Digitale Empathie statt Klickolympiade

Shit & Candy: Die neue Währung für den Journalismus - 29. Journalistentag der Medienschaffenden in ver.di 
Foto: Jan-Timo Schaube

Shit & Candy: Die neue Währung für den Journalismus - 29. Journalistentag der Medienschaffenden in ver.di Foto: Jan-Timo Schaube

Berlin: 29. Journalistentag der Medienschaffenden in ver.di

Nach journalistischen „Leuchttürmen“, die im Getöse der Nachrichten und der Informationsüberflutung Orientierung geben, überprüfbare Fakten liefern und „Vernunft in die Debatten bringen“, verlangte Medienjournalistin Brigitte Baetz auf dem 29. Journalistentag der Medienschaffenden in ver.di am 23. Januar in Berlin. Journalismus sei dazu aufgefordert, „politische Handlungsbedarfe klar aufzuzeigen“, könne jedoch „kein Politikersatz“ sein, betonte Vize-Chef Frank Werneke vor den 250 Teilnehmer_innen, die unter dem Motto „Shit & Candy die neue Währung im Journalismus?“ in Berlin debattierten.

ver.di-Vize Frank Werneke betonte in seiner Begrüßung die große Verantwortung der Journalisten für einen politischen und demokratischen Diskurs in Zeiten „emotionaler und zugespitzter Parolen“. Die Millionen Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen haben, um an einem sicheren Platz leben zu können, „stellen eine Chance für unsere Gesellschaft dar“, sagte er. Doch gäbe es gegenüber dem Fremden auch Ablehnung, unverblümte Hetze und Gewalt, ebenso wie ernstzunehmende Ängste in weiten Teilen der Bevölkerung. ver.di und speziell die Journalistenorganisation dju sähen sich in diesem Spannungsfeld als ein „Rückgrat zivilgesellschaftlichen Engagements und im Kampf gegen Rechts“. Man habe die Aufgabe, „konkrete Forderungen an die Politik zu formulieren“. Gegen Versuche politischer Einflussnahme – etwa in den Rundfunkräten – müsse man sich klar zur Wehr setzen. Nötig sei auch, „selbst praktische Beiträge zur Integration zu leisten – in Redaktionen und Betrieben, in der Ausbildung oder durch Branchenvereinbarungen mit den Arbeitgebern“. Gemeinsam mit dem DGB arbeite ver.di daran, eine „Allianz für Weltoffenheit“ zu gründen und darin möglichst viele Akteure einzubinden.
Aktuelle Geschehnisse um die Flüchtlingsströme, der Kampf gegen rechte Parolen und Gewalt, aber auch Geschehnisse wie zur Silvesternacht in Köln zeigen laut Werneke, „wie wichtig eine professionelle Berichterstattung ist“. Es gehe dabei um Information, Erkenntnisgewinn und Sachlichkeit. Interaktion mit dem Publikum könne dabei „Fluch und Segen zugleich“ sein. Auf keinen Fall dürften Redaktionen personell weiter ausgedünnt werden. Auch in Aus- und Weiterbildung müssten Verlage und Sender mehr investieren. Der Staat müsse dafür sorgen, dass Journalistinnen und Journalisten ihren Beruf – auch auf Demonstrationen – sicher ausüben können und bei freier Berichterstattung geschützt werden.


Kooperation für mediale Integration

Die Deutsche Journalist_innen-Union in ver.di übernimmt das Stipendium für die Teilnahme einer geflüchteten Journalistin oder eines Journalisten mit Einwanderungsbiografie am Trainee-Programm der „Neuen deutschen Medienmacher“ (NdM). Eine entsprechende Kooperation wurde im Januar vereinbart.
Das Netzwerk NdM engagiert sich schon seit längerem in der Nachwuchsförderung für Berufskolleg_innen aus Einwandererfamilien. Die aktuell hohe Zahl an Flüchtlingen verlangt verstärkt mediale Integration. Deshalb wurde das 18-monatige „Traineeprogramm für Journalist_innen mit jüngerer und älterer Einwanderungsgeschichte“ initiiert. Bis Mitte nächsten Jahres werden 50 Trainees, darunter 25 geflüchtete Berufskolleg_innen, auf verschiedenen Ebenen gefördert. Die Absolventen sollen auch danach noch Unterstützung durch Mentoren erhalten. Neben zahlreichen anderen Kooperationspartnern unterstützte die dju in ver.di, so ver.di-Vize Frank Werneke auf dem Journalistentag, dieses Projekt „nicht nur ideell, sondern nach Kräften auch materiell“.


 

Mut dem Mainstream zu widerstehen

Brigitte Baetz, Medienjournalistin, Deutschlandfunk Foto
Brigitte Baetz, Medienjournalistin, Deutschlandfunk Foto: Jan-Timo Schaube

Brigitte Baetz, Medienjournalistin beim Deutschlandfunk rief dazu auf, sich durch den digitalen Medienwandel und aktuelle „Lügenpresse-Vorwürfe“ nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Diese Angriffe kämen vorrangig von Leuten, „denen unser ganzes demokratisches System nicht passt“. Um solche Haltungen nicht mehrheitsfähig werden zu lassen, sollten sich Journalistinnen und Journalisten auf ihr ureigenes Handwerk besinnen und „selbstbewußt ihre Arbeit tun“. Das schließe digitale und andere neue Erzählformen ein.

Doch komme es darauf an, die gesellschaftlich relevanten Dinge in die Öffentlichkeit zu transportieren. Mitunter solle man auf Berichterstattung aber auch verzichten, solange „man noch nichts Sinnvolles zu sagen hat“. Zum Mut, dem Mainsteam zu widerstehen, gehöre für sie auch das Selbstbewusstsein klarzumachen, dass Journalisten nicht nur Kostenfaktoren sind, sondern das Pfund, mit dem ihre Arbeitgeber wuchern. Bei Arbeitsbedingungen und Honoraren müsse sich zeigen, ob Verleger und Sendeverantwortliche journalistische Arbeit für austauschbar und wertlos halten. Gute Arbeit „braucht Zeit und damit Geld“, sagte Baetz. Auch im Online-Bereich zeige sich, dass „aufwändige journalistische Arbeit nicht einfach so verschenkt werden kann“. Das Diktat der Klickzahlen spreche nicht ausschließlich für den Trend zu mehr Trivialität. Es zeige auch, was „die Leser zurzeit am meisten umtreibt“. Sich nur noch auf Klickfähigkeit von Inhalten zu orientieren, werde sich jedoch „langfristig rächen“. „Ich vertraue fest darauf, dass es für relevante Inhalte immer einen Bedarf gibt, vielleicht aber nicht immer einen Markt“, sagte die Referentin und zeigte sich überzeugt, dass nur, wer dem Publikum Besonderes, Relevantes und inhaltlich Zuverlässiges biete, sich langfristig halten könne.

Nicht alles ist Bullshit

Richard Gutjahr, Journalist, Blogger, Kolumnist
Richard Gutjahr, Journalist, Blogger, Kolumnist Foto: Jan-Timo Schaube

Zur Rolle der sozialen Medien und ihrem strategischen Nutzen für den Journalismus befragte Moderator Klaus Schrage („Nürnberger Nachrichten“) den Kolumnisten und Blogger Richard Gutjahr und Dr. Clas Dammann, Teamleiter von heute+ beim ZDF. Es sei wichtig, nach Stimmungsbildern und Einschätzungen der User zu suchen, es käme aber immer darauf an, „Themen so zu fokussieren, dass sie ein Gesprächsangebot sind“. Auch einen Shitstorm könne man lernen zu lesen und daraus relevante Fragen „destillieren“, erklärte Dammann. Journalisten müssten die „neuen Kulturtechniken“ erlernen und hinterfragen, forderte Gutjahr. Nicht alles sei Bullshit, was die Leute im „Sprachgewirr der neuen Medien herausbrüllen“. Doch noch fehlten Redakteuren und Onlinern die „digitale Empathie“ und Fähigkeiten, zwischen den Zeilen Entwicklungen „vorzufühlen“ und darauf journalistisch zu reagieren. „Wir durchleben gerade ein gigantisches soziologisches Experiment“, meinte der Praktiker, „Und wir alle sind dabei die weißen Mäuse.“

Clas Dammann, ZDF heute+ Foto: Jan-Timo Schaube
Clas Dammann, ZDF heute+
Foto: Jan-Timo Schaube

In dieser Entwicklung werde es „keine Ruhepausen mehr geben“, denn es gehe nicht, „dass das Publikum weiter ist als wir selbst“. Wichtig sei es, die eigene Arbeit transparent zu machen, so Dammann. Und in bilateraler Kommunikation für die Zuschauer ansprechbar zu sein. Qualitätsabstriche seien nicht hinnehmbar. Auch neue journalistische Formen – wie voll animierte „Erklärgrafiken“ bei heute+ – entstünden dabei, die in andere Redaktionen ausstrahlen, so der Teamleiter. Neugier sei gut und ein selbstbewusstes „Lasst uns mal machen“, meinte Gutjahr. Die Lebensrealität sei zu akzeptieren, mit ihr und ständig neuen technischen Angeboten umzugehen, müsse man „trainieren“.

Nah am Leser mit dem Live-Ticker

Jens Nähler und Burghard Holz von der Hessisch- Niedersächisischen Allgemeinen Foto: Jan-Timo Schaube
Jens Nähler und Burghard Holz von der Hessisch- Niedersächisischen Allgemeinen
Foto: Jan-Timo Schaube

Wie die „Klickolympiade“ in der Praxis des Lokaljournalismus verlaufe, berichteten Teams aus Print- und Online-Redakteuren von der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“ (HNA) aus Kassel und der „Neuen Westfälischen“ (NW) aus Bielefeld. So habe eine enge Verzahnung von Print- und Online-Angebot bei der HNA dazu beigetragen, sich noch mehr auf die lokalen Kernkompetenzen zu konzentrieren und die Mantelberichterstattung nach hinten zu stellen. Das erfordere „noch mehr Disziplin im Lokalen“ und mache es nötig, täglich eigene Themen zu setzen, erläuterte Print-CvD Burghard Holz. Eigentlich arbeiteten in seinem Bereich „nicht nur die 12 Onliner, sondern auch alle anderen“, so Jens Nähler, Leiter der Online-Redaktion. Über die Ressorts hinwegzudenken sei „zwingend erforderlich“. Umso mehr, da neben der Online-Ausgabe auch ein Live-Ticker und ein verlagseigenes Life-Radio zu bestücken seien. Das erfordere auch, die Redakteure entsprechend technisch auszustatten. „Extrem schwierig und zeitaufwändig“ sei der Umgang mit Kommentaren. Seit Beginn der Flüchtlingsströme habe sich deren Zahl vervierfacht, so Nähler. Doch begrüße er es, dass unterschiedlichste Meinungsäußerungen „bei uns auf der Plattform stattfinden“. Daraus ließen sich journalistische Themen ziehen, die im Gegenzug auch in der Print-Ausgabe abgebildet würden. Eine eigene neue Kommunikationsplattform mit der App „Kassel life“ bringe den Nutzern zusätzlichen Service und dem Anbieter inzwischen steigende Nutzerzahlen.
Dass es für gelernte Print-Journalisten nicht leicht sei, stets Online mitzudenken und für dieses Feld – das nie fertig wird – auch zu produzieren, bestätigte

Neue Westfälische im Umbruch: Miriam Scharlibbe und Annika Falk-Claußen Foto: Jan-Timo Schaube
Neue Westfälische im Umbruch: Miriam Scharlibbe und Annika Falk-Claußen
Foto: Jan-Timo Schaube

Annika Falk-Claußen, die Online-Verantwortliche bei der NW. Sie berichtete von umfangreichen Schulungsmaßnahmen für die Kollegen. „Klicks sind wichtig, aber wir schauen immer mehr auf die Verweildauer, denn die steht für Qualität“, erklärte sie. Wegen Überlastung werde die Kommentarfunktion im Online-Auftritt zeitweilig abgeschaltet. Doch einmal jährlich veranstalte die Redaktion öffentliche „Hate-Slams“, bei denen die witzigsten und die fiesesten Kommentare vorgetragen würden. Als ein „Best-Practice-Beispiel der Verzahnung von Online- und Print beschrieb die Herforder Lokalredakteurin Miriam Scharlibbe ihr Experiment, mit Flüchtlingen gemeinsam Diskotheken in der Region zu besuchen. Lediglich in einem von acht Versuchen verlief der Test erfolgreich. Der Bericht habe eine Flut von kontroversen Online-Kommentaren ausgelöst, die das Thema auch in die Print-Ausgabe zurückspiegelten. Das schaffe Mehrwert und die Sicherheit, „nah am Leser dran“ zu sein.

Die dunkle Seite: Shitstorms

Mathias Tertilt und Stephanie Probst von der Deutschen Journalistenschule (DJS) Foto. Jan-Timo Schaube
Mathias Tertilt und Stephanie Probst von der Deutschen Journalistenschule (DJS)
Foto. Jan-Timo Schaube

Nach den Klick-„Candies“ fokussierten die Münchener Journalismusabsolvent_innen in ihrem Film zur Tagung auf die „Shit“-Währung. „Wegen der krassen Hasskommentare gegen Flüchtlinge“, kommentiert Mathias Tertilt den Streifen, der zunächst seine Kollegin Stephanie Probst in der Fussgängerzone zeigt, die Transparente mit „Asylanten raus“ und „Bald haben wir ein Christkind in Burka“ hochhält. Die meisten Leute gehen vorbei. Im Internet wird‘s heftiger: „Eine Flasche Benzin und ein Streichholz wären das Richtige!“ Medienprofessor Christoph Neuberger: „Kollektive Emotionen sind nicht steuerbar.“ Und die entfesselten Hasskommentare nicht löschbar? Facebook hat 2014 nur 188 Hasskommentare gelöscht, denn „robuste Beleidigungen gehören dazu“, Flüchtlinge sind keine erfassbare homogene diskriminierte Gruppe. Da installieren Bürger selbst einen Pranger: „Perlen aus Freital“. Ein Hasskommentator, Mitarbeiter bei Porsche, wird entlassen.

„Eskalation im Netz“ – Film der Deutschen Journalistenschule

 

Im Team oder als Einzelkämpfer

Doch der Dialog mit dem Publikum in Zeiten des digitalen Journalismus ist nicht nur eine inhaltliche Herausforderung, sondern auch eine finanzielle. Zwei sehr unterschiedliche digitale Geschäftsmodelle präsentierte Manfred Kloiber im Gespräch mit zwei

Maria Exner, Mitglied der Chefredaktion, Zeit online Foto: Jan-Timo Schaube
Maria Exner, Mitglied der Chefredaktion, Zeit online
Foto: Jan-Timo Schaube

Onlinern aus dem Zeit-Verlag. „Ohne Boulevardjournalismus erreichen wir 9,5 Millionen Leser im Monat“, verkündet Maria Exner von der Zeit online- Chefredaktion stolz und erklärt das mit neuen journalistischen Formen der Kooperation und der Präsentation. Im November brachte „Die Zeit“ unter der Headline „Es brennt in Deutschland“ z.B. zwei große Printgeschichten zu Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte, ihre steigende Zahl und geringe Aufklärungsquote. Die Online-Redaktion visualisierte die Daten. 15 Mitarbeitende hatten gemeinsam recherchiert. Exner präsentierte Beispiele für Storytelling und interaktive Formate wie das Quiz „Beat the Prof“ oder #Ask Refugee, unter dem Fragen von Geflohenen beantwortet wurden, die für fünf Tage in der Redaktion zu Gast waren. Wichtig auch, dass die Inhalte an neue Geräte angepasst werden – automatisch erscheint die passende Seitengestaltung, je nachdem ob ich sie mit dem Handy oder Desktop aufrufe. Das Konzept rechnet sich „Zeit online schreibt seit 2014 schwarze Zahlen“, so Exner.

Mark Heywinkel, Redakteur ze.tt Foto. Jan-Timo Schaube
Mark Heywinkel, Redakteur ze.tt
Foto: Jan-Timo Schaube

Mark Heywinkel ist frisch angestellt beim Zeit-Jugendportal „ze.tt“, hat sich bisher aber erfolgreich als freier Journalist durchgeschlagen – mit durchschnittlich 2300 Euro brutto im Monat. Sein „Geschäftsmodell“ fußt auf drei Säulen. Die erste ist der „Spaß“ an der Arbeit, am ewigen Lernen und Experimentieren mit neuen Tools, begeisterungsfähig, auch bei wenig Schlaf. So hat er Interviews mit Künstlern geführt, Reportagen geschrieben und gefilmt, Konferenzen organisiert, Workshops geleitet, Kampagnen mitentwickelt, sich ausprobiert und Wissen angehäuft. Zweiter wichtiger Punkt ist die „Selbstvermarktung“. Man solle nicht über Erfolg nachdenken, Strategien entwickeln, sondern drauf los arbeiten und „rausposaunen, was ich alles Tolles gemacht habe“. Und drittens schließt sich daran an: „Du darfst nicht aufhören, den Button zu drücken.“ Man müsse „immer senden und Feedback einfordern“, so Heywinkel, der sich als Autodidakt versteht. Die Ausbildung bereitet nicht auf den Job vor. Anders Zeit online-Redakteurin Maria Exner. Sie sagte in der Diskussion, der Reporter könne nicht mal eben ein Bild knipsen: „Für qualitativen Output braucht man Profis für alle Bereiche“.

Zukunftsvisionen: „Journalismus als Aktivitätsplattform“

Heftig diskutiert wurde die Analyse zur gesellschaftlichen Entwicklung und Rolle des Journalismus, die der Berliner Politik- und

Ayad Al Ani, Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft Foto: Jan-Timo Schaube
Ayad Al Ani, Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft
Foto: Jan-Timo Schaube

Ökonomie-Professor Ayad Al-Ani präsentierte. Gesellschaft sei seit der Industriellen Revolution immer hierarchisch strukturiert, der „general will“ aggregiere die Wünsche der Individuen in einem allgemeinen Interesse, dem sich die Bürger_innen unterzuordnen haben. Versuche vernetzter Gesellschaftsmodelle, wie sie bereits der chilenische Präsident Allende 1972 durch Einbindung der Bevölkerung in Entscheidungen durchsetzen wollte, scheiterten. Vision sei eine Welt aus verschiedenen vernetzten Communities, die von den Steuern lebten, die Unternehmen zahlen, in denen Roboter die Arbeit verrichteten. Journalismus habe bisher immer die Rolle gehabt, den „general will“ darzustellen, so Al-Ani. Stattdessen sollten Journalist_innen lieber „den Leuten helfen, eigene Entscheidungen zu treffen“, indem sie Informationen bereitstellen, wie Vox.com mit seinen Card Stacks (Hintergrundinfos) und die Menschen bei der Selbstorganisation ihrer Interessenvertretung unterstützen, wie es z.B. die Plattform change.org mache.
„Mir graut vor so einer Welt!“ Wie funktioniert das unter kapitalistischen Bedingungen?“ Wie sieht es da mit dem Urheberrecht, mit den Eigentumsrechten aus?“, fragten Tagungsteilnehmende und befürchteten: „Technologischer Fortschritt macht gesellschaftliche Ungleichheiten größer!“ Darauf Al-Ani: „Wir können ja was dagegen tun!“

Nicht von der Werbeindustrie kapern lassen

Frank Rieger, Sprecher Chaos Computer Club Foto: Jan-Timo Schaube
Frank Rieger, Sprecher Chaos Computer Club
Foto: Jan-Timo Schaube

Mobile Geräte sind heute mit Kameras und Ortungsdiensten ausgestattet. Was folgt aus permanentem Location-Tracking, geschieht mit Cookies und Plug-ins? Die Frage animierte Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, zur Gegenfrage: „Wer ist in der gegenwärtigen digitalen Welt eigentlich das Produkt? Die journalistischen Inhalte, die auf den Geräten gelesen werden? Oder ist der Nutzer, Leser bereits das Produkt, auf das die neuen Geschäftsmodelle abzielen?“ Momentan sei da viel „Herumstolpern“ im Bemühen, immer mehr über den User zu wissen. Wohin das führen solle, dass Nutzer nach demografischen und anderen Daten in ähnliche Gruppen sortiert und mit “passender Werbung“ traktiert werden, werde gerade heiß debattiert.

Rieger sah die Gefahr, dass Geschäftsmodelle, aus Nutzern immer Informationen abzuschöpfen und potenziell Geld zu melken, „soweit getrieben werden, dass nichts mehr funktioniert“. Die Medienindustrie habe sich eher willig von der „Werbeindustrie hijacken lassen“. Gerätehersteller bestimmten die Informationsströme und beherrschten, was passiert. Doch selbst diese hätten sehr unterschiedliche Strategien und letztlich „noch keinen Umgang damit gelernt“. Richtig gefährlich werde das, so Rieger, wenn am Ende regelrechte Optimierungsstrategien gegenüber Menschen stünden. Wenn Datenmengen genutzt würden, in die Privatsphäre hinein zu steuern, gar zu manipulieren und Ideologien zu transportieren nach dem Motto: „Jemand weiß – von Maschinen kontrolliert – was besser für Dich ist.“ Das sei in der Konsequenz“ die Antithese zur europäischen Aufklärung“, so der Datenschutzexperte. Es sei immer nach der Intention hinter solchen Geschäftsmodellen zu fragen. Gesetzliche Regelungen, etwa die Erweiterung der Europäischen Datenschutzregelung, müssten klar sichern, dass solch diskriminierende Modelle auch verboten werden können.

Zwei Seiten einer Organisation

Das Programm des 29. Journalistentages sei „interessant und sehr kurzweilig“ verlaufen; es stehe für das gesellschaftspolitische Wirken der

Ulrich Janßen, dju-Vorsitzender Foto: Jan-Timo Schaube
Ulrich Janßen, dju-Vorsitzender
Foto: Jan-Timo Schaube

Journalistenorganisation in ver.di, erklärte dju-Vorsitzender Ulrich Janßen in seinem Schlusswort. Diese berufspolitische Seite werde durch tarifpolitische Aktivitäten ergänzt. Qualitätsjournalismus – „oder Excellenz , wie man heute sagt“ sei nur unter „ordentlichen Arbeits- und Einkommensbedingungen“ gewährleistet. Auch dafür mache sich die dju stark, aktuell etwa mit dem „aussichtsreichen Versuch, bei Zeit online eine Tarifbindung herzustellen“. Auch die Freien stünden im Fokus. Dass der Referentenentwurf für die Novelle des Urhebervertragsrechts endlich ein Verbandsklagerecht vorsehe, sei Ergebnis intensiver Lobbyarbeit. Dieses Recht sollte freie Journalist_innen an Tageszeitungen künftig in Honorarauseinandersetzungen stärken und helfen, die Vergütungsregeln besser durchzusetzen.

Das Publikum fragt – Referentinnen und Referenten antworten

Video: Astrid Sauermann

29. Journalistentag: Das sagt unser Publikum

 

 

 

 

 

Das war der 29. Journalistentag der dju in ver.di

Video: Astrid Sauermann

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#Koeln in den Medien: Eine Bilanz

Mehr als eine Woche nach den Übergriffen der Kölner Silvesternacht sind die Ereignisse noch längst nicht vollständig aufgeklärt. Klar scheint hingegen für viele, vor allem in den Sozialen Netzwerken und Kommentarspalten der Online-Medien, dass die sogenannte „Lügenpresse“ mal wieder auf ganzer Linie versagt hat, sowohl was die verspätete Berichterstattung als auch was die Nennung der Herkunft der Täter betrifft. M fasst die Debatte zusammen.
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