Eigentlich unmöglich? – Freie mit Kindern

Bei einem EinsteigerInnenseminar „Leben in freien Berufen“ im April diesen Jahres beschritten die Verantwortlichen im Bildungswerk Springen mit dem Untertitel „und/oder Kinder und Karriere“ einmal neue Wege. So wurde während des Seminars nicht nur eine Kinderbetreuung angeboten, sondern erstmals auch der Versuch unternommen, neben den üblichen Einsteigerthemen näher auf den Spagat zwischen Freiberuflichkeit und Kindererziehung einzugehen.

„Es ist unprofessionell, wenn während des Telefonats mit dem Auftraggeber im Hintergrund Kindergeschrei zu hören ist, oder gar ein Kind den Hörer abnimmt, wenn das Telefon klingelt.“ Diesen oder ähnliche Sätze hatten einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon zuvor zu hören bekommen – und versucht, sich darauf einzustellen, indem sie z.B. beruflich wichtige Gespräche nur dann führten, wenn ihre Kinder gerade schliefen … Das hat natürlich seine Grenzen, aber irgendwoher muß das Geld zum Lebensunterhalt schließlich kommen, und es gibt mehr als genügend Kolleginnen und Kollegen, die auf dem gleichen Gebiet arbeiten und nicht „durch Kinder behindert“ sind. Also besser die Kinder verschweigen? Unwiederbringlich verloren sind die guten alten Zeiten der Großfamilie, in der immer jemand für die Kinder da war, … als die Arbeit noch nicht entfremdet war – und Kinder immer und überall selbstverständlich mit dabei waren … (Ja, es sei zugegeben, es gab auch den Mohnschnuller und andere obskure Beruhigungsmittel für Säuglinge.).

Heute besteht in Deutschland ein Anspruch auf einen Kindergartenplatz für jedes dreijährige Kind. Nur: Freie haben aufgrund ihrer oft ungewöhnlichen Arbeitszeiten meist nicht viel davon. Für die, die es sich leisten können, gibt es Tagesmütter und Au Pairs. Das funktioniert gut, solange alles normal läuft. Erfahrungsgemäß bekommen Kinder gerade dann die Windpocken oder Mumps, wenn Mutter oder Vater mit einem wichtigen Auftrag zu tun haben. Also besser keine Kinder?

Angesichts der beschriebenen Situation erscheint es vielleicht irrwitzig, daß manche Kolleginnen nach der Geburt der Kinder ihre feste Stelle aufgeben, weil sie sich von einer Tätigkeit als Freie versprechen, Beruf und Kinder besser unter einen Hut bringen zu können. Mit einer guten finanziellen Absicherung im Hintergrund ist das eine Möglichkeit, um im Beruf auf dem laufenden zu bleiben. Die Frage danach, ob dabei genügend Zeit für die „Karriere“ investiert werden kann, muß sich jede selbst beantworten. Erschwert wird die Arbeit der Freien mit Kindern nicht nur durch diese „äußeren“ Bedingungen: Da sind auch die meist männlichen, festangestellten Auftraggeber, die, weil sie persönlich Haushaltsmanagement und Kindererziehung an ihre Frauen delegiert haben, keine Vorstellung von der Lebens- und Arbeitssituation der Freien mit Kindern haben, und da sind auch die Kolleginnen, die es schon hinter sich haben, d.h. deren Kinder bereits herangewachsen sind. Ob das teilweise unsolidarische Verhalten am schlechten Gedächtnis der jeweiligen Kollegin liegt, oder ob sie aus Schadenfreude nach dem Motto „Ich habe das schließlich auch alles durchmachen müssen“ reagiert, ist dabei zweitrangig.

Jammern ist keine Lösung. Darum ist es an der Zeit, nach Lösungsmöglichkeiten und Wegen aus der Misere zu suchen.

Eigentlich müßten Freie mit Kindern von Auftraggebern besonders geschätzt werden, denn Menschen, die mit Kindern leben, haben viel zu bieten: Kinder verlangen ihren Eltern einiges an Geduld, Flexibilität und Kreativität ab. Ohne Zuverlässigkeit, Organisationstalent, vorausschauendes Denken und Improvisationsvermögen kommt Mutter/Vater nicht allzuweit. Kinder sind strenge Kritiker ihrer Eltern und stellen viele Fragen, die den Erwachsenen neue oder verlorengeglaubte Horizonte eröffnen können.

Fazit: beim Zusammenleben mit Kindern werden Fähigkeiten geschult, die auch für den Beruf der Erwachsenen äußerst nützlich sind. Also mehr Selbstbewußtsein zeigen, liebe freie Mütter/Väter! Verschweigt Eure Kinder nicht, macht Eure Situation zum Thema, das alle angeht! Das ist zumindestens ein Schritt, den wir gehen können – weitere sind unabdingbar!

 

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