Fummeln mit Maus und Mastermaske

…oder: Was aus der „Produktionshilfe“ wird

Der Tag fängt gut an! Ich komme ins Büro, da flackert das Lämpchen vom Anrufbeantworter schon. Der Redakteur einer süddeutschen ARD-Anstalt möchte, daß ich, freie Journalistin, anläßlich einer Messe einen Manager und das neue Produkt seiner Firma portraitiere. – Vielleicht ein bißchen viel auf einmal? Ich bekomme nur sechs Minuten Sendezeit. Wir einigen uns auf das Portrait des Mannes.

Den Termin mit dem vielbeschäftigten Manager muß ich mühsam aushandeln. Es gelingt aber. Schwieriger, das weiß ich aus Erfahrung, ist es, Schneide- und Produktionszeit beim NDR zu bekommen. Den süddeutschen Redakteur hatte ich darauf schon aufmerksam gemacht, daß es in meinem „Heimatsender“ – wie in anderen auch – Engpässe gibt: Stellenabbau, Probeläufe für eine Programmreform und die prinzipielle Auffassung, daß Produktionen für das eigene Haus Vorrang haben vor der sogenannten „Produktionshilfe“ für andere Sender. Mein Redakteur am anderen Ende der Telefonleitung wird hörbar unruhig. Bekommt er seinen Beitrag pünktlich? Meine Stimme senkt sich. Im Bruchteil eines Telefontaktes wandle ich mich von der Geschäftspartnerin zur Therapeutin: „Selbstverständlich wird alles rechtzeitig eintreffen. Wenn der NDR mir keine Produktionshilfe gewährt, dann gehe ich mit meinem Material in ein privates Studio“, beruhige ich ihn, „kein Problem, ich kenne da hervorragende Technikkollegen“.

Doch Problem! Der Redakteur müßte diese Produktion ja dann bezahlen … Seine Stimme wird schrill und schnell: „Auf keinen Fall. Das geht nicht. Sie müssen beim NDR produzieren.“

Ich kenne den Fall schon. Telefoniert man mit leitenden Redakteuren, dann sind sie rasch bereit, zur Not privat produzieren zu lassen und dafür auch zu zahlen. Rangniedere haben solchen Zugriff auf das Geld nicht. Und machen Druck. Mir macht mein Redakteur nun Druck. Also beginnt meine Selbsthypnose: Ich schaff das schon. Ich rufe beim NDR an, und höre, was ich immer höre, daß meine Bitte um eine halbe Stunde Schneide- und eine halbe Stunde Produktionszeit notiert wird. Prima.

Und wann bekomme ich die Terminzusagen? Das steht noch offen. Bis zur Sendung sind ja noch drei Tage Zeit. Vielleicht …

– Vielleicht kann ich am Sonntag in eine Lücke rutschen? – Vielleicht kann ich am Montag um 6.15 kommen …? – Vielleicht kann ich am Montag nach 22.00 kommen? – Vielleicht könnt Ihr mir auch den Buckel runterrutschen …

Nein. Ich bleibe im Standby-Modus stehen. Ich bewege mich kaum aus meinem Büro. Ich nerve die Damen in der NDR-Disposition (Natürlich nicht zu sehr, denn sonst verderbe ich mir die Chancen ganz und gar …). Ich fahre schon mal in den Sender, und gucke, ob ich irgendwo freundliche, unbürokratische hilfreiche Technikkollegen finde (hat diesmal nicht geklappt).

Ich rufe vorsichtshalber bei einem Kollegen an, der zu Hause eine digitale Workstation hat. Könnte er mir helfen? Die Qualität ist zwar mies, finde ich …, aber besser eine Schlafzimmerproduktion als gar keine … Der Kollege ist im Urlaub.

Mein Telefon klingelt. Die Dame von der Dispo? „Wie schaut’s aus?“ fragt der Redakteur betont locker. „Ziemlich gut“, lüge ich dreist: „Ich stehe auf der Warteliste ganz oben. Sie können mit meinem Beitrag rechnen.“

  • Ich bleibe im Standby-Modus stehen.
  • Ich plane meine Zukunft als Heimarbeiterin.
  • Ich eröffne eine Datei Kosten/Nutzen – lohnt sich mein Beruf noch?
  • Ich blättere in Zeitschriften und Katalogen nach preisgünstigen Angeboten für mögliche Heimwerkertools: Audioworkstation – Soft- und Hardware.
  • Ich finde aber, daß man erst die privaten Studios mit ihren Profi-Ausrüstungen voll auslasten sollte, bevor man zur Heimwerkelei übergeht. Das ist ökonomischer, ökologischer und qualitativ besser.
  • Ich schreibe meiner Gewerkschaft, daß hier zwei Probleme heranwachsen: Kleinstaaterei in der ARD einerseits, und andererseits Journalisten, deren Kompetenz, deren Zeit für Recherche und Vermittlung aufgefressen wird durch ihre Gefummel mit Maus und Mastermaske.
  • Ich warte immer noch. Ich bleibe cool.
  • Ich schaff das schon

Mit meinem Beitrag können Sie rechnen!

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