Kann auch dicke Bretter bohren

Siegfried Heim: Betriebsratsvorsitzender und Gewerkschafter

„Hinfallen, aufstehen, weiterlaufen, erneut hinfallen, aufstehen, weiterlaufen und so fort.“ Mit diesem Bild beschreibt Siegfried Heim sich und seine Tätigkeit als Betriebsrat und Gewerkschafter. Der Redakteur ist seit 1998 Mitglied des Betriebsrats der „Neuen Pressegesellschaft mbH & Co. KG“ Ulm (zentraler Verlags- und Redaktionsbetrieb der Südwest Presse) und seit 2002 als Vorsitzender des Gremiums freigestellt für Betriebsratstätigkeiten.

Auch wenn es nicht gerade alltäglich ist, dass ein Tageszeitungsredakteur freigestellter Betriebsratsvorsitzender wird, sieht er durchaus Parallelen zwischen seinen beiden beruflichen Polen. Voraussetzung für beides ist das Interesse an Menschen. Journalisten sind Teil der politischen Willensbildung in der Gesellschaft und der Betriebsratsvorsitzende eben im Betrieb.
Siegfried Heim sagt von sich selbst: „Ich bin ein sehr politischer Mensch“. Als junger Spund hat er sich für den Beruf des Journalisten entschieden, „um etwas zu bewegen“. Doch er musste bald erfahren, dass dies durch die ganz gewöhnliche Berichterstattung nicht so einfach geht, wie er sich das vorgestellt hatte. Das birgt Frustrationspotential, aber es kann auch Ansporn sein, sich zu engagieren, beispielsweise in der Gewerkschaft und im Betriebsrat. Allerdings hat, auch das lernte Siegried Heim bald, „die politische Arbeit im Betrieb wenig mit demokratischen Spielregeln gemein. Im Unternehmen diktiert der Arbeitgeber einseitig die Konditionen.“
Bei Fragen wie Umstrukturierungen, Ausgliederungen usw. geben die Chefs in aller Regel erst einmal die Richtung vor „und unsere Tarifforderungen beeindrucken die Arbeitgeber nicht“, weiß Siegfried Heim. Doch der „Pragmatiker“, als den er sich selbst bezeichnet, weiß aus Erfahrung, dass man auch dicke Bretter bohren kann. Seit 2002 ist er Mitglied der Tarifkommission Zeitungs- und Zeitschriftenjournalisten der dju und seit April dieses Jahres Mitglied der Verhandlungskommission.
Für ihn gehören die tarifpolitische Arbeit in der Gewerkschaft und seine Tätigkeit als Betriebsrat eng zusammen. Siegfried Heim trat zwar schon während seines Volontariats bei der Augsburger Allgemeinen der IG Druck und Papier bei, doch gewerkschaftlich aktiv wurde er erst Jahre später. Erst mit der Gründung von ver.di engagierte er sich verstärkt. Seit 2001 ist er Mitglied im Vorstand des ver.di-Bezirks Ostwürttemberg-Ulm, ehrenamtlicher Referent in der ver.di-Bildungsarbeit (Betriebsräte-Fortbildungen in der Bildungsstätte Brannenburg und auf Bezirksebene) und seit 2007 Mitglied sowohl des dju-Landesvorstands als auch des ver.di-Landesvorstands in Baden-Württemberg.
Auch als Betriebsrat ist es ihm wichtig „Flagge zu zeigen“. In der täglichen Kleinarbeit, in Gesprächen über Betriebliches, bei Beratungen zu Fragen der Rente ist es ihm ein Anliegen, dass sein Ansprechpartner weiß, mit wem er es zu tun hat.
„Vor sechs Jahren wollte ich ganz gezielt in die Tarifkommission“ erklärt er. Und das, obwohl er wusste, „dass die Arbeit nicht vergnügungssteuerpflichtig“ ist. Für ihn ist dies ein Teil der Umsetzung der Willensbildung. Sich selbst sieht er bei den Verhandlungen noch als „Lehrling“, der die Verhandlungssituation in den Luxushotels als befremdlich empfindet. Wichtig ist ihm vor allem die „Rückkoppelung“.
Dass er bei dieser Arbeit manchmal verbale Prügel einstecken muss, daran hat er sich gewöhnt. „Vor vier Jahren war die Enttäuschung allerdings größer als diesmal“, stellt er im Hinblick auf die aktuelle Tarifrunde fest. „Diesmal war das Verständnis größer. Die Kolleginnen und Kollegen wussten, weshalb der Abschluss so bescheiden ausfiel.“ Dass seine Kolleginnen und Kollegen von der Südwestpresse beim Streik so aktiv waren, führt er darauf zurück, dass sich im Betrieb auch im Zusammenhang mit Auslagerungen einiger Ärger aufgestaut hatte. „In Zeiten der Industrialisierung des Journalismus, in Zeiten von Newsdesks und -rooms, bot der Streik außerdem die ansonsten selten gewordene Möglichkeit, sich mit Kollegen auszutauschen und über den Beruf zu reden.“
„Gegessen“ sind für ihn der Tarifabschluss und seine Begleitumstände noch lange nicht. Er appelliert: „Wenn noch eine kleine Chance bestehen soll, 2010 trotz der rasanten Veränderungen in den Medienhäusern (Print und Online) tariffähig zu bleiben, lohnt sich in den nächsten Wochen und Monaten mit den DJV-Mitgliedern in den Redaktionen die Diskussion über die Hintergründe des 2008er-Abschlusses – begleitet von selbstkritischen Betrachtungen darüber, was in der dju, im Fachbereich Medien und in ver.di insgesamt zu einer bloß punktuellen Mobilisierung geführt hat. Diese Debatte kann vor dem Hintergrund der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise eigentlich nur (medien)politisch geführt werden.“ Wer daran glaubt, dass „Gute Leute – Gute Arbeit“ leisten und „Gutes Geld“ verdienen sollen, und dass „Unsere Arbeit mehr wert“ ist, „der muss eine politische Debatte aushalten und führen, die außerhalb des Meinungs-Mainstreams in den Redaktionen liegt, aber viel zu tun hat mit der gesellschaftlichen Rolle von Journalisten und den Medien, in denen sie arbeiten.“
Wenn Siegfried Heim gerade mal nicht als Betriebsrat oder auf irgendwelchen Sitzungen unterwegs ist, pflegt er auch noch ein paar Hobbys: Er fährt Rad, liest und verreist gerne. Den Urlaub verbringt er am liebsten in nordischen Ländern (sein Favorit ist Kanada); vor allem aber sitzt er auch privat am Computer, pflegt seine Websites und beschäftigt sich mit dem Linux-Betriebssystem, der dazugehörigen Open-Source-Software und Programmierung.

nach oben

weiterlesen

Beschwerde-Rekord beim Deutschen Presserat

Der Deutsche Presserat hatte im vergangenen Jahr ordentlich zu tun: 2020 sind so viele Beschwerden eingegangen wie noch nie. Das lag nicht zuletzt an Massenbeschwerden zu einzelnen Artikeln, die in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurden. Auch die Zahl der Rügen ist deutlich gestiegen. Insgesamt 53 Mal verhängte die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse ihre schärfste Sanktion.
mehr »

Gibbet Fisch, oder gibbet kein Fisch?

Der Spruch stammt von meinem Musiker-Kollegen, mit dem ich als Autor in den 90iger Jahren, also in den guten analogen Zeiten, auf Lesereise war. Ein paar Bier, ein Abendessen und das Eintrittsgeld waren immer drin, und selbst wenn am Ende der Lesung der Hut rumging, kam ein nettes Sümmchen zusammen. Zeiten, von denen man heute nur noch träumen kann.
mehr »

Hanau: Betroffenen mehr Raum geben

Zum Jahrestag des rassisch motivierten Anschlags in Hanau hatten Interkultureller Mediendialog und dju in ver.di Hessen eingeladen, über Diskursverschiebungen in der Berichterstattung zu diskutieren. Es gebe zwar mehr Sensibilität, aber „in bestimmten Redaktionen ist der Groschen noch nicht gefallen, weil es sie nicht betrifft“, konstatierte Hadija Haruna-Oelker vom Hessischen Rundfunk.  Veränderungen habe es vor allem durch den Druck von Angehörigeninitiativen der neun Opfer gegeben, so Gregor Haschnik von der „Frankfurter Rundschau“.
mehr »

Wenn abstrakte Ideen konkret werden

Designer*innen „machen die Welt zu einem schöneren Ort“, heißt es blumig bei der Rheinischen Fachhochschule Köln. „Design heißt, Lösungen für Probleme zu entwickeln“, sagt Professor Klaus Neuburg vom Mediendesign-Studiengang der Ostfalia-Hochschule ganz rational. Und ein Problem hatten seine Studierenden bei der Planung der Jahresausstellung:  Statt die Werke wie üblich in der Hochschule zeigen zu können, wanderte pandemiebedingt alles in eine selbstentwickelte 3-D-Ausstellung mit dem Titel „Prototyp“.
mehr »