Ideologie der Apokalypse

Was die Geburtenrate mit dem Sozialabbau zu tun hat

Dass die bürgerlichen Leitmedien der Republik den Mief ihrer Politik- und Wirtschaftsressorts mit einem weltoffenen und aufgeklärten Feuilleton deodorieren, ist ein sich zäh haltender Mythos der Publizistik. Besonders profitiert hat von diesem parfümierten Image stets die Frankfurter Allgemeine Zeitung: Während Kommentatoren wie Joachim Fest oder Johann Georg Reißmüller ihre stockkonservativen Ansichten in den altdeutschen Lettern der Leitartikelspalte verbreiteten, schienen Kulturchef Marcel Reich-Ranicki und sein Nachfolger Frank Schirrmacher der Devise des „Anything goes“ zu frönen. Hier durften auch Schreiber ihre Duftnoten setzen, die – zumindest nach FAZ-Maßstäben – eher „linke“ Positionen vertraten.

Der Gegensatz zwischen Propaganda und Freigeist, zwischen beinhartem Einsatz für die neoliberale Indoktrination auf der einen und elegantem Esprit auf der anderen Seite, war schon immer eine Schimäre. Wie im Brennglas belegt das die aktuelle Diskussion um eine weitgehend kinderfreie „Minimum“-Gesellschaft, die uns laut Frank Schirrmachers gleichnamigem Buch bevorsteht. Der Feuilleton-Chef der FAZ verfügt über einen schlagkräftigen Zitierkader, der sein Buch bereits in Titelgeschichten promotete, bevor es in den Handel kam. Kollegen wie Spiegel-Redakteur Matthias Matussek führten unterwürfige Interviews und taten alles, ihren Meister an Untergangsdramatik noch zu übertreffen. Eine ganze Journalisten-Riege, der in Deutschland schon immer zu wenig „Bevölkerungspolitik“ betrieben wurde, sprang auf den Demografie-Zug auf und stimmte ein in das Krisengeheul über zu niedrige Geburtenraten. Die Inszenierung der Gebärkampagne funktioniert wie bei Schirrmachers früherem Buch „Methusalem-Komplott“; eine neue Eskalationsstufe aber bildet die Massivität, mit der nunmehr in jeder Talkshow, in jedem Unterhaltungprogramm der Konsens erzwungen wird, Kindermangel sei die drängendste Frage unserer Zeit. Die Negativszenarien, die die vereinten Kulturpessimisten dabei entwerfen, passen verdächtig gut zu den Forderungen nach Eigenvorsorge und sozialpolitischen Kürzungen, die weiter vorne in ihren Blättern erhoben werden. Die Feuilleton-Journalisten verlassen die Spielwiese der Beliebigkeit und schreiten auf das Schlachtfeld des Kulturkampfes. Mit intellektuellen Argumenten erzeugen und verstärken sie Stimmungen, aus denen sich später vorgeblich alternativlose politische Konzepte ableiten lassen. Dem Kulturdiskurs über „Unsicherheit in der Postmoderne“ folgen über kurz oder lang die Kommentare der Hardliner im Wirtschaftsteil, die ein „marodes Sozialsystem“ diagnostizieren und „notwendige Einschnitte“ verordnen.

Zahlenzauberei und krude Deutungsmuster

Die Demografie-Debatte hatte von Anfang an einen bevölkerungspolitischen Beigeschmack. Die Kommentatoren regt nämlich seit Jahren vor allem eines auf: die Gebärunlust der gebildeten Kreise in Deutschland. Zu diesem Alarmismus spielt man eine elitäre Begleitmusik: Die „falschen“ Leute, Migrantinnen und gering Qualifizierte, kriegen die meisten Kinder. Nur im „unordentlichen Milieu“ gelte Familie noch als natürlich, moniert Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke. Die Stimmung, die das Schirrmacher-Buch jetzt verbreitet, inspiriert denn auch die einfachen Gemüter. Da schlagen Politiker vor, Kinderlosen kurzerhand einen Teil ihrer Rentenansprüche wegzukürzen; da denken Leitartikler öffentlich darüber nach, Gebärverweigererinnen mit Steuererhöhungen zu bestrafen.
Nicht nur, dass die meist älteren Herren nach ihren düsteren Rundumschlägen stets bei den Damen landen – bei „aufopferungsfähigen“ Frauen als dem „sozialen Kitt“, der die Gesellschaft zusammenhält. Sie stellen auch Behauptungen auf, die sich durch Statistiken nicht belegen lassen. So ist der Anteil der kinderlosen Akademikerinnen seit den siebziger Jahren nicht gestiegen, sondern gesunken. Ein anderes Beispiel für Zahlenzauberei und krude Deutungsmuster ist die Formulierung, es gebe in Deutschland eine „abnehmende Geburtenrate“. Tatsächlich ist diese seit über drei Jahrzehnten konstant. 1,36 Kinder bekommen deutsche Frauen im Schnitt, hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung soeben festgestellt. Die Forscher sagen zwar sinkende absolute Zahlen für die Zukunft voraus. Der Grund dafür aber sind nicht die vielen Egoisten unter 40, sondern kleinere Alterskohorten, weil sich der „Pillenknick“ statistisch bemerkbar macht.
Die Klage über eine mangelnde Bereitschaft junger Paare, Belastungen auf sich zu nehmen, erinnert in ihrer Wortwahl keineswegs zufällig an die angeblich fehlende Bereitschaft von Hartz IV-Empfängern, Niedriglöhne zu akzeptieren. Die „Generation Praktikum“ soll sich mit sozialer Unsicherheit, prekärer Beschäftigung und befristeten Arbeitsverträgen zufrieden geben – und froh sein, überhaupt einen bezahlten Job zu bekommen. Mit immer drastischer ausfallenden bevölkerungspolitischen Szenarien werden die Köpfe weich geklopft, die Hirne gefügig gemacht. So bereitet der „Minimalismus“, den Schirrmacher und seine apokalyptische Gefolgschaft den Leuten im besten gebärfähigen Alter vorwerfen, Minimalismen ganz anderer Art den Weg. Feuilleton und politischer Kommentar ziehen dabei an einem Strang: Das Geschreibe und Gerede über eine nahende demografische Katastrophe eignet sich prima als ideologische Vorbereitung für weiteren Sozialabbau.

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