Kinderkram und Tagewerk

Ein Tagesablauf…

Dienstagmorgen, 6.30 Uhr. Der Abend im Fotolabor war lang und der Kleine auch noch zweimal wach …

Ich stehe müde im Bad. „Wie wird Joghurt gemacht? Und wer tut die Erdbeeren da rein?“ Sean ist vier und im besten Fragealter. Da ich vor kurzem beruflich in einer Molkerei zu tun hatte, kann ich dem Kind korrekt antworten, ohne groß darüber nachdenken zu müssen.

Nachdenken funktioniert erst später im Auto auf dem Weg zum Kindergarten. Die zwei hinten in ihren Kindersitzen sind ausnahmsweise friedlich, hauen sich keine Spielzeugautos auf den Kopf, öffnen weder Gurte noch Fenster.

Ich finde mein derzeitiges Leben reichlich anstrengend: Weil mein Mann in einer anderen Stadt arbeitet, bin ich an vier Tagen die Woche ganz alleine für Haushalt, Tiere und Kinder zuständig. Dazu kommt meine Arbeit als freie Fotojournalistin, die je nach Auftragslage zwischen einem und drei Tagen pro Woche erfordert.

Ich mag meine Arbeit als Freie, es ist genau das, was ich schon immer tun wollte. Aber auch ökonomische Gründe spielen eine Rolle. Ohne meinen monatlichen Beitrag zum Familieneinkommen wären wir mehr als knapp dran. Rechne ich allerdings nach, was mir meine Aufträge durchschnittlich einbringen, komme ich nach Abzug der Unkosten meist auf einen Stundenlohn unter zehn Mark. Das liegt zum einen daran, daß viele Auftraggeber nur unter Tarif zahlen können oder wollen und ich als Berufsanfängerin in diesem Bereich nicht allzu wählerisch sein darf. Zum anderen liegt es aber auch daran, daß ich im Gegensatz zu vielen meiner Kolleginnen und Kollegen für die Arbeitszeiten außer Haus oft noch eine Kinderbetreuung bezahlen muß.

Lautes Gegröle von hinten unterbricht meine Gedanken. Jeder der beiden „singt“ ein Lied, jeder sein eigenes versteht sich. Wieder zu Hause. Vormittägliche Hausfrauentätigkeiten und Versuche, ein paar ungestörte berufliche Telefonate zu erledigen. Meist bleibt’s bei den Versuchen, denn Klein-Joey richtet fast immer, wenn ich am Telefon bin, irgendein Chaos an: Gerne verteilt er Hundefutter im Trinknapf und schiebt sich dabei auch schon mal eine Handvoll davon in den Mund. Ebenfalls beliebt ist die Methode, mit einer Kuh auf Rädern über den Holzfußboden im Flur zu donnern … und alles, was kreativen Zweijährigen sonst noch einfällt, um meine Aufmerksamkeit schnell auf sich zu lenken. Zeit, den Großen aus dem Kindergarten abzuholen.

Joey hat beim Bäcker eine Brezel bekommen und sitzt zufrieden in seinem Autositz.

Mir fällt mein letzter Auftrag von der Theatergruppe B. ein. Ein kleiner Auftrag, der nicht viel einbrachte. Und da nicht genug Geld für einen Babysitter da war, mußte ich beide Kinder zu dem Termin mitnehmen. Zunächst wichen sie mir nicht von der Seite und ich konnte ein paar Aufnahmen machen, ohne daß sie ständig durchs Bild liefen. Es folgten einige angespielte Szenen bei schwierigen Lichtverhältnissen, die meine volle Konzentration erforderten. Normalerweise wäre das genau der Zeitpunkt, an dem Sean dringend aufs Klo müßte, der Kleine sein Lieblingsauto verloren hätte, oder … aber diesmal blieb die Unterbrechung aus. Bei einem kurzen Blick zurück sah ich beide einträchtig auf Stühlen im Zuschauerraum sitzen.

Erst nachher entdeckte ich die Tasche mit dem Pausenproviant der Schauspieler, die direkt auf dem Platz neben den beiden lag. Innerhalb von zehn Minuten war eine große Tüte mit Erdnußflips leergegessen bzw. in den Jackentaschen verschwunden.

Mittag, 13 Uhr. Das übliche Chaos ist beseitigt. Die Kinder sind im Bett. Zeit für mich alleine, zum Pause machen oder zum Arbeiten. Ich sitze am PC, und statt an einem neuen Werbekonzept für meine Ausstellungen zu arbeiten, komme ich wieder ins Grübeln.

An der Situation der Freien mit Kindern ist vieles verbesserungsbedürftig. Das meiste davon läßt sich aber nicht von uns Betroffenen alleine ändern. Zunächst einmal geht es um den Abbau von Vorurteilen wie die, daß Freie mit Kindern zwangsläufig unzuverlässig oder auch nicht kurzfristig einsetzbar seien.

Mitdenkende Ressortchefs geben „ihren“ Freien längerfristige Projekte und Aufträge. Und wenn eine Auftraggeberin richtig informiert wurde, an welchen Wochentagen das möglich ist, kann der und die Freie mit Kind auch kurzfristige Aufträge annehmen.

Zuverlässigkeit wiederum ist etwas, das nicht von den Kindern einer Person abhängt. Zuverlässigkeit ist vielmehr eine persönliche Eigenschaft des jeweiligen Menschen. Es kommt vor, daß ein Vater oder eine Mutter wegen plötzlicher Krankheit des Kindes kurzfristig ausfällt; das passiert bei Freien wie bei Festangestellten. Eine Lösungsmöglichkeit für solche Fälle könnte eine Einspring-Abmachung auf Gegenseitigkeit mit einer anderen freien Kollegin sein, mit der frau schon gut zusammengearbeitet hat.

In Zukunft wird die Zahl der Freien weiter anwachsen (siehe auch M 4/97) und damit wird auch die Konkurrenz untereinander zunehmen. Deshalb ist es dringend nötig, daß wir Freien uns jetzt schon zusammenschließen, um schlechter werdenden Arbeitsbedingungen und unzureichender Bezahlung klare Strategien entgegensetzen zu können.

Ideen und Konzepte müssen entwickelt werden, damit wir auch in Zukunft von unserer Arbeit leben können. Denkbar wäre in diesem Zusammenhang z.B. auch die Forderung danach, daß Auftraggeber verpflichtet werden müssen, auf die Honorare ihrer Freien einen prozentualen Aufschlag für Rentenversicherungsbeiträge zu entrichten.

An dieser Stelle meiner Gedankengänge werde ich jählings unterbrochen. „Wie küssen sich die Schweine, Mama?“ Sean ist wach.

 

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