Journalistinnen raus gekickt

Elitäre Peronality-Stories wider realen Fraueninteressen

Kennen Sie auch eine Kollegin, die für das Feuilleton oder das Magazin einer renommierten Tageszeitung oder Zeitschrift tätig war? Nicht? Naja, wahrscheinlich wollen Sie die Betroffenen nicht beim Namen nennen. Denn jeder Kollegin, die als Autorin von jungen, aufstrebenden Männern aus ihrem angestammten Ressort verdrängt wird, hängt im Mediengeschäft schnell der Makel an, sie sei „nicht gut genug“ gewesen. Also schweigen wir lieber darüber, oder? Denn das wollen wir doch Frau A. nicht antun. Schließlich hat sie einen Ruf zu verlieren, ihre Artikel wurden gern gelesen. Gut, sie ist halt auch schon zehn Jahre im Geschäft gewesen. Klar, dass der junge neue Redakteur „mal neue Gesichter sehen“ wollte. Aber was ist eigentlich mit der Kollegin B., die so schwungvoll einstieg, neue Themen ausgrub und brisante Thesen aufstellte? Ein paar mal durfte sie Feuerwehr spielen, wenn Herrn Platzhirsch ein Thema nicht so rasend interessierte oder er etwas Besseres vorhatte. Plötzlich sieht und hört man nichts mehr von ihr. Naja, sie hat halt in seinem Revier gestört. Er ist zwar schon in Rente, aber so einem betagten Journalisten muss man doch mit gebührendem Respekt begegnen.

Einzelschicksale, nicht der Rede wert? Von wegen. Die Zeitungen werden im Verdrängungswettbewerb der Krise von Journalistinnen leergefegt. Durch die altbekannten Männerseilschaften gehen jedoch nicht nur Frauenkarrieren baden, sondern auch Inhalte. Frauenrechtlerinnen monieren derzeit landauf, landab den Verzicht der Medien auf kritische Öffentlichkeit. Sie beklagen den Mangel einer Berichterstattung, die Interessen der weiblichen arbeitenden Bevölkerung berücksichtigt und Frauen als politisch Denkende und Handelnde interviewt. Zwar sei nicht die konsequente Nichtberichterstattung von Frauenthemen anzuprangern, resümiert die Philosophin Maria Gonzalez aus Frankfurt am Main – jedoch funktionalisierten Zeitungen und Sender Frauen sehr traditionell als Krabbelstuben-Besucherin und Familien-Trösterin. Ansonsten seien vorwiegend jene opportunistischen Frauen von Medienmachern umschwärmt, die eine hierarchisch strukturierte Männerwelt zementieren.

Zu Recht sind feministische Aktivistinnen hierzulande verstimmt. Gonzalez und ihre Mitstreiterinnen registrieren verärgert, wem die Presse mit schöner Regelmäßigkeit als Sprachrohr zur Verfügung steht – und wem nicht. Infam sei, mit welcher Ausführlichkeit etwa über die Aufnahme der 38-jährigen Beatrice Weder di Mauro in den Kreis der Wirtschaftsweisen Report erstattet wurde. In der Tat, da rauschte der Blätterwald: Die Ökonomin sei ja so wunderbar flexibel, je nach Zeitgeist hänge sie mal dieser und mal jener Wirtschaftstheorie an. Allen voran der Spiegel: Unter dem Titel „Jung, weiblich undogmatisch“ wurde veröffentlicht, wie sehr die den Kanzler Gerhard Schröder beratende Altherrenriege von der jungen Schweizerin begeistert ist.

Immer mehr elitäre Personality-Stories – das läuft realen Fraueninteressen zuwider. Diskutieren hingegen bei einem Internationalen Frauenkongress, wie kürzlich an der Frankfurter Uni, 300 Frauen gemeinsame Strategien zur Verbesserung weiblicher Lebensqualität und Arbeitsbedingungen, erscheinen Pressevertreter erst gar nicht. Gonzalez, Mitorganisatorin des Kongresses, wittert erstarkenden Konservativismus, wenn Analysen über die Frauenrolle im entfesselten Kapitalismus der Professorin Chiara Zamboni aus Verona absichtsvoll ignoriert werden.

Auch die Landesfrauensekretärin des DGB Hessen, Marita Eilrich, übt Kritik: Frauenredaktionen in Printmedien und im Hörfunk seien mit dem Argument abgeschafft worden, frauenspezifische Themen würden in allen anderen Redaktionen berücksichtigt. Graue Theorie. Kürzlich suchte deshalb eine Gruppe von Frauen das Gespräch mit dem Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks (HR), Heinz-Dieter Sommer. Nach Abschaffung der HR-Frauenredaktion sei eine Redakteurin und ein Redakteur einzusetzen, um sogenanntes „Gender-Mainstreaming“ umzusetzen. Das Team solle darüber wachen, dass Themen wie Gesundheit, Irak-Krieg oder Umweltschutz auch aus Frauensicht aufbereitet werden. Die Antwort des Direktors: Mal schauen! Selbst die linksliberale Frankfurter Rundschau hat die Frauenseite durch eine Familienseite ersetzt.

Nicht nur Leserinnen grummeln. Auch Autorinnen fühlen sich unter Druck und beklagen den Rückschlag in vorsintflutliche Zeiten. In vielen Medien werde ein entwürdigendes Frauenbild geprägt, so die Berliner Journalistin Kirsten Liese. Das populärste Beispiel ist die RTL-Sendung „Frauentausch“. Frauen tauchten stets „im ewig leidigen Kontext sogenannter Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf“, meint Liese entnervt. Besonders traurig findet sie Frauenzeitschriften, die statt auf reale „Frauenthemen“ wie Arbeitslosigkeit, Minijobs und Verarmung einzugehen, unbelehrbar über Mode, Sex und schwedische Königinnen schwadronierten.

Die Frauenforschung habe keinen Zugang in die Medien gefunden, so Margot Müller (Partei“Die Frauen“). Mitnichten seien Frauen, ihrem Bevölkerungsanteil adäquat, zu 52 Prozent in den Medien vertreten. Kurz, es ist wieder an der Zeit, für Frauenrechte einzutreten. Sonst wird die öffentliche Meinung unter einer miefig-antiquierten Dunstglocke von Klischeebildern begraben.

 

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