Die Frage des richtigen Formats

Über die Berichterstattung in der Pandemie diskutierten: Moderator Christian Rabhansl (DLF Kultur), Shakuntala Banerjee (ZDF), Sibylle Anderl (FAZ), Martin Hennig (Universität Passau), Veit Medick (Spiegel) (v.l.n.r.).
Foto: M/kw

Haben die Medien während der aktuellen Pandemie zur Aufklärung und Information beigetragen oder haben Sie eher Verwirrung gestiftet? Teils, teils, urteilt der Berliner Virologe Christian Drosten. Über seine Erfahrungen berichtete er auf der Konferenz „Formate des Politischen 2020“. Die vom Deutschlandfunk, der Deutschen Welle und der Bundespressekonferenz veranstaltete Diskussion fand in diesem Jahr nur in digitaler Form statt.

Wissenschaft, Wissenschaftsjournalismus und allgemeiner Politikjournalismus orientierten sich an völlig verschiedenen Parametern, sagte der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité auf der Konferenz „Formate des Politischen 2020“. Bei Interviews zu Beginn der Corona-Krise habe er ein krasses Missverhältnis registriert. Von einer Dreiviertelstunde Text vor der Kamera mit Warnungen vor dem sich ausbreitendem Virus sei meist nur die Geschichte mit der „Fledermaus als Virusüberträger“ übriggeblieben. Journalisten suchten oft die Provokation, die direkte Ansprache, neigten zur Personalisierung.

In dieser Situation sei ihm der vom NDR an ihn herangetragene Podcast „Coronavirus Update“ sehr gelegen gekommen. Dieses halbstündige Interviewformat sei ein „vollkommen journalistisches Produkt“. Es werde ungeschnitten gesendet, biete die Möglichkeit zu differenzierter Argumentation. Zudem bestehe keine Gefahr, falsch zitiert zu werden.

Seiner Rolle als Medienstar steht Drosten sehr ambivalent gegenüber. Zwischenzeitlich habe er „sich selber als Comicfigur gezeichnet“ gesehen. „Für das Ansehen eines Wissenschaftlers ist es nicht unbedingt gut, so in der Öffentlichkeit zu stehen.“ Er habe sich diese Rolle nicht ausgesucht, sie sei für ihn „zeitökonomisch eher von Nachteil“. Ihn treibe eher ein „Verpflichtungsgefühl“, als Spezialist der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen.

Journalismus ist keine Wissenschaft

Vor allem Boulevardmedien hatten immer wieder versucht, einige seiner Aussagen gegen die anderer Wissenschaftler, zum Beispiel gegen Alexander Kekulé oder den Epidemiologen Sucharit Bhakdi auszuspielen. Auf die Frage, ob er sich gelegentlich wie eine Spielfigur auf dem Schachbrett der Medien vorkomme, erwiderte Drosten, durch solche Kontroversen werde „nicht unbedingt Wahrheit gefördert“. Für die Wissenschaft seien derartige Vorgänge „ohne Relevanz“. Die Personalisierung der Medien laufe ins Leere: „Wissenschaftler haben keine Position, sondern interpretieren Befunde mehr in die eine oder die andere Richtung.“ Diese Art der Differenzierung falle den meisten Medien schwer.

Komplexe Sachverhalte wie das Funktionieren einer Pandemie medial aufzubereiten – „das geht in kurzen TV-Formaten gar nicht“. Jede Medienkommunikation sei eine „Verkürzung der Wissenschaft“. Im Gegensatz zu Journalisten referiere der Wissenschaftler „nicht über die Arbeit anderer Leute, außer im wissenschaftlichen Nahfeld“. Er selbst äußere sich nur als Virologe, nicht als Epidemiologe. Diese Selbstbeschränkung auf das eigene Spezialgebiet empfehle er auch allen Nachwuchswissenschaftlern, wenn sie in die Öffentlichkeit gingen.

Die Grenzziehung zwischen geeigneten und ungeeigneten Informanten und Quellen in der Wissenschaftskommunikation müsse entlang klarer Kriterien verlaufen. Etwa der Frage, ob Wissenschaftler*innen zu diesem Thema schon publiziert hätten. Dies sei nötig im Dienste der journalistischen Qualitätskontrolle. Drosten vermisst in der deutschen Mediendebatte „mehr wissenschaftliche Stimmen aus dem Ausland“. Allenfalls der US-Virologe Anthony Fauci habe gelegentlich in sehr personalisierter Form ein Podium erhalten.

Vereinfachung statt Verkürzung

Wo liegen Verbesserungspotentiale in der Corona-Berichterstattung? Eine Frage, mit der sich die Teilnehmer des nachfolgenden Podiums beschäftigten. Sibylle Anderl, Wissenschaftsjournalistin der FAZ, würde rückblickend „weniger belehrend auftreten“, das Publikum mit seinen Ängsten ernst nehmen, zugleich aber den Fokus öfter auch auf „positive Nachrichten legen“. Konflikte mit der hauseigenen Politikredaktion kreisten meist um den Grad an zumutbarer Komplexität in der Berichterstattung. Die Faustregel könne lauten: „Vereinfachung ist zulässig, Verkürzung eher nicht.“

Eine so neuartige Erfahrung wie die Pandemie erfordere Geduld mit dem Publikum, betonte Shakuntala Banerjee vom ZDF („Berlin direkt“). Oftmals habe die Redaktion zu viel bei den Zuschauer*innen vorausgesetzt. Es sei ratsam, auch einfachste Sachverhalte immer wieder zu erklären. Gelegentlich sei beim Publikum der Eindruck entstanden, die Redaktion greife jeweils zu der Zahl, die gerade passe – egal, ob es um Infektionsfälle, Pandemie-Tote oder Intensivstationsbetten gehe. In dieser Situation sei die ausführliche Parallelberichterstattung auf heute.de nützlich, um die Sendungen nicht mit empirischen Daten zu überfrachten.

Für Veit Medick, Spiegel-Redakteur und Autor des Bandes „Lockdown. Wie Deutschland in der Corona-Krise knapp der Katastrophe entkam“, war die Berichterstattung anfangs zu stark auf die „Flatten-the-Curve“-Strategie fixiert. Auch habe er den Eindruck gewonnen, auf Wissenschaftlerseite seien „immer dieselben drei Leute“ befragt worden. Politikjournalisten bräuchten „Protagonisten und Helden“, mit denen sich leichter „Geschichten erzählen“ ließen. Diese „mediale Ikonisierung“ sei jedoch gefährlich, wenn die so aufgebauten Stars die „Deutungshoheit“ über das Pandamie-Geschehen übernähmen.

Martin Hennig, Medienwissenschaftler an der Universität Passau und Mitautor einer Studie über die Corona-Berichterstattung von ARD und ZDF, bekräftigte seine These vom „Tunnelblick“, den die Öffentlich-Rechtlichen in den ersten Monaten der Krise durch ein exzessives Angebot von Sondersendungen erzeugt hätten. Die Studie habe eine „Tendenz zur unhinterfragten Affirmation von staatlichen Maßnahmen“ belegt. ARD und ZDF hatten diese Vorwürfe seinerzeit zurückgewiesen.


#formate20

Eine Reihe besonders interessanter Gespräche und Diskussionen aus dem Programm „Formate des Politischen 2020“  waren und sind als Aufzeichnungen in Sendungen der drei Deutschlandfunk Programme und in verschiedenen Podcasts zu hören.

Nächste Sendung am 18.11. um 19:15 Uhr im Deutschlandfunk: „Zur Diskussion“ –  Wissenschaftsjournalisten und politische Korrespondenten über ihre Rolle in der Corona Krise

Alle Sendungen stehen nach ihrer Ausstrahlung in der Dlf Audiothek App sowie auf deutschlandfunk.de/formate on demand zur Verfügung.

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