszubildenden eine junge Frau. Fast alle Azubis fangen die Lehre nach dem Abitur an. Doch im Unterschied zu anderen anspruchsvollen Berufen machen nur wenige die vorgezogene Prüfung nach 21/2 Jahren. Zu umfangreich sind die Ausbildungspläne, als dass eine verkürzte Lehrzeit sinnvoll wäre. Da sind sich AV-Arbeitgeber und Gewerkschaft einig.

Immer mehr Berufseinsteiger über Umschulungen

Im Herbst dieses Jahrs werden in Bayern voraussichtlich 80 neue Lehrstellenbewerber eingestellt. Ihnen stehen dann fast doppelt so viele Berufseinsteiger an Umschulungsinstituten gegenüber. Eine Entwicklung, die Wenk wenig gefällt, unter anderem deshalb, weil die Qualität dieser Kurse oft zu wünschen übrig lässt. Er sieht, dass viele spezialisierte Betriebe der Branche allein nicht in der Lage sind, eine breite Grundbildung zu vermitteln: „Kleine Ausbildungsverbünde würden helfen. So könnten viele neue Lehrstellen entstehen, etwa bei den privaten Radiostationen. Die fallen bislang raus, weil sie das Thema ‚Bewegtbild‘ nicht abdecken können.“ Aber bisher, so bedauert Wenk, seien in Bayern die Vorbehalte gegenüber einer Ausbildungskooperation zu groß.

Währenddessen übt im kühlen Kellerraum der SRT ein anderer Teil der Klasse für die schriftliche Abschlussprüfung. Die Azubis zerlegen einen kurzen Werbefilm nach allen Regeln der Kunst: Wie ist die Lichtstimmung? Welcher Montagetyp liegt vor? Stellen Bild oder Ton die Kontinuität der Botschaft her? Welche visuelle Absicht ist zu erkennen? – Es geht um die richtigen Fachbegriffe, aber auch um die Einsicht, dass filmische Gestaltungsmittel nicht bei jedem Menschen gleich wirken.

Der Rückblick auf die drei Ausbildungsjahre fällt bei allen sehr ähnlich aus: Die meisten AV-Azubis finden es richtig und gut, dass sie viel arbeiten müssen, besonders in den Kleinbetrieben. Die Verpflichtung, für eine systematische Durchdringung des Stoffs zu sorgen, liegt aus ihrer Sicht bei Berufsschule und SRT. Dabei schneidet die Berufsschule schlecht ab: Es fehle an Qualifikation und Motivation der Lehrkräfte; der Unterrichtsstoff sei überholt und zu techniklastig; die Abstimmung mit der SRT lasse zu wünschen übrig.

Kritik an der Berufsschule

Besonders drastisch formulieren die Kritik zwei angehende Mediengestalter Bild und Ton, die bei einem regionalen Fernsehsender in Ingolstadt angestellt sind: „Berufsschule ist Zeitverschwendung.“ Sie sind stolz darauf, Autodidakten zu sein und „vom ersten Tag an im Betrieb alles gemacht zu haben außer der Moderation: Ton, Kamera, Licht, Sendetechnik.“ Dass sie vom Prüfungsthema Digitaltechnik erst wenig Ahnung haben, ist aus Sicht der Azubis ein Versäumnis der Schule, nicht des Senders. Allerdings gestehen sie zu, dass es „manchmal schon gut gewesen wäre, gerade bei Gestaltungsfragen einen Profi in der Firma fragen zu können.“ Aber den gab’s nicht. Kühn berichten die beiden, dass sie nach der Prüfung eine Firma gründen werden: „Wir wollen unsere eigenen Chefs sein.“

Vom ersten Tag an im Betrieb alles gemacht

Andere Erfahrungen hat eine junge Film- und Videoeditorin bei der Kirch-Gruppe gemacht. Dort werde wirklich Wert auf Ausbildung gelegt, „viel gezeigt und viel erklärt“, berichtet sie. Selbst jetzt, kurz vor der Abschlussprüfung, wird sie in der Abteilung Digitalregie nicht allein gelassen: „Nur einfache Sachen darf ich selber machen.“ Ein Berufskollege aus einer kleinen Produktionsfirma in München hat sich den Umgang mit dem Schnittsystem und der MAZ hauptsächlich im Learning-by-doing-Verfahren angeeignet.

Er setzte aber durch, dass ihn sein Ausbildungsbetrieb auf Zeit in ein befreundetes Unternehmen schickte, „damit ich in andere Bereiche – z.B. Kameraassistenz – hineinschnuppern konnte.“ Ab und zu, berichtet der Film- und Videoeditor, wenn er mit den angehenden Mediengestaltern Bild und Ton in seiner Klasse spreche, „überlege ich schon, ob das nicht der bessere Beruf gewesen wäre: wegen der breiten Grundlagen und weil man lernt, mit ganz verschiedenen Geräten zu arbeiten. Kann sein, dass man das mal braucht.“

Während die Azubis kurz vor den Ziel voll des Lobs über die Prüfungsvorbereitung an ihrem dritten Lernort, der SRT sind, denkt deren Vorstand, Karlheinz Weber, schon an eine vierte Dimension. In Zusammenarbeit mit der TU München entwickelt die Schule animierte Lerneinheiten für beide AV-Berufe, die übers Internet und im Bildungsfernsehen abrufbar sein sollen. Erste Erfahrungen mit solchen „Selbstlernmodulen“ können diejenigen sammeln, die sich in Nürnberg berufsbegleitend auf die IHK-Prüfung zum Mediengestalter Bild und Ton vorbereiten.

 

nach oben

weiterlesen

Beschwerde-Rekord beim Deutschen Presserat

Der Deutsche Presserat hatte im vergangenen Jahr ordentlich zu tun: 2020 sind so viele Beschwerden eingegangen wie noch nie. Das lag nicht zuletzt an Massenbeschwerden zu einzelnen Artikeln, die in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurden. Auch die Zahl der Rügen ist deutlich gestiegen. Insgesamt 53 Mal verhängte die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse ihre schärfste Sanktion.
mehr »

Gibbet Fisch, oder gibbet kein Fisch?

Der Spruch stammt von meinem Musiker-Kollegen, mit dem ich als Autor in den 90iger Jahren, also in den guten analogen Zeiten, auf Lesereise war. Ein paar Bier, ein Abendessen und das Eintrittsgeld waren immer drin, und selbst wenn am Ende der Lesung der Hut rumging, kam ein nettes Sümmchen zusammen. Zeiten, von denen man heute nur noch träumen kann.
mehr »

Hanau: Betroffenen mehr Raum geben

Zum Jahrestag des rassisch motivierten Anschlags in Hanau hatten Interkultureller Mediendialog und dju in ver.di Hessen eingeladen, über Diskursverschiebungen in der Berichterstattung zu diskutieren. Es gebe zwar mehr Sensibilität, aber „in bestimmten Redaktionen ist der Groschen noch nicht gefallen, weil es sie nicht betrifft“, konstatierte Hadija Haruna-Oelker vom Hessischen Rundfunk.  Veränderungen habe es vor allem durch den Druck von Angehörigeninitiativen der neun Opfer gegeben, so Gregor Haschnik von der „Frankfurter Rundschau“.
mehr »

Wenn abstrakte Ideen konkret werden

Designer*innen „machen die Welt zu einem schöneren Ort“, heißt es blumig bei der Rheinischen Fachhochschule Köln. „Design heißt, Lösungen für Probleme zu entwickeln“, sagt Professor Klaus Neuburg vom Mediendesign-Studiengang der Ostfalia-Hochschule ganz rational. Und ein Problem hatten seine Studierenden bei der Planung der Jahresausstellung:  Statt die Werke wie üblich in der Hochschule zeigen zu können, wanderte pandemiebedingt alles in eine selbstentwickelte 3-D-Ausstellung mit dem Titel „Prototyp“.
mehr »