Eingeengter Blickwinkel

Hinterher ist man immer schlauer. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise überboten sich viele Medien mit apokalyptischen Kraftausdrücken: Milliardenloch, Bankencrash, Blutbad in den Finanzmärkten. Vorher, vor den Ereignissen, die dann in den Kollaps großer Banken mündeten, hatte es diese an Hysterie grenzende massive Berichterstattung nicht gegeben. Das journalistische Frühwarnsystem hatte in diesem für die Gesellschaft so wichtigen Bereich weitgehend versagt.

Allenfalls ein paar einsame Rufer hatten gewarnt. Gewarnt vor faulen Krediten, dubiosen Geschäftsmodellen der US-Banken, dem Ausfall der Kontrollmechanismen, der Geldgier von Anlegern, die maximale Rendite bei minimalem Risiko anpeilten. Die Pleite einer Investmentbank wie Lehman Brothers habe man unmöglich vorher sehen können, so eine dieser Tage oft gehörte Rechtfertigung. Eine Krise komme nun einmal nicht mit Ansage. Sie sei vergleichbar einem Erdbeben, das ja auch ohne Ankündigung über die Menschheit hereinbreche.
Der Vergleich mit der Naturkatastrophe hinkt gewaltig. Selbst Erdbeben kündigen sich durch mehr oder weniger deutliche Ausschläge an. Im Falle des Börsencrashs schenkten die Medien den Daten der Seismographen schlicht keine Beachtung. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wenig Selbstreflexion

Die Zeitschrift Capital etwa hatte bereits im März 2007 in einer Titelgeschichte mit diversen Szenarien aufgezeigt, welche Gefahren der Finanzwelt und den Anlegern drohten. Gewarnt hatte man auch vor der Möglichkeit eines Crashs auf dem US-Immobilienmarkt oder dem Kollaps eines Hedgefonds, der per Kettenreaktion eine Bankenkrise auslösen könne.
Auch der so häufig als zeitgeistig geschmähte Spiegel hatte schon im Januar 2008 die Titelstory „Casino Global – Was ist der Einbruch in eine Bank gegen das Verspielen einer Bank?“ ins Blatt gehoben. Übrigens mit geringem Publikumserfolg – das Heft gehörte zu den drei am schlechtesten verkauften Titeln der letzten zwei Jahre. Das Thema Wirtschaft erscheint offenbar – da müssen sich auch die Nutzer an ihre Nasen fassen – als nicht sexy genug. Es sei denn, es kommt im Gewande von Personality-News und Klatsch daher. Vor allem die Publikumsmedien versäumten es, das für viele Leser existentiell wichtige Thema auf die Agenda zu nehmen. Lag es an Desinteresse, an Überforderung? Natürlich wandern Wirtschaftsberichterstatter gelegentlich auf einem schmalen Grat zwischen Kritiklosigkeit und verantwortungsloser Panikmache. Im ungünstigen Falle könne man jede deutsche Bank innerhalb von wenigen Tagen in die Knie zwingen, warnt daher Jörg Eigendorf, Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen bei der Welt am Sonntag.
Die meisten Kollegen mochten offenbar nicht als Überbringer schlechter Nachrichten gelten, schwammen lieber im sicheren Mainstream. Das gilt auch für all die Rating-Experten, Broker und Anlageberater: Müssten sie die Verantwortung für die von ihnen mit verursachten Vermögensverluste kleiner Anleger übernehmen, die Marktbereinigung in der Finanzpublizistik wäre außerordentlich. Die pointierteste Kritik am Versagen der Wirtschaftsjournalisten stammt von Norbert Schneider, dem Direktor der NRW-Landesmedienanstalt. Diese für Aufklärung der Öffentlichkeit privilegierte Gruppe habe „ihren Blickwinkel so weit eingeengt, dass man bei manchen Vertretern dieser Zunft nicht genau sagen konnte, ob sie nicht längst die Seiten gewechselt hatten, wenn sie als Börsenflüsterer und Kapitalversteher Tag für Tag die ewige Wiederkehr des Gleichen beraunten und dabei versäumten, von den dramatischen Veränderungen unter Oberfläche der großen Gewinnerwartung zu berichten“.
Wird es künftig besser? Zweifel erscheinen angebracht angesichts der eher geringen Bereitschaft der Branche zur Selbstreflexion. Natürlich gibt es auch Krisengewinnler. Die Zugriffszahlen auf die Online-Seiten der Fachpresse wie Handelsblatt und Financial Times Deutschland (FTD) legten in den vergangenen Wochen mächtig zu. Ein klarer Beleg für das öffentliche Interesse an Aufklärung über die komplizierte Materie. Dieses gestiegene Informationsbedürfnis müsste eigentlich in den Verlagen zur energischen Aufrüstung mit wirtschaftspolitischer Fachkompetenz führen. Es mehren sich jedoch die Anzeichen, dass aufgrund der offenbar nahenden Rezession eher das Gegenteil geschieht. Die personelle Ausstattung der Finanz- und Wirtschaftsressorts entspricht nicht ihrer Aufwertung in der internen Redaktionshierarchie. Ein Titel wie die FTD gilt nach den jüngst publik gewordenen Sparplänen von Gruner + Jahr sogar als existenzgefährdet. „Das Kräfteverhältnis zwischen Finanzjournalisten und Akteuren gerät immer mehr ins Rutschen“, warnt Markus Wiegand, Chefredakteur des Fachmagazins Wirtschaftsjournalist. Wenn bei den Banken Topmanager mit der eigenen Produktpalette überfordert seien, gelte dies erst recht für Wirtschaftsjournalisten. Sein Appell: „Wer Qualität will, muss auch Qualität bezahlen und einfordern.“

Mehr Langzeitbeobachtungen

Und die elektronischen Medien? Hier zumindest bahnt sich hoffentlich ein Umdenken an. Es gehe darum, Wirtschaft nicht nur aus der Börsenbrille zu sehen, heißt es in der ARD. WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn etwa wünscht sich laut epd – auch in den „Tagesthemen“ – eine „realitätsnahe Berichterstattung, die Unternehmer und Verbraucher zeigt und nicht nur die Kurse“. Ein bisschen mehr und Profunderes als der – noch aus den Zeiten der New Economy stammende – tägliche Börsenbericht vor der „Tagesschau“ und die obligatorische 40-Sekunden-Schalte zu Anja Kohl und Frank Lehmann in den „Tagesthemen“ müsste es dann schon sein. Auch ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender verspricht neuerdings, verstärkt „Langzeitbeobachtungen der Wirtschaft“ ins Programm zu nehmen, „sogar in der Prime Time“. Also wir werden sehen! Die Krise ist noch nicht vorüber – und die nächste kommt bestimmt.


 

Günter Herkel

lebt in Berlin und arbeitet als freier Medienjournalist für Branchenmagazine in Print und Rundfunk

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