Digitale Mobilität als Machtfaktor

Wie kann die Macht der Plattformen gebrochen und zugleich der öffentliche digitale Raum erhalten und demokratisch gesichert werden? Symbolbild: Shutterstock

Smartphone, Social Media und Plattformen – wie werden Menschen durch mobile, vernetzte Medientechnologien sichtbar, und wer oder was bleibt unsichtbar? Welche Rolle spielen dabei Geschlechter- und Machtverhältnisse? Über diese Fragen diskutierten Medienforscher*innen  auf der Tagung „Bilder in Bewegung, mit Bildern bewegen: Gender, Macht und Mobilität“ in Tübingen.

Die ecuadorianische Medienforscherin Daniela Jaramillo-Dent von der Universität Zürich, die selbst von Ecuador über die USA und Spanien in die Schweiz migriert war, thematisierte in ihrer Keynote am Beispiel von Migration, wie Narrative sich von der Peripherie in den Mainstream bewegen und wie menschliche Mobilität auf Plattformen hierarchisiert wird: Asylsuchende, Geflüchtete, Migrant*innen mit Papieren, Fachkräfte, Tourist*innen und digitale Nomad*innen. Diskurse über Migration wurden 2018 etwa auf Instagram und TikTok sichtbar – sie machten Hoffnung, doch mit der Trump-Regierung änderte sich das. Daten aus sozialen Medien von Migrant*innen dienten in den USA zu Kontrolle und Überwachung, Menschen aus Venezuela wurden nach El Salvador deportiert.

Prekarität und Privilegien

Der Diskurs verschob sich, Migrant*innen wollten nicht mehr sichtbar sein und heute drängt die rechtsextreme Peripherie in den Mainstream – politische Diskussionen werden vermieden, nur die nicht-migrantischen Privilegierten können sprechen. Jaramillo-Dents Fazit: Prekarität und Privilegien bewegen sich in einem Zyklus und können sich schnell ändern. Peripherer Content von ideologisch unterschiedlichen Seiten wird Mainstream – je nach kulturellem und legislativem Kontext in Politik und Gesellschaft. Diese Kontexte wirkten auch auf das Alltagsleben. So empfinde sie die Kameraüberwachung von Frauenparkplätzen in Schweizer Parkhäusern als Kontrolle und Unfreiheit, Schweizerinnen aber fühlten sich dadurch sicherer.

Die Ambivalenz digitaler Medien, die Sichtbarkeit und Mobilität befördern oder verhindern können, war roter Faden der facettenreichen Vorträge, die zumeist Social Media unter die Lupe nahmen. TikTok und Co können die Artikulation bestimmter Gruppen begrenzen, aber auch emanzipatorisch wirken, Sichtbarkeit, Solidarität und politische Teilhabe ermöglichen. Deutlich wurde dieses Spannungsfeld etwa bei der Analyse des Mobilisierungspotentials von Aktivist*innen in algorithmischen und transmedialen Räumen.

Feministisches Empowerment und Gegenöffentlichkeit

Die Tübinger Medienforscherin Selma Günay untersucht, wie Muslimas sich dem „vergeschlechtlichen Rassismus in der postmigrantischen Gesellschaft“ widersetzen. In journalistischen Medien würden sie bei Thematisierung und Repräsentation benachteiligt, hätten einen erschwerten Zugang zu Redaktionen und würden nun auf politischen Plattformen aktiv. Von März 2024 bis August 2025 führte Günay neun qualitative Interviews mit muslimischen Women of Colour – Journalistinnen und Content Creatorinnen – durch, darunter Dalal Mahra, die pakistanische Gründerin der Media-Plattform „Kopftuchmädchen“ und Fatima Zohra Remli, die Initiatorin des Forums „Maghreb Diaspora Connection“, die auf Instagram aktiv sind. Sie betrachten ihre Sichtbarkeit als „Überlebensstrategie“ und wollen andere Bilder vermitteln – etwa indem sie das Kopftuch zum „Superheldinnen-Cape“ machen. Zum Empowerment gehört der Anschluss an transnationale visuelle Subkulturen wie „Hijabista“ oder „Cool Muslim“.

Wie Social Media als Gegenöffentlichkeit zu antifeministischen Angriffen genutzt werden können, demonstrierte Chiara Dell’Anna von UN Women Deutschland am Beispiel von MyVoice MyChoice, der europäischen Bewegung für sichere Abtreibung, in der sie selbst aktiv ist. Antifeministische Akteur*innen im digitalen Raum würden algorithmisch bevorzugt und setzten gegen MyVoice strategisches Massenmailing ein und Doxing, d.h. die Veröffentlichung persönlicher Daten im Internet, oder versuchten die Bewegung mit Deepfake zu diffamieren.

So wurde der Hashtag „Abortion“ mit antifeministischen Bildern überlagert. Feministische Inhalte würden durch „restriktive Plattformlogiken“ unsichtbar gemacht – durch De-Platforming oder Shadowbanning, das für die Produzent*innen selbst nicht erkennbar ist. Gegen diese Angriffe wehrt MyVoice sich juristisch, aber auch medial im digitalen und analogen Raum – in der Alltagskommunikation, der Bewegungsöffentlichkeit und über Institutionen wie journalistische Medien. Als der #Abortion vom Meta-Konzern auf Facebook und Instagram entfernt wurde, machte MyVoice-Leiterin Nika Kovač im September 2025 dieses Shadowbanning durch Meta öffentlich und die Bewegung gewann 20.000 neue Unterstützerinnen.

Wie Rechte Geschlecht als „Brückenthema“ nutzen

Sandra Kero von der Universität Bremen zeigte, wie in extrem rechter Online-Kommunikation mit KI-Tools versucht wird, idealisierte gesellschaftliche Vorstellungen anhand von Geschlecht zu entwerfen. In Zeiten von Unsicherheiten und instabilen Wissensordnungen versuche die Extreme Rechte im vorpolitischen Raum Zukunftsvisionen zu entwickeln, so Kero, die gemeinsame Handlungsstrategien beinhalten und Gefühle wie Angst, Hoffnung, Nostalgie bedienen. Für die Konstruktion dieser „rechten Zukünfte“ sei Geschlecht ein „Brückenthema“, wobei die Rechte traditionelle Rollenbilder und heterosexuelle Exklusivität vertrete, das „dogmatische Zweigeschlechtlichkeit“ und die „ideale Kernfamilie“ beinhalte.

Wie KI generierte Bilder genutzt werden, um diese Werte und Gegenbilder zu vermitteln, untersuchte sie zwischen November 2024 und Juni 2025 anhand von 124 Bildern, die als rechtsextrem verifizierte Accounts (AfD, JA) posteten. Durch eine qualitative Inhaltsanalyse ermittelte sie Bedrohungsszenarien von Wokeness, Feminismus und Untergang, wobei Körper als „sozialpolitisches Symbol“ dienten. Der „richtige Körper“ wird ästhetisch idealisiert: der starke Mann, die fürsorgliche Mutter, die weiße Familie als Symbol für „Harmonie in der bedrohlichen Welt“ oder die „Nazi-Heidi“ mit blonden Zöpfen, traditioneller Kleidung in den heimatlichen Bergen als nostalgisches Bild. Keros Fazit: Mit der Mobilisierung von Affekten würden diese Geschlechterbilder hergestellt, um extrem rechte Wirklichkeiten so langfristig zu normalisieren.

Tradwifes: rechter Hausfrauentrend

Im Vortrag der Tübinger Medienforscherin Viktoria Rösch ging es um „weibliche Subjektpositionen von rechts“ wie sie rechte Influencerinnen auf Instagram und Youtube präsentieren. Die Selbstinszenierungen seien immer verknüpft mit einem politischen Programm und Lifestyleangeboten für Cis-Frauen. So betone „Freya“ von der Identitären Bewegung als selbstbestimmtes Tradwife und hingebungsvolle Mutter: „Unabhängigkeit ist eine Illusion“. Die Rapperin Runa präsentiere sich als selbstbewusste Rebellin in ikonischen Protestbildern mit Reichskriegsflagge: „Deutsche Menschen stemmen sich gegen den Untergang.“ Konsumiert würden diese Auftritte zumeist von „jungen Frauen, die über Instagram in Netzwerke kommen und sich politisieren“, so Rösch.

Zahlreiche weitere Vorträge thematisierten visuelle Geschlechterpräsentationen und widerständige Konstruktionen – durch andere Blicke oder Bilder. Es ging aber auch um den Einfluss anderer Merkmale wie Herkunft, Alter, Klasse oder Ressourcen auf Mobilität und wie KI dabei soziale Hierarchien reproduziert.

 

 

 

 

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