DOK Leipzig im Knast: Respekt!

DOK Leipzig im Knast
Foto: Gundula Lasch

Die Jugendstrafvollzugsanstalt (JSA) Regis-Breitingen ist die ungewöhnlichste Spielstätte von DOK Leipzig: Unter dem Motto „DOK im Knast“ organisiert das Festivalteam seit einigen Jahren Vorführungen in der Strafanstalt, die offen sind für die Inhaftierten. Dazu kommen akkreditierte Fachbesucher_innen aus Leipzig. Das eröffnet den Strafgefangenen „Blicke nach draußen“ und den Austausch mit den Gästen. In den ersten drei Novembertagen gab es täglich eine Filmvorführung. Nach dem DOK-Eröffnungsfilm „My Life as a Courgette“ (Claude Barras/F) wurden „Fighter“ (Susanne Binninger/D) und „Neo Rauch – Gefährten und Begleiter“ (Nicola Graef/D) gezeigt.

Der Besuch im Knast verlief erstaunlich unkompliziert. Zwar mussten alle Gäste ihre Ausweise abgeben und wurden gründlich kontrolliert, dann aber verlief alles so ähnlich wie „draußen“: Im Vorraum des Vorführsaals gab es Popcorn aus der nagelneuen (vom DOK-Team gespendeten) Maschine und Kaffee. Erste kurze Gespräche mit den jungen Gefangenen ergaben sich, dann ging es gemeinsam in den Kinosaal.

Beeindruckende Ergebnisse eines Filmworkshops

Zuerst einmal präsentierte eine Gruppe von Inhaftierten drei ihrer selbst produzierten Kurzfilme. Diese waren in einem Filmworkshop von Juni bis Oktober entstanden, den OSTPOL e.V. gemeinsam mit der Organisation „Glücklicher Montag“, der JSA Regis-Breitingen und DOK Leipzig realisiert hatte. Ostpol-Projektleiterin Vera Schmidt konnte den renommierten Leipziger Zeichner und Filmemacher Schwarwel für die Leitung gewinnen. Eine Crowdfunding-Aktion und viele freiwillige Helfer_innen ermöglichten das Vorhaben. Die am 2. November gezeigten drei Kurzfilme „Freiheit“, „Willie“ und „Schachmatt – vom Bauern zum König“ ließen das Publikum staunen – nicht nur über die filmische Qualität, sondern ebenso über die Tiefe der Aussagen. Der Beifall von Mitgefangenen und Gästen war berechtigt frenetisch und lässt Hoffnung wachsen, dass ein ähnliches Projekt im kommenden Jahr wieder gelingen könnte.

Tiefe Freundschaft und harte Kämpfe

Dann der 100minütige Film „Fighter“, ein Film über so genannte Käfigkämpfer. Ein spannendes Unterfangen. Wie würden die jungen Männer, die oft selbst Probleme mit Aggressionen und Gewalt haben, auf diesen stellenweise fast martialischen Dokumentarfilm reagieren? „Fighter“ ist ein Blick ins Innenleben einer Männerwelt. Die Protagonisten betreiben einen Extremsport, der sich Mixed Martial Arts (MMA) nennt. Es kann geboxt, geschlagen, getreten, geworfen und gerungen werden, ist also eine Kombination verschiedenster Kampfsportarten. Beim Kampf im Ring oder Käfig ist fast alles erlaubt. Es geht um nichts weniger als alles. Regisseurin Susanne Binninger geht der Frage nach, warum sich Männer diesen fast mörderischen Sport antun – noch dazu, wo damit kaum Geld verdient werden kann. Die Annäherung gelingt über die drei Protagonisten „Big Daddy“ alias Andreas, „The Warrior“ alias Khaled und „Leon“ alias Lom-Ali. „Aggression ist Teil der menschlichen Natur. Es gibt in unserer Welt dafür aber kaum noch Raum. Bleibt nur der Kampf Mann gegen Mann, um sie auszuleben“, erklärt der studierte Erziehungswissenschaftler Andreas im Film. Khaled und Lom sind nicht so wortgewandt, meinen aber dasselbe. Binninger begleitet die drei Männer bei der Vorbereitung auf ihre Kämpfe. Wir sehen den freundschaftlichen Zusammenhalt und fast zärtlichen Umgang der Trainingspartner miteinander. Wir erleben mit, wie sie sich gegenseitig Mut machen und unterstützen, wie sie den täglichen Kampf gegen den inneren Schweinehund, Nuss-Nougat-Creme und die Waage führen. Alles läuft auf ihren großen Tag hinaus, den nächsten Kampf und damit die Entscheidung über Aufstieg oder Fall in ihrer Gewichtsklasse.

Dann ist die Kamera schmerzhaft nah an den Kämpfern: Ineinander verschlungene, ringende Körper, das Klatschen der Schläge, das Keuchen der Kämpfer, ihre schmerzverzerrten Gesichter. Und dann, nach dem Kampf: Respekt für den Kontrahenten, fairer Umgang, tröstende Worte, Umarmungen.

„Gedanken-Aufschluss“ für „Fighter“

Binninger geht es nicht um Verherrlichung von Gewalt, sondern um einen Blick in eine „Normalverbrauchern“ verschlossene Welt, um eine Lebenseinstellung, um einen kompromisslosen Sport. Das gelingt der Regisseurin meisterhaft. Das gemischte Publikum aus JSA-Insassen und Besucher_innen folgt ihrem Weg. Und die jungen Gefangenen zollen Binningers Filmhelden ehrlichen Respekt: Die Kämpfer bekommen Szenenapplaus, auch wenn sie verlieren. Und als der Saal wieder hell wird, Protagonisten und Drehteam auf die Bühne kommen, werden sie gefeiert und anschließend ausführlich befragt.

Am Ende überreicht die Gefangenenjury Susanne Binninger ihren selbst geschaffenen Preis „Gedanken-Aufschluss“. Der Film habe Klischees verworfen und in unverfälschten Bildern den familiären Zusammenhalt der Sportler gezeigt, begründete die Jury ihre Wahl. „Dieser Preis wird für mich wohl für immer der persönlichste bleiben“, sagte Binninger später tief bewegt.

„Fighter“ ist seit Anfang November in den deutschen Kinos – das Thema sowie die kinematographische Qualität dürften für gute Zuschauerzahlen sorgen.

                                                                                                                     

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