Ein Preis für faire Festivalarbeit

Michael Wiedemann nahm für das Kinofest Lünen den Fair Festival Award entgegen. Überreicht wurde der Preis von Grit Lemke von der AG Festival in ver.di (Mitte) und ver.di-Gewerkschaftssekretärin Kathlen Eggerling Foto: Michael Kaltenecker

Auf dem 33. Filmfest Dresden 2021 wurde am 16. Juli erstmalig der Fair Festival Award 2020 der AG Festivalarbeit in ver.di verliehen. Den ersten Platz der Auszeichnung erhielt das Kinofest Lünen. Im Anschluss wurden die Ergebnisse der Umfragen zu den Arbeitsbedingungen von Festivalarbeiter*innen präsentiert und in einem Panel diskutiert: Wer setzt sich eigentlich für die Interessen von den Arbeiter*innen ein – und warum scheinen faire Arbeitsbedingungen in der Branche so schwer umsetzbar?

„Ich nehme diesen Preis nicht nur für das Kernteam, sondern für alle Arbeiter des Kinofests an. Dazu gehören auch unsere Praktikanten. Auch sie bekommen bei uns ein Gehalt. So etwas geht nur, wenn die Veranstalter für eine entsprechende Finanzierung sorgen. Bei uns gilt: Wenn diese nicht steht, dann gibt es kein Event“, mit diesen Worten bedankt sich Michael Wiedemann, einer der ehemaligen Leiter des Kinofestes Lünen.

Über die letzten anderthalb Jahre hat die Jury des Awards in zwei Phasen Filmfestivalarbeiter*innen erstmals bundesweit dazu aufgerufen, an einer Umfrage zu ihren Arbeitsbedingungen teilzunehmen. Mit einer vierstufigen Skala von fair bis unfair konnte man in mehreren Kategorien die Arbeit einordnen. Ob es und was für ein Arbeitsvertrag beziehungsweise Anstellungsverhältnis bestehe, wie die Arbeitsbedingungen und das Klima sei, die Kommunikation sowie Chancengleichheit und ähnliche Themenfelder standen zur Bewertung. Auch wurde danach gefragt, inwiefern die Arbeiter*innen von dem Job ihre Lebenshaltungskosten finanzieren könnten und wie lange sie bereits in der Branche tätig seien.

Die Umfrage für den Preisverleih wurde 2020 von Prof. Dr. Skadi Loist und Sarah Herbst als Kooperationsprojekt der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf mit der AG Festivalarbeit in ver.di durchgeführt. Die Ergebnisse wurden von Prof. Loist nun in Dresden präsentiert.

39 Prozent der Befragten können nicht von der Arbeit leben

An der Umfrage selbst nahmen in der ersten Phase im Februar 2020 insgesamt 49 deutsche Festivals mit 199 Mitarbeiter*innen teil. In der zweiten Phase von November bis in den Dezember 2020 waren es 158 Mitarbeiter*innen von 14 Festivals aus Deutschland.

In der ersten Phase konnte unter anderem herausgearbeitet werden: Dass der Großteil der Arbeiter*innen zwischen 30 und 39 Jahre alt waren, gefolgt von den Altersgruppen von 40 bis 49 sowie 20 bis 29. Der Großteil dieser Teilnehmer*innen hat bereits zwischen vier und zehn Jahre Arbeitserfahrungen in dem Sektor gesammelt. 81 Prozent hatten dabei oftmals mehr als eine Position auf dem jeweiligen Festival inne – trotzdem konnten 39 Prozent nicht von den Einnahmen leben.

Der Fair Festival Award

Wenn es um die Auswertung und den Vertrieb von Filmwerken geht, gelten Filmfestivals als einer der schwerwiegendsten Faktoren. Dem entgegen – das zeigen auch die Ergebnisse der Studie – stehen bei Mitarbeiter*innen oftmals eine mangelnde soziale Sicherheit, prekäre Arbeitsbedingungen und unfaire Bezahlung.

Die Umfrage zum ersten Fair Festival Award habe deutlich gemacht, dass die Filmfestivalbranche zu prekären und geschlechterungerechten Arbeitsverhältnissen beitrage. „Deshalb ist es wichtig, diejenigen Festivals, die es besser machen, mit diesem Preis auszuzeichnen. Öffentliche Förderinstitutionen sollten darauf bestehen, dass die von ihnen geförderten Filmfestivals für faire Arbeitsbedingungen sorgen“, betonte Christoph Schmitz, zuständig für Kultur und Medien im ver.di-Bundesvorstand in einer Medieninformation zur Preisverleihung.

Mit dem Award will ver.di über die Arbeitsbedingungen auf Filmfestivals aufklären und sich gleichzeitig für Verbesserungen einsetzten. Dabei soll sich eine schlagfertige Lobby für die Branche entwickeln, die bisher fehle. Diese soll nicht nur über Rechte von Festivalarbeiter*innen informieren, sondern langfristig Tarife für den Sektor verhandeln und etablieren.

Neben dem Kinofest Lünen wurden 2021 das Pornfilmfestival Berlin, die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, das Kurzfilm Festival Hamburg, das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund/Köln und das Filmfestival Max Ophüls mit dem Preis „faires Festival“ ausgezeichnet.

Als Faires Festival wurde das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund/Köln ausgezeichnet. Geschäftsführerin Christina Essenberger (links) nahm den Preis von Grit Lemke (Mitte) und Kathlen Eggerling entgegen.
Foto: Michael Kaltenecker

Die Stadt als Finanzier gewonnen

Im Panel „What’s the point of festival work?“ berichtete Daniel Ebener über „Vienna Shorts“. Der Mitinitiator des Internationalen Kurzfilmfestivals und Co-Initiator des Forums österreichischer „Filmfestivals & Fair Festival Work Now“ erzählte wie das Festival entstand und sich zu einem der größten der Stadt etablieren konnte – mit fairen Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten. Zunächst konzentrierte man sich auf die Außenwirkung und betrieb das Event Jahre mit knapper Kasse und viel freiwilligem Input. Dann habe man sich an die Stadt als Finanzier gewandt. „Wir präsentierten Konzepte“, sagte Ebner. „Zum einen ein gewohnt großes, faires, aber sehr kostspieliges Festival. Zum anderen ein Kleines.“ Zur Überraschung Ebners sagte die Stadt der großen und fairen Version am Ende zu und gab mehr Finanzierung frei, als das Team gedacht hatte.

Ein weiteres Thema des Panels, dass von Lisa Basten, Wissenschaftlerin und ver.di-Gewerkschaftssekretärin moderiert wurde, war die prekäre Situation der Filmfestivalarbeiter*innen während der Pandemiezeit: Der Großteil der Arbeitnehmer*innen scheint keine Sicherheit durch Arbeitgeber*innen oder den Staat zu haben. Ein Lösungsansatz hierfür wurde jedoch noch nicht angesprochen – lediglich Grit Lemke von der AG Festivalarbeit in ver.di betonte, dass es für solche Situationen noch keine Strukturen in der Branche gebe. Dieser Einschätzung stimmte auch der dritte Panel-Teilnehmer, Jürgen Brüning vom Pornfilmfestival Berlin,  zu.

Filmfest Dresden seit 1989

Das Filmfest Dresden selbst findet seit 1989 statt. Im Fokus stehen heute Kurzspielfilme sowie Animationsfilme. Der Ursprung findet sich jedoch noch kurz vor der Wende. Damals wurden zum Ende der DDR verbotene oder selten aufgeführte Werke der Öffentlichkeit präsentiert. Nach der Wiedervereinigung verlagerte sich der Schwerpunkt. Den internationalen Wettbewerb gibt es zusätzlich zu dem nationalen seit 1992. Mit insgesamt mehr als 67.000 Euro Preisgeldern ist das Filmfest Dresden eines der höchstdotierten Kurzfilmfestivals in ganz Europa.

Hinweis der Redaktion: Die Diskussion fand in englischer Sprache statt. Alle Zitate und Inhalte der Veranstaltungen des Filmfestes wurden von der Autorin aus dem Englischen ins Deutsche sinngemäß übersetzt.


Freude über die Auszeichnung in Hamburg

Auch das Kurzfilm Festival Hamburg wurde in Dresden geehrt. Leider konnte keine Vertreter*in anwesend sein. Aber ver.di erreichte per Mail ein Statement von Sven Schwarz und Maike Mia Hoehne, Festivalleitung des Kurzfilm Festivals Hamburg: „Das gesamte Team des Kurzfilm Festival Hamburg und wir freuen uns sehr über die Bewertung als Faires Festival. Für uns beweist dies, dass die Art und Weise, wie wir an die Festivalarbeit herangehen, richtig ist. Wir würden sehr gerne auch künftig unsere Arbeitsweise und Ideen mit anderen teilen, um Teil einer Bewegung zu sein, in der faire Arbeitsbedingungen in der Filmfestivalwelt zur neuen Normalität werden.“


Mitschnitt der  Verleihung des Fair Festival Awards

Filmfest Dresden – Presentation of the Fair Festival Award and discussion: What’s the point of festival work? | Facebook

 

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