DGB-Filmpreis in Emden verliehen

DGB-Preisverleihung an Hans-Erich Viet und Leon Schwarzbaum durch den Vorsitzenden des DGB- Niedersachsen(-Bremen - Sachsen Anhalt), Mehrdad Payandeh. V.l.n.r.: Keno Bergholz, Moderation, Hans-Erich Viet, Leon Schwarzbaum, Mehrdad Payandeh
Foto: Gabi Marks

Standing Ovations für einen zerbrechlichen 97 Jahre alten Mann bei der ausverkauften Emder Uraufführung von „Der letze Jolly Boy“ von Hans Erich Viet. Das Publikum honorierte den Film über den Ausschwitz Überlebenden Leon Schwarzbaum beim 29. Internationalen Filmfest Emden-Norderney mit dem diesjährigen DGB Filmpreis, der mit 7000 Euro dotiert ist. Regisseur Viet – ein echter Ostfriese – hat zusammen mit Filmregisseur und Schauspieler Detlev Buck an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studiert und mit ihm seine ersten Kurzfilme gemacht. Er war 2009 schon einmal DGB-Preisträger mit „Deutschland nervt“.

Drei Jahre sind sie gemeinsam gereist, weil Hans Erich Viet in den langen Gesprächen mit seinem Protagonisten klar wurde, dass er mit ihm die wichtigen Stationen seines Lebens besuchen und dokumentieren wollte. Nach Bedzin in Polen, in das Gymnasium an dem er 1939 Abitur machte und seither vergeblich das verschollene Zeugnis sucht. Nach Auschwitz, wo der damals 94jährige, der polnisch, deutsch und englisch mühelos wechselt, mit Besuchern spricht. Zum Prozess gegen den SS Mann Reinhold Hanning in Detmold, in dem Leon Schwarzbaum Zeuge und Nebenkläger war, zu Markus Lanz, wo der Zeitzeuge als Gast geladen war.

Seit 21 Jahren wird der DGB Filmpreis für den „gesellschaftlich engagierten Film“ vergeben und die Vorstellung der in diesem Jahr nominierten vier Filme: STYX / Utøya / Commes des Garcons / Der letzte Jolly Boy, hat im DGB-Filmgespräch eine gute Tradition: Michael Kleinschmidt, Medienpädagoge und Filmkritiker vom Institut für Kino und Filmkultur aus Wiesbaden hat aus dem Gespräch wieder eine spannende und faktenreiche Veranstaltung gemacht. Mit dem Regisseur Julien Hallard aus Frankreich, dessen 1. Lang-Film „Commes des Garcons“ die Geschichte des Frauenfußballs auf launige Weise erzählt. Reims in Frankreich, 1969, ein Sportjournalist und eine zusammengewürfelte Frauenfußballmannschaft erkämpfen mühselig die Lizenz zum Länderspiel gegen Italien. Julien Hallard, der Politikwissenschaft studiert hat, sagt, sein Film sei kein Sportfilm, 1968/69 war eine wichtige Zeit, aber bis zur wahren Gleichberechtigung sei noch ganz viel zu tun.

Emanzipiert ist die Protagonistin von Wolfgang Fischers Film STYX, die Notärztin Rieke (Susanne Wolff), die allein mit ihrem Segelboot zur tropischen kleinen Insel Ascension segelt und dann auf offenem Meer erlebt, was es bedeutet „Mayday“ zu rufen: Für ein kenterndes Boot mit Flüchtlingen – es kommt keiner. Mit großer Intensität vermittelt STYX („das Meer des Grauens“ ) die verzweifelte Situation auf dem Meer; „It felt like a documentary“ schrieb ein Kritiker nach der Uraufführung bei der Berlinale und bewusst gibt es hier keine Musik.

So auch bei Utøya, ein Film, der mit seiner Protagonistin genau die 72 Minuten des Amoklaufs auf der Ferieninsel in Norwegen vom 22. Juli 2011 miterleben lässt. Ohne Musik, nur mit nachgestellten Originalgeräuschen, erleben die Zuschauer im Kino wie „quälend langsam Zeit vergehen kann“. Dem Regisseur Erik Poppe ist es ein Anliegen, denen eine Stimme zu geben, die keine mehr haben – den 77 Opfern. Bei den Proben und Dreharbeiten waren betroffene Jugendliche dabei und haben ihre Erlebnisse eingebracht. Erik Poppe sieht seinen Film als deutliches Plädoyer gegen den täglich erstarkenden Neofaschismus in Europa.  Utøya wurde von den Emder Zuschauer_innen mit dem Score Bernhard Wicki Preis (dotiert mit 15.000 Euro) bronzen also mit dem 3. Platz ausgezeichnet . Zweitplatziert ist „The Drummer and the Keeper“ vom irischen Regisseur Nick Kelly, der Bipolarität und Autismus in seinem Film thematisiert, und spürbar aus den Erfahrungen in der eigenen Familie bewegt wurde.

Der diesjährige große Gewinner in Emden heißt Likarion Wainaina aus Kenia. Er erhielt mit „Supa Modo“ den Score Bernhard Wicki Preis in Gold (dotiert mit 10. 000 Euro) und den AOK Preis (5.000,–). Sein Film erzählt die Geschichte von der 9jährigen Jo aus einem kenianischen Dorf, die unheilbar krank, im Kreis der Familie und Freunde zur Superheldin wird, nach dem Vorbild der Action Helden, die sie liebt. Eine so traurige Geschichte irgendwie fröhlich stimmend zu erzählen, ist schon eine Besonderheit. Dazu auch einen professionellen Film zu machen, in einem Land, in dem es keine Filmindustrie gibt, keine Filmschulen ist herausragend; und wie der Regisseur sagt, dem Projekt „One Fine Day Films“ zu verdanken, das Tom Tykwer und seine Frau Marie Steinmann 2008 initiiert haben und das Ausbildung und Filmemachen in Afrika fördert. „Supa Modo“ hat hier in Emden ein großes Publikum erreicht und vielleicht Chancen auf einen Verleih und Kinostart in Deutschland gewonnen.

Unser Programm 2018, so schreibt Festival-Leiter Rolf Eckard, ist wieder zu einer großen Herzensangelegenheit geworden und die Erfahrung von regelmäßig 25.000 Zuschauern zeigt, dass man seinem Publikum das richtige bietet. Das Besondere an diesem Filmfest Emden-Norderney ist die Nähe zu den Filmemachern. Nachts im Mitternachtstalk, der moderiert ist, aber auch für Publikumsfragen offen; in den Kinos, nach den Vorstellungen, bei den verschiedenen Kurzfilmreihen, überall kann gefragt und diskutiert werden, und der Emder Zuschauer nimmt da auch kein Blatt vor den Mund. „Die Bilder waren wunderbar, aber die Musik hat mich total genervt“, muss sich Nils Loof, Regisseur des Films „Jenseits des Spiegels“ (ein Film aus der Nordlichter Reihe „Mystery“) sagen lassen.

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