Korrupt aus Mangel an Minuten

Verleger machen Redaktionen zu Anhängseln der Anzeigenabteilung

Lederne Brieftaschen, hübsch verpackte Füllfederhalter, Bücher, Regenschirme und Gedenkmedaillen – sind die gefährlich? Öffnen die kleinen Geschenke zum Fest und zur Pressekonferenz die Zeitungsseiten für Lob, verhindern sie Kritik bestochener Berichterstatter an spendierfreudigen Unternehmen?

Die 40 Teilnehmer des Arbeitskreises „Wirtschaft und Politik“ auf dem Journalistinnen- und Journalistentag waren sich einig: Ob man Werbegeschenke annimmt oder liegenläßt – es gibt viel wirksamere Methoden der Korruption, und über sie nachzudenken lohnt sich mehr.

Ein Lokalredakteur aus Nordhessen berichtete, und alle Zuhörer nickten: Wenn drei Redakteure zehn Lokalseiten füllen müssen, daneben noch die Zeit drängt, Werbetexte für „Sonderseiten“ in die Maschine zu hacken – dann braucht kein Pressesprecher ein Geschenk an seine Mitteilung zu heften. Dann wird sie ohnehin fast unbesehen gedruckt, füllt schnell zu füllende Seiten, manchmal auch ohne Quellenangabe. „Für mich ist es ein Leichtes, Pressemitteilungen so in der Zeitung unterzubringen, wie ich sie schreibe“, sagte eine Öffentlichkeitsarbeiterin aus dem Bergischen Land.

Eine „Verluderung der Sitten“ in den unterbesetzten Redaktionen stellte auch ein freier Kölner Kollege fest. Die Verleger „verlangen heute Dinge von uns, die früher undenkbar waren“, konstatierte ein Tageszeitungsredakteur aus Bayern. Für Qualitätsarbeit bleibe keine Zeit mehr. Uli Röhm, ZDF-Redakteur bei WISO und einer der Diskussionsleiter, faßte zusammen, was immer stärker als Mittel zur Korruption in den Redaktionen erkennbar wird: „Wenn wir uns von Pressestellen die Arbeitsbedingungen erleichtern lassen.“ Wenn technisch brillante Industriefilme ins Studio geliefert werden, wenn satzfertige Texte in der Zeitungsredaktion ankommen – dann freuen sich Redakteur und Verleger, daß sie Recherchekosten und Zeit sparen können. Auch Bequemlichkeit korrumpiert.

Die Arbeitsgruppe überlegte, ob die „sinkende Qualität der journalistischen Versorgung“ öffentlich beklagt werden müßte wie die sinkende Qualität der medizinischen Versorgung. „Die Verantwortung liegt bei den Verlegern“, betonte ein Teilnehmer unter dem Beifall der anderen: selbst Marmeladefabrikanten behandelten ihren Rohstoff nicht so schlecht wie Zeitungsbesitzer ihre Angestellten und Freien. Die Arbeitsbedingungen, der ständige Zeitdruck, müßten geändert werden. Schon in der Ausbildung beginne oft die Anleitung zum schnellen und schlechten Schreiben, ergänzte eine freie Journalistin aus Frankfurt. Volontäre und freie Mitarbeiter müßten „Anzeigenkollektive“ und „Berichte aus dem Geschäftsleben“ formulieren. So kämen sie in mancher Redaktion gar nicht dazu, eigene Qualitätskriterien zu entwickeln.

Keine Angst vor immer mehr „PR“ zeigte dagegen eine freie Kollegin aus Berlin. Die Pressestellen würden zwar immer besser, dieser Herausforderung müßten sich Journalisten aber selbstbewußt stellen. Weiterbildung und „fit machen für diesen Markt“ sollten sich die Kollegen, forderte sie. Ihr wurde entgegnet, die Gewerkschaften müßten sich wehren gegen die Verkleinerung von Redaktionen und gegen niedrige Honorare, die zu Nebenverdiensten bei PR-Stellen trieben. Manche Autoren erhielten nach einem gelungenen Zeitungsartikel über ein Unternehmen als Belohnung einen gut bezahlten Auftrag der Hauszeitschrift. Vor solchen Bestechungen schütze den Zeitungsmitarbeiter nur ein anständiges Gehalt oder Honorar.

Auf zusätzliche Gefahren der Abhängigkeit zwischen Journalisten und Unternehmen wies Wolfgang Mayer hin. Der Wirtschaftsredakteur der „Nürnberger Nachrichten“ moderierte die Diskussion gemeinsam mit Röhm. Mayer erinnerte an die Neigung einiger Unternehmen, zu Pressekonferenzen nach Übersee einzuladen und Journalisten die Reisekosten zu ersetzen – ausgewählten Journalisten. Der Verlag könne oder wolle weite Flugreisen oft nicht bezahlen. Korruption werde jedoch auch schon möglich, wenn der Sprecher einer Organisation nur besonders sympathisch sei oder um „Solidarität“ des Journalisten für ein Projekt werbe. Auf der Suche nach Mitteln gegen drohenden Distanzverlust zeigten sich etliche Diskussionsteilnehmer „ratlos“.

Als zutreffend bewertete die Arbeitsgruppe den Untertitel der Veranstaltung: „Die Grenzen zur Bestechung sind fließend.“ Zwar sei unter den Teilnehmern kaum einer, der für große Geldgeschenke von Unternehmen in Betracht komme: gegen die alltäglichen Verlockungen durch Fertigtexte, soziale Nähe zu PR-Kollegen und Nebenverdienste könne sich manch einer aber kaum sträuben. Gegen die Mängel an Freiraum in der Redaktion sei „ein ordentlicher Tarifabschluß mehr wert als ein noch so schöner Abschnitt im Pressekodex“.

 

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