Freienrat in Freiburg

Erfolgreiche Interessenvertretung seit zehn Jahren

Normalerweise sind freie JournalistInnen EinzelgängerInnen und haben keine Interessenvertretung in den Medien, für die sie schreiben. Bei der in Freiburg erscheinenden Badischen Zeitung (BZ – Auflage 150.000) ist das anders. Dort gibt es seit zehn Jahren einen SprecherInnenrat der Freien.

Als dieser Freienrat 1998 gegründet wurde, rechnete wohl niemand damit, dass er zu einer dauerhaften Einrichtung würde. Damals reformierte die BZ gerade ihr Layout, was im Ergebnis zu Einbußen bei den Honoraren der freien MitarbeiterInnen führte. Eine Protestversammlung von rund 50 Personen wählte deshalb eine Delegation, um mit der Chefredaktion Verhandlungen aufzunehmen.
Seitdem hat sich dieser SprecherInnenrat zu einer Art Betriebsrat der freien MitarbeiterInnen entwickelt. Zirka einmal pro Jahr findet ein längeres Gespräch mit der Chefredaktion statt. Die Ergebnisse werden protokolliert und über eine Mailingliste veröffentlicht. Vor wichtigen Neuerungen, die die Freien betreffen, wird der Rat in der Regel informiert und angehört. In gewissem Rahmen kann er hierbei auch beratend mitgestalten. Rechtlich verbindliche Vereinbarungen können nicht getroffen werden. Gespräche mit der Chefredaktion haben deshalb nur informellen Charakter und Zusagen der Chefredaktion nur moralische Verbindlichkeit. Dennoch ist es auf diesem Wege meist gelungen, Eskalationen zu vermeiden und Lösungen zu finden, die für beide Seiten halbwegs tragfähig sind.
Dabei vertritt das Gremium aber nicht alle rund 1.500 freien MitarbeiterInnen der BZ, sondern nur diejenigen, die sich als hauptberufliche JournalistInnen verstehen, also etwa 150. Gewählt wird der Freienrat alle paar Jahre auf Freienversammlungen, wenn genug KollegInnen zusammenkommen, um eine legitime Abstimmung durchzuführen.
Alle Mitglieder im Freienrat sind in der dju oder dem DJV organisiert, in der praktischen Arbeit spielen unterschiedliche Organisationszugehörigkeiten aber kaum eine Rolle. Die Mitarbeit ist ein reines Ehrenamt, nicht einmal Auslagen werden erstattet. Aktiv ist das meist 5- bis 6-köpfige Gremium deshalb auch nur bei Bedarf, also in der Regel bei konkreten Konflikten.
In solchen Fällen konnte aber schon die eine oder andere Verschlechterung abgewehrt oder zumindest zeitlich befristet werden. Oft geht es dabei um eine Verteidigung der Rechte der „arbeitnehmerähnlichen“ Freien, weil deren Zeilengelder per Tarifvertrag definiert sind und die Honorarfortzahlung während des Mindesturlaubs im Bundesurlaubsgesetz garantiert ist. Schwieriger ist der Einsatz für die „freien“ Freien, denen die BZ diesen Status nicht zubilligt, obwohl gerade sie oft besonders schutzbedürftig sind. Sie müssen ihre Honorare und Arbeitsbedingungen ganz individuell aushandeln, erhalten teilweise nur mickrige Zeilengelder.
Die Erfahrung der letzten zehn Jahre hat gezeigt, dass ein solcher Freienrat zumindest einige Abwehrerfolge erzielen kann, wenn er zu pragmatischen Lösungen bereit ist und dabei mit Gewerkschaften und Betriebsrat kooperiert. Auch für die Gewerkschaften wäre es sicher hilfreich, wenn sie mit einem bundesweiten Netz von Freienräten zusammenarbeiten könnten.


Der Autor Christian Rath ist
rechtspolitischer Korrespondent u.a. der
Badischen Zeitung und seit 1998 Mitglied im BZ-Freienrat

nach oben

weiterlesen

Neue Verhaltensregeln für Medien und Polizei

Der Deutsche Presserat hat der Innenministerkonferenz einen Vorschlag über zeitgemäße gemeinsame Verhaltensgrundsätze für Polizei und Medien vorgelegt. Es sei höchste Zeit, dass Journalistinnen und Journalisten bei Demonstrationen und Großveranstaltungen besser geschützt werden und ungehindert arbeiten können, erklärte Sascha Borowski, Sprecher des Deutschen Presserats, zur aktuellen Vorlage.
mehr »

Gegen Trojaner-Einsatz bei Verfassungsschutz

Der Hamburger Verfassungsschutz und die Polizei verfügen seit April 2020 über scharfe Überwachungsinstrumente: Der Verfassungsschutz darf mit Trojanern verschlüsselte Kommunikation ausforschen, die Polizei mittels Algorithmen Personenprofile erstellen. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V. (GFF), die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di und weitere NGOs erheben heute Verfassungsbeschwerde gegen die Gesetzesänderungen, wird in einer gemeinsamen Pressemitteilung informiert.
mehr »

Weibliche Allianzen für die Medienmacht

Mit „Lobkartellen“ gegen frauenfeindliche Stimmung in Redaktionen anzugehen, riet Anne Fromm, Medienredakteurin der taz, als praktische Möglichkeit, sich gegen eingespielte Männer-Netzwerke zur Wehr zu setzen. Fromm war zusammen mit Edith Heitkämper, Vorsitzende des Vereins „Pro Quote Medien“,  beim zweiten digitalen Medien-Meeting der dju in ver.di als Expertin eingeladen, um über mehr Führungsfrauen in den Medien zu diskutieren.
mehr »

Die Frage des richtigen Formats

Haben die Medien während der aktuellen Pandemie zur Aufklärung und Information beigetragen oder haben Sie eher Verwirrung gestiftet? Teils, teils, urteilt der Berliner Virologe Christian Drosten. Über seine Erfahrungen berichtete er auf der Konferenz „Formate des Politischen 2020“. Die vom Deutschlandfunk, der Deutschen Welle und der Bundespressekonferenz veranstaltete Diskussion fand in diesem Jahr nur in digitaler Form statt.
mehr »