Feindbild erschüttert?

Springer eröffnete Online-Datenbank „Medienarchiv68“

Der Springer-Konzern öffnete kürzlich eine Online-Datenbank zur hauseigenen Berichterstattung über Außerparlamentarische Opposition (APO) und Studentenbewegung. Fast gleichzeitig erschien im Verlagsauftrag eine FU-Studie zum „Feindbild Springer“. Ein Versuch alternativer Geschichtsschreibung, mit dem der Kulturkampf von 1968 nachträglich zu Gunsten Springers entschieden werden soll?

5.900 Zeitungsartikel aus den Jahren 1966 bis 1968 enthält das am 17. Januar gestartete „Medienarchiv68“. Schon die Vorgeschichte der Archivöffnung entbehrt nicht der Pikanterie. In einem ganzseitigen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Mitte 2009 fand Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, „es wäre an der Zeit, dass sich die uneinsichtigen Protagonisten der 68er-Bewegung mal bei unserem Haus entschuldigen“. Dem Springer-Verlag sei in dieser Auseinandersetzung „Unrecht widerfahren“, klagte der nachgeborene promovierte Musikwissenschaftler und Günstling von Axel Cäsars Witwe Friede Springer. Die „erfolgreiche Diffamierungskampagne“ der Linken habe dazu geführt, „dass der Verlag bei den ewig Gestrigen als Hort des Reaktionären, als zentral gelenktes Meinungsmonstrum wahrgenommen wird“. Kurz zuvor hatten die Medien berichtet, Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 während des Schahbesuchs in West-Berlin den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, sei SED-Mitglied und Stasi-Spitzel gewesen. Für den Braintrust im Hause Springer wohl der richtige Zeitpunkt, mehr als nur ein bisschen Imagekorrektur in eigener Sache zu betreiben.
Mit der Einladung zu einem „Springer-Tribunal 2009“ gelang den Verlagsverantwortlichen Mitte 2009 jedenfalls ein öffentlichkeitswirksamer Coup. Dieses Tribunal, so die Ankündigung, werde die damalige Situation in Berlin debattieren und „prüfen, welche Rolle die Blätter des Verlags Axel Springer, aber auch andere Publikationen und die Akteure der Studentenbewegung spielten“. Für Spätgeborene: Ein „Springer-Hearing“ oder auch „Springer-Tribunal“ war seinerzeit zwischen der Erschießung Ohnesorgs und dem Attentat auf Rudi Dutschke von der APO geplant gewesen, um die Kampagne „Enteignet Springer!“ theoretisch zu fundieren und politische Konsequenzen aus der linken Medienkritik abzuleiten. Das Hearing wurde am 9. Februar 1968 zwar eröffnet, aber wegen gewaltsamer Übergriffe auf diverse Filialen des Springer-Blatts Berliner Morgenpost sofort vertagt. Die geplante Fortsetzung fand nie statt.
Ein ähnliches Schicksal widerfuhr auch der jüngst von Springer selbst angeregten Veranstaltung, die schon zwei Monate nach der vollmundigen Ankündigung abgesagt wurde. Begründung: die eingeladenen Vertreter der 68er Bewegung hätten sich der Diskussion verweigert. Es sei „armselig, wenn die Anti-Springer-Aktivisten von einst vier Jahrzehnte nach 1968 noch immer am alten Frontdenken festhalten“, schrieb Welt-Chefredakteur Thomas Schmid enttäuscht. Möglicherweise hatten ehemalige Aktivisten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) wie Peter Schneider, Christian Semler und Daniel Cohn-Bendit aber einfach keine Lust darauf, ähnlich bußfertig wie ihr früherer SDS-Mitstreiter Schmid beim Konzern Abbitte zu leisten.

Zur Unterfütterung der eigenen Position hatte der Springer-Verlag vorausschauend bei Historikern der FU – Forschungsverbund SED-Staat – eine Studie in Auftrag gegeben. Sie erschien Ende 2009 unter dem Titel „Feind-Bild Springer. Ein Verlag und seine Gegner“. Bei der Kooperation, so versichern die Autoren Jochen Staadt, Tobias Voigt und Stefan Wolle, habe die Axel Springer AG „keinerlei Einfluss auf Inhalte und den Verlauf des Forschungsprojekts genommen“. Das erscheint glaubhaft, zumal an einem zentralen Punkt das Ergebnis für Springer unbefriedigend bleiben muss. Springer-Chef Döpfner behauptet, die 68er Bewegung habe sich „wissentlich und unwissentlich zum Handlanger der SED machen lassen, um den Axel-Springer-Verlag als Feindbild und Fratze der freien Presse zu positionieren“. Als Nachweis dienen ihm die in der Studie minutiös aufgeführten Belege für die seit den 50er Jahren existierenden SED-Attacken auf Springer bis hin zur Kampagne „Enteignet Springer“ – ein Slogan, der vom ehemaligen SDS-Sekretär und Doppelagenten Walter Barthel (er arbeitete gleichzeitig als IM des MfS und für den bundesdeutschen Verfassungsschutz) stammte.
Solche platten Unterwanderungsthesen unterstützt die Studie der FU-Autoren aber gerade nicht. Sie kommt vielmehr zu dem Ergebnis: „Entgegen damaligen Wahrnehmungsmustern wurde die antiautoritäre Studentenbewegung nicht aus der DDR gesteuert.“ (S.143) Damit urteilen die Verfasser differenzierter als der Historiker und Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe. Der hatte vor zehn Jahren in seinem (im Springer-Verlag Propyläen erschienenen) Buch „Der diskrete Charme der DDR: Stasi und Westmedien“ alle Springer-Gegner entweder als gekaufte Spitzel oder nützliche Idioten der Stasi diffamiert. Dass es etwa für die Studenten und liberale Medien reichlich Gründe gab, gegen die Markt- und Meinungsmacht Springers anzugehen, ließ er seinerzeit nicht gelten. Die Öffnung des „Medienarchiv68“ durch Springer könnte helfen, das Gedächtnis für die damaligen Hetztiraden der meisten Springer-Blätter aufzufrischen. Immerhin empfahl Bild bereits 1966 „Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen“, während 1968 die Berliner Morgenpost gegen „Dutschke und Konsorten“ als „Handlanger des kommunistischen Würgegriffs“ agitierte. Wer nicht so weit in die Geschichte zurückgehen mag, der begnüge sich mit einem gelegentlichen Blick auf die aktuellen Schlagzeilen von Springers fettbalkigen Printprodukten. Verändert hat sich nur die Zielgruppe: Was früher studentische Wirrköpfe, sind heute die „Sozialschmarotzer“.


Buchtip

Jochen Staadt, Tobias Voigt, Stefan Wolle: Feind-Bild Springer. Ein Verlag und seine Gegner.
Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2009, 328 Seiten

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