Gekidnappt

Der freie Journalist Mario Damolin begleitete die Gaza-Hilfsflotte

Die israelische Marine kaperte am 31. Mai sechs internationale Schiffe mit mehr als 700 Passagieren, die 10.000 Tonnen Hilfsgüter in den blockierten Gaza-Streifen bringen wollten. Mindestens neun Zivilisten wurden bei dem Fallschirmjägereinsatz getötet. Der einzige deutsche Journalist, der die Gaza-Hilfsflotte begleitete, war dju-Mitglied Mario Damolin (Foto). Der freie Filmemacher und Journalist war im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an Bord. Mit vielen ausländischen Kolleginnen und Kollegen wurde er mehrere Tage im Gefängnis Beer Scheva inhaftiert. ver.di setzte sich für seine Freilassung ein.

M | Wie kamen Sie überhaupt zu dem Auftrag?

Mario Damolin | Ein Kollege aus Brüssel, der für EuroNews arbeitet, hat mich gefragt, ob wir die Aktion nicht gemeinsam begleiten wollen. Ich fand das Thema interessant und habe es zunächst erfolglos dem SWR angeboten. Die FAZ wollte dann eine Reportage. Wir sind am 26. Mai in Athen an Bord gegangen. Zuerst waren wir auf der „Sfendoni“, einem Passagierschiff, auf dem auch viel Presse mitfuhr. Bei einem Zwischenstopp in Rhodos sind wir zwei dann doch auf den Frachter „Eleftheri Mesogeios“ gewechselt. Wir wollten dort sein, wo sich die Hilfsgüter befanden. Sie waren mit Spenden finanziert, die sowohl in Schweden als auch in Griechenland in der Bevölkerung gesammelt wurden. Unser journalistisches Interesse war, genau zu dokumentieren, welchen Weg sie nehmen würden.

M | Bestand aus Ihrer Sicht irgendein Zweifel an der humanitären Mission?

Damolin | Absolut nicht. Ich hatte schon die gesamte Beladung der Hilfsgüter gefilmt. Zunächst wurden Ziegel geladen, dann Holzbauteile für Fertighäuser, zwei riesige Container mit Wasseraufbereitungsanlagen, schließlich hunderte von Elektro-Rollstühlen für Behinderte, Medikamente. Das Material ist allerdings verloren, die Speicherchips waren in meinem beschlagnahmten Rucksack.

M | Material für einen ersten Artikel konnten Sie allerdings noch übermitteln …

Damolin | Ja, über Satellitentelefon von Bord. Der Bericht fußte auf Material aus meinem Bordtagebuch, er erschien schon am Folgetag in der FAZ.

M | Sie hatten auf dem Schiff Meetings, auf denen auch eine Strategie für den möglichen Ernstfall besprochen wurde?

Damolin | Wir waren mit knapp 30 griechischen und internationalen Aktivisten an Bord, Ingenieure, Professoren, auch ein ehemaliger israelischer Fallschirmjäger. Natürlich haben wir diskutiert, wie die Mission ausgehen wird. Übereinstimmung herrschte: Wenn die Israelis versuchen sollten, die „Marmara“ mit überwiegend türkisch-islamischen Passagieren zu entern, drohte ein Gemetzel. Wir selbst haben beschlossen, allenfalls passiven Widerstand zu leisten. Das ist auch eingehalten worden. Im Übrigen hat der Mossad professionelle Arbeit geleistet. Als wir geentert wurden, hatten die Soldaten Klarsichtfolien mit Listen und Fotos von der Schiffscrew dabei. Man war bestens informiert und hatte offenbar über Satellit jede Bewegung an Bord genau verfolgt. Nach außen war das Gerücht gestreut worden, wir seien bewaffnet und hätten Raketen an Bord. Auf die israelische Desinformationskampagne ist ein Teil der internationalen Presse voll hereingefallen.

M | Von der Enterung und Ihrer Inhaftierung haben Sie geschrieben. Welche Folgen hatte das aus professioneller Sicht?

Damolin | Am Ende bin ich nur mit dem nach Deutschland zurückgekommen, was ich seit Tagen am Leibe trug. Ausrüstung im Wert von 6.600 Euro ist verloren. Ich habe bei der Heidelberger Polizei deshalb Anzeige wegen bewaffneten Überfalls und Unterschlagung erstattet. Meine nagelneue Kamera samt Zubehör ist weg, mein Notebook mit dem Reisetagebuch kam abhanden, auch mein Mobiltelefon und mein Fotoapparat – alles, was ich gebraucht hätte, um die geplante Berichterstattung zu komplettieren. Ich unterstelle Vorsatz. Bei der Abschiebung über Istanbul habe ich meine Reisetasche wiederentdeckt, meine Visitenkarte steckte noch außen dran. Gefüllt war sie allerdings mit Lumpen und Müll. Pressekollegen haben mir berichtet, dass ihre konfiszierten Kreditkarten belastet worden sind.

M | Konnten Sie irgendetwas retten?

Damolin | Knapp eine Stunde Filmmaterial auf zwei Speicherkarten, die ich einer schwedischen Ärztin übergeben hatte. Und meinen Presseausweis.

M | Es waren etliche Journalisten mitgereist?

Damolin | Ich selbst habe unterwegs, im Gefängnis und auf dem Transport folgende Kollegen getroffen: ein tschechisches Kamerateam und zwei tschechische Fotografen, ein italienisches, ein bulgarisches Team, einen australischen und einen irischen Journalisten, eine Kollegin und zwei Kollegen aus den USA. Insgesamt, schätze ich, waren mehr als drei Dutzend Medienvertreter auf der Gaza-Hilfsflotte. Man muss also sagen: Die israelischen Behörden haben vorsätzlich die internationale Presse verhaftet. Pressefreiheit gilt da nichts. Ich war in meinen 35 Berufsjahren schon in durchaus gefährlichen Ecken Afrikas und Osteuropas unterwegs, nirgends vorher bin ich je gekidnappt worden.

M | War der Einsatz rückblickend dennoch richtig?

Damolin | Natürlich würde ich wieder mitfahren. Ich will mir als Journalist mein Thema selbst aussuchen. Und ich will es ungehindert bearbeiten dürfen. Wenn es im Nahen Osten ein Land gibt, das als einzige Demokratie in der Region beschrieben wird, muss man Spielregeln einfordern können, die selbst das Militär zu beachten hat. Natürlich war die Gaza-Flotille für die Machtpolitik Israels eine Provokation. Doch die Blockade von Gaza durch die Israelis ist der eigentliche Skandal. Wir befanden uns schließlich nicht im Krieg. Die israelische Militär-Pressepolitik war ja ziemlich aggressiv. Überall wurde vermeldet, ich und andere Journalisten hätten sich geweigert, das Land zu verlassen. Ich habe mich lediglich geweigert zu unterschreiben, dass ich illegal eingereist sei. Ich wurde entführt!

M | Denken Sie an eine weitere journalistische Aufarbeitung?

Damolin | Ich will jetzt versuchen, mein Tagebuch zu rekonstruieren und es Le Monde Diplomatique zur Verfügung stellen. Ich versuche, mein Filmmaterial aufzubereiten und ich möchte nachrecherchieren, was mit unserem Gepäck passiert ist. Das ist nicht nur eine materielle Sache, sondern auch eine Geschichte von politischer Bedeutung.

nach oben

weiterlesen

Kolumbien: Indigene erobern mediale Welt

Moderne Radiostudios, qualifizierte Journalist*innen und innovative Kommunikationsstrategien haben dazu geführt, dass indigene Organisationen in Kolumbien hör- und sichtbarer werden. Die Wiege des Aufbruchs in diese Medienwelt steht im Verwaltungsbezirk Cauca im Südwesten Kolumbiens, wo Koka-Plantagen sprießen, wo Guerilleros und Paramilitärs bis heute um die Kontrolle kämpfen. Dort fand 2010 eine Konferenz zu indigenen Kommunikationskonzepten statt. Seitdem ist die Zahl der Berichterstatter*innen indigener Herkunft deutlich gestiegen. Ein Besuch in Santander de Quilichao.
mehr »

Journalist*in – noch immer Traumberuf?

„Ich wäre geblieben, wenn…“ – unter dieser melancholischen Überschrift berichteten drei Ex-Journalist*innen, warum sie aus dem Journalistenberuf aus- und in ein anderes Leben umgestiegen sind. So geschehen beim 25. Forum Lokaljournalismus, das vom 18. bis 20. Mai auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der „Nordsee-Zeitung“ in Bremerhaven stattfand. 
mehr »

Kaum Menschen mit Behinderung im Film

Diversität ist das Schlagwort der Stunde. Menschen mit dunkler Hautfarbe spielen Anwälte oder Ärztinnen, es gibt Serien über Personen, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen, und selbst bei ARD und ZDF sind homosexuelle Paare mittlerweile fast selbstverständlich. Eine Gruppe ist jedoch vergessen worden: Prominente Ausnahmen wie die kleinwüchsige Schauspielerin Christine Urspruch können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen nach wie vor kaum auftauchen. 
mehr »

Ermessungsspielraum beim Symbolfoto

Während der Pandemie kam es im Journalismus zu einem vermehrten Einsatz von Fotografien symbolischen Gehalts, seien es Masken oder Impfampullen. Damit stellt sich die Frage, wann und ob diese Bilder als „Symbolfoto“ gekennzeichnet werden müssen. Felix Koltermann ist dieser Frage für M ausgehend von den Regularien des deutschen Pressekodex nachgegangen.
mehr »