Die multi­mediale Welt: Jeder kann mitmachen

Seit drei Jahren ist der Begriff ein wahrer Renner: Web 2.0. Optimisten gebrauchen das Schlagwort gern als Synonym für Demokratisierung und digitale Kommunikationsrevolution, Pessi­misten sprechen eher vom multimedialen Hype und einer weiteren Internet-Blase. Fakt ist: Durch neue Techniken ist das World Wide Web in eine neue Entwicklungsphase getreten. Doch: Was bleibt, was ändert sich? Gibt es etwa einen Journalismus 2.0?

Noch sind nur reichlich die Hälfte aller Deutschen online – von anderen Ländern ganz zu schweigen –, da zeigt Google bei der entsprechenden Suche 193 Millionen Treffer für „Web 2.0“ an. In Deutsch sind‘s immerhin noch 4,54 Millionen Fundstellen – und die weltweit führende Suchmaschine bietet nur einen Ausschnitt aller WWW-Inhalte. Doch was ist dieses Web mit der für Software üblichen Versionsnummer? Was bedeutet 2.0 – im Gegensatz zu 1.0 oder 3.0? Geprägt haben den Begriff Web 2.0 die beiden Experten Tim O‘Reilly und Dale Dougherty, als sie Ende 2004 eine Veranstaltungsreihe zu neuen Trends im Internet aus der Taufe hoben.
Da war das Medium schon längst mehr als nur Kommunikationsmittel von Wissenschaftlern, Computer nicht mehr nur das Spielzeug von Informatikern und Freaks. Fast alle klassischen Medienhäuser – Verlage, Radio- und TV-Sender – fütterten das WWW, neue Serviceanbieter offerierten ihre Dienste und nebenbei lief die individuelle Kommunikation der Nutzer via Mail und Chats. Das Internet der vernetzten Computer schien die berüchtigte „eiermilchlegende Wollsau“ – nur mit dem Geldverdienen klappte es nach der geplatzten Internet-Börsenblase 2001 schlecht.

Andere arbeiten lassen

Das wollten überlebende und neue Anbieter mit echter Multimedialität und Interaktion ändern. Neue Techniken und sich ausbreitende Breitbandanschlüsse erlaubten den Transport größerer Datenmengen, stärkere Vernetzung, dezentrales Arbeiten im Netz, dynamische Veränderungen an Webseiten und einfaches Einstellen von eigenen Inhalten. Abgesehen von kommerziellen Riesen wie Google und eBay stehen Wikipedia und MySpace genau so für das neue Internet wie Plattformen à la Flickr, Youtube und del.icio.us oder Portale wie last.fm und Xing. Ganz zu schweigen von der virtuellen 3D-Welt Second Life mit ihren fast sechs Millionen „Bewohnern“ oder den 70 Millionen Weblogs.
Ihnen allen gemeinsam ist das „aal“-Prinzip – andere arbeiten lassen, also die aktive Nutzung von Inhalten, die die Nut­zer selbst einstellen – und die „jkm“-Men­talität: jeder kann mitmachen. Zugleich stehen die verschiedenen Firmen für sehr unterschiedliche Trends der neuen Web 2.0-Welt, die sich in fünf wesentlichen Anwendungsgruppen zusammenfassen lassen. Weblogs als private, meist text­basierte Internettagebücher sind vernetzte, jedermann zugängliche Formen der personalisierten Meinungs­äußerung – überwiegend nicht von Berufsjournalisten. Zunehmend wird diese Form aber – ob ihrer Nutzerbindung – auch von fast allen etablierten Online-Medienanbietern im Netz genutzt. Sonderformen sind Experimente wie die Readers Edition als Leserzeitung oder webnews. Fortgeschrittene Blogger wie Spreeblick bieten auch Audio und Video. Eines der hierzulande bekanntesten Web-TV-Programme ist Ehrensenf (M 06 / 2006) – es läuft inzwischen auch bei Spiegel Online.
Die Gruppe der Podcast und Vodcast umfasst vor allem professionelle Audio- und Videoangebote, die oft von etablierten und neuen Anbietern zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung gestellt werden. Ihren Siegeszug traten sie mit dem iPod und der iTunes-Software von Apple an – daher auch die Zusammensetzung aus Pod in Verbindung mit der Endung von Broadcast (Rundfunk). Sie erlauben die Zusammenstellung personalisierter Programme, die unabhängig vom Zeitpunkt der Ausstrahlung auf transportablen Playern vom Nutzer gehört / gesehen werden können. Im erweiterten Sinn kann man zu dieser Gruppe auch die Audio-Plattform last.fm zählen, die die Titellisten und Musikvorlieben der beteiligten Nutzer zu einem personalisierten Webradio bündelt.
Last.fm nimmt dabei Anleihe bei etwas, was die dritte Gruppe der Web 2.0-Anwendungen auszeichnet: die Vernetzung und Bündelung von Nutzerinteressen auf speziellen Plattformen. Die Spannbreite reicht von Adressen und Geschäftsplattformen wie bei StudiVZ oder Xing (früher openBC) über MySpace und YouTube bis zu Link-/Bookmark-Sammlungen à la del.isio.us. Auch etablierte deutsche Medien wie die großen TV-Gruppen RTL und ProSiebenSat.1 haben mittlerweile mit clipfish und myvideo Videoplatt­formen für jedermann, aus denen sogar neue Sendungen in klassischen TV-Programmen kreiert werden.
Eine spezielle Gruppe der neuen Web-Anwendungen sind Wikis, also Online-Datensammlungen, in denen tausende Nutzer ihr Wissen zusammentragen – die bekannteste ist die inzwischen größte Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Dank offener Anwenderschnittstellen sind auch Mashups entstanden – sie verbinden zum Beispiel Google-Maps mit dem örtlichen Veranstaltungskalender. So genannte Social Software ermöglicht die gemeinsame Nutzung von PC-Programmen etwa Textverarbeitung, Adress- und Terminverwaltung.

Flucht in die virtuelle Welt

Eher aus dem Bereich der Spiele kommt dagegen eine Gruppe von Web 2.0-Anwendungen, die sich unter dem Begriff Virtual Life zusammenfassen lässt. Berühmtester Vertreter ist die Welt von Second Life, in der sich seit dem offiziellen Start 2003 inzwischen knapp sechs Millionen Internetnutzer mit ihren Avataren (Kunstfiguren) als „Bewohner“ in der 3D-Simulation angemeldet haben. Nach den USA liegen Deutsche seit März 2007 an zweiter Stelle in dieser Ersatz­welt, tauschen echtes Geld in Linden-Dollars und umgekehrt, kaufen Land, bauen oder mieten und bewegen so täglich fast 600.000 echte Dollars!
Unter den mindestens 20.000 Euro teuren Firmenfilialen in Second Life sind etliche deutsche Medienkonzerne: Spiegel Online wirbt für sich mit seinem Avatar Sponto, der Axel Springer Verlag bietet mit AvaStar eine virtuelle Boulevard-Wochzeitung zum Kauf, „Vanity Fair“ hat einen Zeitungskiosk, die Radioholding Regiocast baut an einem „Radio der nächsten Generation“ und der Berliner Rocksender starfm hat zwei deutsche Avatare in seinem virtuellen Studio verheiratet. Beate.Uhse.tv ist auch schon da, uprom.tv aus München ist mit Videoschnipseln auf Sendung und der Berliner Sender LIFA-4-U übertrug im April ein Live-Konzert der Band Juli aus der realen in diese geklonte Welt. Der WDR führte in einem ausgebuchten Kino dieser Kunstwelt seine Sendung „echt böhmermann“ aus seinem Dritten Fernsehprogramm auf und selbst Sabine Christiansen will als gleichnamiger Avatar mit ihrer neuen CNBC-Sendung „Global Players“ im zweiten Leben durchstarten.
Genau der Riesen-Hype um Second Life (52,3 Millionen Goggle-Treffer!) zeigt wie kaum eine andere neue Internet-­Anwendung die Gefahren des Web 2.0: Der Realitätsflucht in eine digital-virtuelle Scheinwelt halten Kritiker zu Recht den Slogan „First live in first life“ entgegen. Und selbst der des Zukunftspessimismus unverdächtige Web-Journalist Mario Sixtus ätzt über Second Life als „Asyl für Ewiggestrige“. Kommunikationsspezialist Rudolf Maresch spricht von „Bühnen des Mobs und der Wichtigtuer“, die entstehen, wenn die digitale Revolution „ihre Kinder ins Mitmach-Web“ entlässt. Seine Hauptkritikpunkte an Web 2.0 sind Geschäftemacherei, Anonymität bei Blogs und Wikis sowie Intransparenz und Verantwortungslosigkeit.
Um den „gläsernen Nutzer“ sorgt sich selbst eine Broschüre des O‘Reilly-Verlags zu Web 2.0 und warnt davor, persönliche Daten allzu freigiebig preis­zugeben. Auch das EU-Jugendschutzprogramm „Safer Internet“ will sich des Problems künftig annehmen und erwartet bis Anfang Juni Vorschläge. Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft an der TU Berlin moniert, dass die „jungen Medien ein neues Forum für Exhibitionis­mus“ bieten und „Schamgrenzen der Selbstdarstellung“ senken. Gesammeltes „Laienwissen“ trete „in Konkurrenz zum Expertenwissen“. Der Erfinder des Begriffs „virtual reality“ und Digitalvisionär Jaron Lanier kritisiert, dass „nur das große Ganze, das Kollektiv“ zähle und weniger der einzelne Mensch, was „totalitären Ideo­logien“ oder einer „neuen Religion“ gleiche. Die Macht des „Durchschnitts von Meinungen“ führe zu „Gedankengleichmacherei“, er selbst habe „Wiki-Lynchjustiz“ verspürt.

Grauzone um den Journalismus

Trotzdem beharren Optimisten darauf, dass das Web 2.0 kommunikativ jeden Empfänger zugleich zum Sender macht, jeden Konsumenten von Medien zugleich zu deren Produzent. Bringt das dann auch einen Journalismus 2.0 hervor? PR-Meldungen wie von webnews als „wohl größte Nachrichtenagentur Deutschlands“ mit mehr als „30.000 Re­dakteuren“ suggerieren das. „Nicht jeder Bürger ist ein Journalist, aber jeder Journalist ist natürlich ein Bürger“ – auf diese griffige Formel bringt es die Publizistin Ursula Pidun. Die frühere Chefmodera­torin der Readers Edition hat nicht nur geholfen, für „Bürgerjournalismus“ eine Plattform zu schaffen, sondern prophezeit auch, dass künftig am „einträchtigen Nebeneinander“ von „Blogs und Leser­zeitungen mit klassischen, etablierten Medien“ kein Medium mehr vorbeikommen wird. Der frühere kress-Chefredakteur und jetzige „Vanity Fair“-Blogger Peter Turi warnt davor, das „Phänomen Web 2.0“ als „mediale Herrschaft der Massen“ zu unterschätzen. Konflikte sieht er eher im „Aufeinandertreffen von Verlagen, die sich dem Web 2.0“ öffnen müssen, und den „Alpha-Tieren der Blogszene“, die gern ihre Deutungshoheit über die Sphäre behalten würden. Interessante Einblicke dazu bot auch die Berliner Szene-Konferenz re:publica 07 Mitte April mit über 700 Aktivisten (s.u.a. www.connexx.-av.de). Von einer „Grauzone um den Jour­nalismus herum“ spricht die neue Studie „Klicks, Quoten, Reizwörter“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. In ihrem Auftrag haben die beiden Online-Journalisten Steffen Range und Roland Schweins Nachrichten-Sites im Internet analysiert und festgestellt, dass „dieser Parajournalismus kaum journalistischen Qualitätsansprüchen“ genügt. Nachrichten im Web würden „nicht nach Wichtigkeit und Relevanz ausgewählt, sondern nach Einschaltquote“, was Einfluss auf Themen­selektion und Gestaltung nach „Massengeschmack“ habe. Fazit der beiden Mitt-Dreißiger: „Von Laien betriebene Vor- und Scheinformen von Journalismus in Gestalt so­zialer Netzwerke und Weblogs erweisen sich als Bedrohung für den re­daktionell betriebenen Journalismus“.

 

Begriffe des Web 2.0

Außer den zahlreichen seriösen Definitionen und Erklärungen von wichtigen Begriffen der neuen Internet-Kommunikation beim Online-Lexikon Wikipedia (www.wikipedia.org) sowie bei Fachdiensten wie heise (www.heise.de) gibt’s auch eine wirkliche witzige Variante bei der mit dem Grimme-Online-Preis 2006 ausgezeichneten Plattform Spreeblick.

Übersichtsangebote Web 2.0

www.oreilly.de/topics/web20
www.twozero.de
www.drweb.de/web20
www.web2null.de
www.web-zweinull.de
www.worldweb.de
www.web20spot.de
www.webbusiness20.de

Technische Begriffe

AJAX (Asynchronous JavaScript and XML): Nicht synchronisierter Datenaustausch zwischen Server und Browser ermöglicht das personalisierte Nutzen von Internetseiten.
RSS (Really Simple Syndication): Die „wirklich einfache Verbreitung“ ermöglicht dem Nutzer, Inhalte von Internetseiten zu abonnieren, bei deren Änderung er automatisch informiert wird.
Mashup (Vermischung): Ermöglicht die Erstellung neuer Webinhalte durch die Kom­bination bereits bestehender Inhalte und Anwendungen.
Tag (gemeinschaftliches Indexieren): Mit Schlagwörtern versehene Webinhalte ermöglichen Lesezeichen und das schnelle Auffinden sowie die gemeinsame Nutzung dieser Sammlungen.
Trackback (Rückfluss): Bezeichnet eine Funktion, mit der Webinhalte kommentiert werden können und darüber die Nutzer automatisch informiert werden.

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