„Die kennt doch keiner“

Weniger begabte Prominente verdrängen erfahrene Synchronsprecher

Der Einfall war ebenso schlicht wie genial: Irgendwann kam ein großes Hollywood-Studio auf die Idee, Zeichentrickfiguren bekannten Schauspielern nachzuempfinden, und natürlich haben die Stars den animierten alter egos anschließend auch ihre Stimme geliehen. Konsequenterweise wurden die Filme bei der deutschen Synchronisation von den üblichen Sprechern gesprochen. Damit verpuffte aber natürlich der Promi-Faktor. Also hatten die deutschen Verleihfirmen eine andere Idee: Sie verpflichteten deutsche Stars.

Es lässt sich zwar nicht nachweisen, ob die Filme an den hiesigen Kinokassen durch die Stars auch nur einen Euro mehr eingespielt haben, aber der PR-Effekt ist sicher nicht zu verachten, wenn auf dem Filmplakat mit Anke Engelke oder Erkan & Stefan (alle „Findet Nemo“), Hape Kerkeling („Kung Fu Panda“), Thomas Gottschalk („Garfield“), Michael „Bully“ Herbig („Robots“), Otto Waalkes („Mulan“, „Ice Age“) sowie aktuell mit Michael Mittermeier („Hexe Lilli“) oder Oliver Kalkofe und Diana Amft („Monsters vs. Aliens“) geworben werden kann. Diese Menschen haben drei Dinge gemeinsam: Sie sind populär, sie haben markante Stimmen und sie besitzen schauspielerische Erfahrung.
Und selbst wenn Schauspielerinnen wie Bettina Zimmermann („Cars“, „Kung Fu Panda“) oder Cosma Shiva Hagen („Mulan“, „Kung Fu Panda“) vielleicht keine zusätzlichen Zuschauer in die Kinos locken, so werden sie als Gäste von TV-Talkshows immerhin kräftig für die Filme werben. Deshalb kann Nicolas Böll, Sprecher des Interessenverbandes der Synchronschauspieler (IVS) und deutsche Stimme unter anderem von Emilio Estevez, damit leben, wenn er neben Quereinsteigern arbeitet, „weil das Synchronisieren eine Sparte des Schauspielberufs ist: Die einen stehen auf der Bühne, die anderen vor der Kamera, die dritten im Synchronstudio“.

Die Besetzungsideen stammten in solchen Fällen fast immer vom Filmverleih, erläutert Marion Noack, Geschäftsführerin von Studio Hamburg Synchron. Ihre Firma hat mit Nena und „Tokio Hotel“-Sänger Bill Kaulitz „Arthur und die Minimoys“ (Tobis) synchronisiert, und da „das Geld vom Auftraggeber kommt, ist es für das Synchronstudio keine uninteressante Aufgabe, denn der Umsatz ist ja nicht zu verachten.“ Die Engagierung blutiger Laien gefällt Böll und seinen Mitstreitern vom IVS allerdings gar nicht: „Die machen ihren Job einfach nicht gut.“ Auch diese Liste enthält viel Prominenz: Ex-Rennfahrer wie Michael Schumacher, Mika Häkkinen und Niki Lauda (alle „Cars“), Boris Becker und Verona Pooth (beide „Himmel und Huhn“), der Komiker Mario Barth (ebenfalls „Cars“) oder die Musiker der Sprechgesang-Kombo „Die fantastischen Vier“ („Madagascar“).
Der eine oder andere „Promi“ mag sich ja in der Tat als Glücksgriff erweisen. Aber den meisten, klagt Peter Reinhardt, Vorsitzender des IVS, sei die mangelnde Erfahrung anzuhören. „Man steht daneben und leidet still vor sich hin“, bedauert Reinhardt. Marion Noack sieht das ähnlich: „Mitunter wäre es für den Hörgenuss in der Tat besser, wenn man die Aufgabe erprobten Sprechern überlassen würde.“

Bei der Bezahlung hingegen scheiden sich die Geister. Die einen sind der Meinung, wenn jemand dazu beitrage, dass ein Film Erfolg habe, soll er auch seinen Anteil bekommen. Andere finden die Summen, um die es zum Teil geht, „obszön“. Kerkeling zum Beispiel hat für „Kung Fu Panda“ angeblich eine höhere fünfstellige Summe erhalten. Ein fürstliches Honorar, wenn man weiß, dass normal sterbliche Sprecher einen Bruchteil dieser Summe bekommen. Noack ist allerdings „noch nicht zu Ohren gekommen, dass sich Synchronsprecher darüber beschwert hätten. Diese Art von Filmen machen ja in der Menge der zu synchronisierenden Filme und Serien nur einen kleinen Anteil aus, so dass den Sprechern kein nennenswerter Verlust entsteht.“
Eher ideell ist hingegen ein anderer Schmerz: Die prominenten Sprecher der Figuren aus „Kung Fu Panda“ werden im Abspann ausdrücklich gewürdigt, die professionellen Synchronschauspieler hingegen nicht mal erwähnt. Lapidare Begründung eines Mitarbeiters vom Filmverleih Universal Pictures International: „Die kennt doch sowieso keiner.“ Die Äußerung wirft ein klares Licht auf die Verhältnisse. In der Synchronbranche herrscht ohnehin seit Jahren ein ruinöser Preiskampf; und natürlich werden die Sparmaßnahmen nach ganz unten durchgereicht. Trotz der derzeitigen Konjunkturkrise, die sich auch auf die Synchronfirmen auswirken wird, glaubt man in der Branche nicht an die längst überfällige Marktbereinigung. Im Gegenteil: Wenn weniger Produktionen auf den Markt gelangen, wird sich der Wettbewerb eher noch verschärfen. Die Firmen leiden vor allem darunter, dass der Wert ihrer Arbeit nicht messbar ist, wie Rainer Ludwig, Geschäftsführer von FFS Synchron, bestätigt: „Leider ist es äußerst schwer zu beweisen, dass eine herausragende Synchronisation auch ein gutes Verkaufsargument ist. Die Kosten sind ja im Verhältnis zum gesamten Budget etwa eines TV-Films aus Hollywood äußerst gering, wir reden hier von 3.000 bis 4.000 Euro für eine hochwertige TV-Arbeit.“
Streik wäre ein probates Mittel, um die Auftraggeber unter Druck zu setzen. „Wie viele Leute würden denn noch ins Kino gehen, wenn die Filme nicht synchronisiert wären“, fragt IVS-Vorstandsmitglied Roland Hemmo rhetorisch. Doch dazu wird es nie kommen: weil weder die Sprecher noch die Synchronfirmen zur entsprechenden Solidarität in der Lage sind.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »

Feminismus im Comic: Ganz ohne Superman

Comics waren lange eine Sache von Männern und Jungs. In ihren Abenteuern retteten maskuline Helden wie Superman die Welt, Zeichner dominierten die Branche. Doch das ändert sich: Viele der aufsehenerregenden Comics der vergangenen Jahre stammen von Frauen. Die Zeichnerinnen erzählen aus ihrem Leben, hinterfragen stereotype Geschlechterrollen und machen feministische Begriffe und Theorien populär. Doch ganz neu ist das nicht: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass feministische Ideen schon sehr früh Teil der Comickultur waren.
mehr »

Journalismus: Wenn Arbeit krank macht

Die Journalistin Mar Cabra ist Mitbegründerin von „Self Investigation“. Die Stiftung mit Sitz in den Niederlanden gibt es seit November 2021. Ihr Ziel ist, die Situation der mentalen Gesundheit von Journalist*innen zu verbessern. Dabei schöpft die gebürtige Spanierin aus ihren Erfahrungen mit einem Burnout. Die Pulitzer-Preisträgerin arbeitete 15 Jahre lang als Journalistin in spanischen und internationalen Medien, unter anderem bei der BBC oder der spanischen Zeitung "El Mundo".
mehr »

Im Schatten des Ukraine-Krieges

Über den konkreten Verlauf des russischen Angriffskriegs in der Ukraine wird das deutsche Publikum seit Beginn der Invasion in allen Medien umfassend informiert. Das diesjährige Treffen des Korrespondenten-Netzwerks „Weltreporter“ am 11. November in Hamburg kreiste dagegen um das Thema „Nebenkriegsschauplätze: Wie Russlands Krieg die Welt verändert“. Erstmals erprobt wurde dabei das Format eines „Reporterslams“. Fazit: Viele Weltregionen sind in der Berichterstattung nach wie vor unterbelichtet.
mehr »