„Journalismus macht Schule“ – gute Idee

Schülerinnen und Schüler des John-Lennon-Gymnasiums in Berlin beim Werkstattgespräch im Rahmen des Projektes "Journalismus macht Schule“, geleitet von der RBB- Hörfunkjournalistin Aurelie Winker am 2. Oktober 2019
Foto: Rico Prauss

Die Medien sind in einer Glaubwürdigkeitskrise. 43 Prozent der Befragten einer Langzeitstudie „Medienvertrauen“ der Gutenberg-Universität Mainz sagen, dass sie die gesellschaftlichen Zustände in ihrem persönlichen Umfeld anders wahrnehmen, als sie in Medien dargestellt werden. Das Internet und seine Filterblasen verstärken diesen Effekt und verwischen die Grenzen zwischen Meinungsmache und Informationsaufbereitung. Medienbildung ist in vieler Munde. Deshalb ist „Journalismus macht Schule“ eine gute Idee.

Es regnet Hunde und Katzen an diesem Morgen und die Schülerinnen und Schüler des John-Lennon-Gymnasiums in Berlin drängeln sich im überdachten Eingang zu der großen, alten Schule. Es ist laut, wie man es von Schulen kennt, und auf den Treppen gilt eine eigene Straßenverkehrsordnung, sonst käme man kaum rechtzeitig in seinen Klassenraum.

Elfte Klasse, 1. Semester Oberstufe, Leistungskurs Deutsch, eine Doppelstunde der etwas anderen Art, denn an diesem Tag macht Journalismus Schule. Lehrerin Katja Lingnau darf hinten die Schulbank drücken. Vorn steht Aurelie Winker, eine Journalistin vom rbb-inforadio. Dass sie heute hier ist und mit den Schülerinnen und Schülern über Journalismus und dessen Aufgabe, den Wert verlässlicher und gut aufbereiteter Informationen, Fake News und eine im Vergleich zu noch vor zehn Jahren völlig veränderte Medien- und Informationslandschaft spricht, verdanken die Beteiligten einer Initiative, die vor drei Jahre begann und von den Redakteuren der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), Klaus Ott und Tom Soyer, ausging. Sie hatten angeregt und waren mit bestem Beispiel vorangegangen, dass Journalist*innen in Schulklassen gehen, erklären, wie ihr Job funktioniert, vor allem aber mit den Jugendlichen diskutieren. Viele Journalistinnen und Journalisten schlossen sich der Initiative an.

Reden auf Augenhöhe

Werkstattgespräch ist für dieses Format das richtige Wort, es geht nicht um Frontalunterricht, sondern um Reden auf Augenhöhe. Da müssen sich die Medienleute einiges anhören, können aber auch vieles vermitteln. Sie müssen sich mancher Kritik stellen, können aber auch darlegen, was guten Journalismus ausmacht und auf welchen ethischen Grundlagen er – im Gegensatz zu bloßer Meinungsmache – funktioniert.

Es war höchste Zeit für ein solches Projekt, denn längst war der Begriff Lügenpresse in der Welt, virulent gemacht durch jene, die mit der Demokratie nicht allzu viel am Hut haben. Und was in der Welt ist, verschwindet nicht von allein. Das Projekt lief in Bayern mit großem Erfolg an. Das war drei Tatsachen zu verdanken: Der Aufgeschlossenheit und Neugier vieler Schulen, Lehrer*innen und Schüler*innen; dem Engagement ebenso vieler Journalist*innen, die in ihrer Freizeit „kostenlos, aber nicht umsonst“, wie es in einem Papier der Projektpartner*innen heißt, in Schulen gehen und über ihre Arbeit reden; und einer großen Anzahl Unterstützer*innen. Und ja, umsonst ist das Ganze nicht. Im Gegenteil. Es lohnt sich.

Seit September in Berlin-Brandenburg

Die SZ-Werkstattgespräche schwappten aus Bayern über und seit September 2019 läuft das Projekt auch in Berlin und Brandenburg. Koordiniert von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) und unterstützt von vielen Partner*innen, zu denen auch die Gewerkschaften dju in ver.di und DJV gehören, war der Start mehr als vielversprechend. Innerhalb kurzer Zeit lagen rund 70 Anmeldungen von Schulen vor, Tendenz steigend. Inzwischen gibt es bereits 164 Zusagen. Und das Schöne ist: Inzwischen unterstützen bereits 164 Journalistinnen und Journalisten das Projekt und werden dabei wiederum – zumindest oftmals – von ihren Arbeitgeber*innen unterstützt, wenn die Gespräche in den Schulen während der Arbeitszeit stattfinden. Klingt nach einer Selbstverständlichkeit, aber es ist nicht unbedingt so, dass ehrenamtliches Engagement zumindest mit Lohnfortzahlung anerkannt wird, wenn dadurch Arbeitsstunden ausfallen. Die Anerkenntnis, dass Medienbildung Arbeit ist, muss also da sein, sonst kann ein solch umfangreiches Projekt nicht erfolgreich sein.

Medienanstalt hält die Fäden in der Hand

Den engagierten Journalist*innen wird die ausführliche und sehr hilfreiche Vorarbeit der bayerischen Kollegen in Form von Materialien, Hilfen, Leitfäden, Präsentationsangeboten – durch die mabb gut aufbereitet und schnell abrufbar – zur Verfügung gestellt, und zugleich laufen bei der mabb alle Fäden zusammen, was die Koordination der Aktivitäten anbelangt. Zeitnah wird es weitere von der FU Berlin und dem Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) kuratierte Materialien geben, die dann auch auf dem Bildungsserver zu finden sind. Es ist nicht immer so, dass Projekte derart gut organisiert sind und nahezu reibungslos laufen. Daran habe auch die gute Kooperation mit den Bildungsverwaltungen und -ministerien ihren Anteil, sagt Sabine Kühnel-Schwarz von der mabb. Dieses Projekt sei sozusagen ihr Baby und sie brenne dafür. Deshalb hat sie sich an diesem völlig verregneten Morgen auch die Zeit genommen, im John-Lennon-Gymnasium die ersten Früchte all der Anstrengungen anzuschauen. Eine spannende Doppelstunde.

Fragen über Fragen …

Der Journalistin Aurelie Winker merkt man ihr Medium schnell an: Sprechtempo, Klarheit der Sätze, Pausen, wer oft vor dem Mikro sitzt, hat da beste Karten. Wann ist eine Information eine Nachricht? Ausreichend wert, vermeldet zu werden, verständlich und mit allen notwendigen Fakten aufbereitet, sauber recherchiert. Das ist ein guter Einstieg, denn an der Königsdisziplin Nachricht lassen sich die Gemeinsamkeiten, vor allem aber auch die Unterschiede zwischen verbreiteten Informationen gut festmachen. Es mangelt ja nicht an Fülle, stattdessen oft an Solidität und Verlässlichkeit. Zwei-Quellen-Prinzip – wer etwas postet, ist gewiss nicht verpflichtet, das zu beachten. Wer es als Journalistin missachtet, wird den Ansprüchen an die Profession nicht gerecht.

Offener Raum für Diskussion, für Zweifel, für Widerspruch
Foto: Rico Prauss

Fragen über Fragen: Nach welchen Kriterien werden Informationen gewichtet, warum ist manchmal das Eisbärbaby wichtiger als der Ukraine-Konflikt, wie wird aus einer Information zuerst eine Meldung, später ein längerer Bericht, welche Recherchen sind dafür nötig, teilen Journalist*innen in gute und schlechte Nachrichten und versuchen sie, da Ausgewogenheit herzustellen, wer filtert und wie sehr sind diese Filter persönlich geprägt, wie laufen die Absprachen in einer Redaktion, welche objektiven Kriterien gibt es für Nachrichtensendungen und wie groß ist der subjektive Faktor? Ist die Wespe, die jetzt gerade im Raum fliegt, eine Nachricht wert? Wahrscheinlich nicht oder erst, wenn es ihr gelänge, durch einen Stich eine ernsthafte Gefährdung hervorzurufen, jemand mit dem Notfallwagen ins Krankenhaus müsste. – Die Lehrerin sorgt mit einem gezielten Schlag dafür, dass es so weit nicht kommt.

Weitreichende und lebhafte Debatten

Die Fülle der Fragen zeigt zweierlei: Junge Menschen machen sich viele Gedanken darüber, wie Informationen zu ihnen gelangen, welche Informationen das sind und wann sie ihnen vertrauen können. Sie wissen nicht so viel darüber, wie Journalismus funktioniert, was ihn unterscheidet von anderen Informationskanälen, aber sie haben eine Vorstellung davon, welche Verantwortung ihm obliegt. Das ist eine gute Grundlage, um miteinander zu reden.

Und manche Fragen lösen Diskussionen aus, die weitreichend sind. Zum Beispiel die, ob sich Journalist*innen Gedanken darüber machen müssen, welche Folgen ihre Berichterstattung haben wird. Dass dies kein Nachrichtenkriterium sein kann, ist für manche überraschend. Richtig lebhaft wird die Debatte darüber, ob es gut oder schlecht ist, bei Meldungen über Kriminalität die Nationalität der Täter*innen zu nennen. Eine Pattsituation, viele sprechen dagegen, viele dafür, einig ist man sich, dass es in der Konsequenz gut sein könnte, grundsätzlich die Nationalität zu benennen. Dann heißt es eben auch „ein deutscher Täter“.

Raum für Zweifel und Widersprüchlichkeit

Aurelie Winker ist keine mit fertigen Antworten auf alle Fragen. Sie gibt und lässt Raum für Diskussion, für Zweifel, für Widersprüchlichkeit. Diese Offenheit braucht es wohl, um überhaupt ins Gespräch zu kommen. Auch dann, wenn der Klassenraum, wie hier, die Situation des Frontalunterrichts herstellt. Old School muss man leider sagen, aber über die Qualität des Unterrichts ist damit nichts vermeldet.

„Welche Position muss man haben, um ein eigenes Büro zu bekommen? Was machen die Chefs Ihres Senders den ganzen Tag? Welche Karriere kann man machen? Gibt es Tage, an denen einfach nichts los ist?“ Tatsächlich ist die Bandbreite der Fragen groß, das macht, dass die zwei Schulstunden schnell vergehen, viel mehr Dialog als Monolog.

Das Projekt „Journalismus macht Schule“ wendet sich – die Vermutung liegt ja nahe – explizit nicht nur an Gymnasien. Auch wenn klar ist, dass von diesen viele Interessensbekundungen ausgehen. Aber Oberstufenzentren, Realschulen und andere sind ebenso angesprochen. Sabine Kühnel-Schwarz sagt, die Mischung der bisherigen Anmeldungen sei vielversprechend.

In Berlin und Brandenburg werden, neben dem Format in den Schulen, auch andere Angebote durch die Partner des Projekts unterbreitet. Die Tageszeitung (taz) bspw. lädt zu Gesprächen und Führungen in die Redaktion ein, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) öffnet ihre Türen für diese Art der Mediengespräche und bietet sich als Partnerin an.

Zwischen Fakten und Fakes liegen Welten. Aber diese Welten verschwimmen gegenwärtig oft und zunehmend. Gerüchte werden für wahr genommen, Nachrichten, die häufig weitaus unspektakulärer daherkommen, nicht geglaubt. Die Verantwortung der Medien, daran etwas zu ändern, ist groß. Insofern ist „Journalismus macht Schule“ etwas, bei dem beide Seiten lernen. Es wäre nur gut, bliebe es nicht bei einem zeitlich begrenzten Projekt, bekäme diese Form des Miteinanderredens und Voneinanderlernens eine Verstetigung. Einfacher wird die Welt ja nicht.

 

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