Krisen- und Kriegsjournalisten leben gefährlich

Mehr Kenntnisse und mehr Sicherheit durch die „Under Fire“-Tagung des Johanniter Forum Berlin

Im vergangenen Jahr verloren weltweit 36 Journalisten bei der Ausübung ihres Berufs ihr Leben. Damit hat sich die Zahl getöteter Reporter im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Einige Opfer fielen gezielten Mordanschlägen zum Opfer. Andere mussten ihre riskante Annäherung an unübersichtliche Kriegsschauplätze mit dem Leben bezahlen. „Under Fire – Der Einsatz von Journalisten in Krisengebieten“ – unter diesem Titel führten die Johanniter-Unfallhilfe und Reporter ohne Grenzen Anfang Juni (6. 6.) in Berlin eine Veranstaltung für Journalisten durch. Ziel der Tagung: einen Beitrag zu leisten, die Sicherheit von Journalisten in Krisen- und Kriegsgebieten zu erhöhen.

Formal, so erläuterte Heike Spieker vom Institut für Friedenssicherungsrecht und humanitäres Völkerrecht der Ruhr-Uni Bochum, sind Reporter bei der Berufsausübung in internationalen Konflikten als Zivilpersonen durch das Genfer Abkommen geschützt. Dennoch gehen sie ein erhebliches Risiko ein, ähnlich wie die Zivilbevölkerung jedes Kriegsschauplatzes. Zudem wird immer häufiger die Erfahrung gemacht, dass die Kriegsparteien sich nicht eben penibel um die Einhaltung internationaler Menschenrechtsvereinbarungen kümmern. Durch die Zunahme von bürgerkriegsähnlichen Konflikten ist die Lage in den letzten Jahren für Journalisten eher unübersichtlicher und riskanter geworden. Die Konfliktparteien mögen vielfach keine unabhängigen Berichterstatter. Vielmehr legen sie es darauf an, die Journalisten für ihre ureigenen Ziele zu instrumentalisieren.

Es reiche nicht mehr aus, mit einer der Kriegsparteien irgendwo hinzuziehen, weiß Michael Rediske von „Reporter ohne Grenzen“. Denn die Partei, die man begleite, sei „meist auch daran interessiert ist, dass nur ein einseitiges Bild mitgenommen wird, ein positives Bild von dieser Seite“. Wer also gute Bilder, gute Stories haben will, müsse sich zwischen die Fronten bewegen „und das macht es auch immer gefährlicher“.

Ausreichende Vorbereitung

Nicht alle Journalisten, die sich auf einen Krisenschauplatz begeben, sind auf den Job ausreichend vorbereitet. Oft fehlt es an den Basisvoraussetzungen für eine qualifizierte Berichterstattung: etwa die Kenntnis der Landessprache. Oder detaillierte Informationen über die örtlichen Gegebenheiten. Ganz zu schweigen von einem Netz zuverlässiger, ortskundiger Helfer, die im Notfall logistische Hilfe geben können. Gisbert Mrozek, Mitinhaber der deutsch-russischen Nachrichtenagentur RUFO in Moskau, hat erlebt, wie selbsternannte Frontreporter sich mit einer Kartenkopie aus einem Universalatlas allein auf den Weg nach Tschetschenien machten. Sträflicher Leichtsinn, der jedoch immer häufiger vorkomme, aus naheliegenden Gründen. „Manche junge Kollegen glauben, ein Kriegsbericht könne den lang ersehnten Karrieresprung einleiten, könne der Redaktion zur erhofften Einschalt- und Leserquote verhelfen“. Das führe dann dazu, dass zum Teil auf eigene Faust völlig unverantwortliche Abenteuerreisen unternommen werden, die tödlich enden. Aber, so winkt Mrozek ab, „die Quote ist es nicht wert“.

Hilfe nach der Rückkehr

Gaby Neujahr, als Auslandsredakteurin bei „Focus“ für Südosteuroa zuständig, berichtete von ihren Erfahrungen im Kosovo und bei der Erdbebenkatastrophe in der Türkei. Für sie war der Job mit der Rückkehr von diesen Exkursionen in die Welt des Flüchtlingselends und der Leichenberge längst nicht beendet. „Ich brauchte viele Gespräche, um mich frei zu schreiben“, erinnert sie sich. Nicht immer sei sie im hektischen Redaktionsalltag auf ausreichend Verständnis gestoßen. Seitdem plädiert sie dafür, Stringer, die von schwierigen Auslandseinsätzen heimkehren, psychologisch bei der Verarbeitung der oft traumatischen Erlebnisse zu unterstützen.

Doch solcherlei Sensibilität für die Mitarbeiter ist nach wie vor die Ausnahme. Klaus Prömpers vom ZDF-Studio in Brüssel findet, dass der Quotendruck und die Medienkonkurrenz nicht selten eine pervertierte Berufseinstellung erzeugen: „Manch ein Redaktionsleiter wünscht sich am liebsten die weinende, trauernde Mutter am offenen Grab ihres Sohnes.“ Kollegen, die sich solchen frivolen Erwartungen entziehen, müssten sich auch schon mal auf einen „kleinen Karriereknick“ einrichten. Der individuellen Verantwortung für sein Tun könne sich jedoch kein Reporter entziehen.

Doch selbst Redaktionen, die sich bei der Entsendung von Kollegen in Krisengebiete verantwortungsbewusst zeigen, können das Risiko allenfalls mindern, nicht ausschalten. „Wer aktuell und authentisch berichten will, ist immer wieder gefährdet“, resümierte Wolfgang Duveneck, bei dpa für Presse und Kommunikation zuständig. Die Agentur trifft für ihre Mitarbeiter bei gefährlichen Einsätzen besondere Vorsorgemaßnahmen. So wird der Versicherungsschutz bei Tod und Invalidität auf 300.000 Mark erhöht. Auch die Ausstattung mit spezieller Schutzkleidung und modernster Mobilfunk- oder Satellitentechnik kann im Notfall wichtig sein. Letztlich, so Duveneck, setze die Verantwortung der Redaktion bereits bei der Auswahl des Personals ein. Korrespondent in einem Krisengebiet dürfe letztlich nur werden, wer über entsprechende Erfahrung und Landeskenntnis verfüge und auch in Extremsituationen belastbar sei. Denn der Stressfaktor bei Kriegseinsätzen ist beträchtlich, die Erwartungen der Heimatredaktionen hoch. Zum Beginn des Jugoslawien-Kriegs hätten die Redaktionen am liebsten bereits eine Stunde nach der NATO-Intervention Material auf dem Tisch gehabt, „möglichst einen packenden O-Ton-Bericht von der Front, natürlich in Studio-Qualität“. Doch letztlich bleibe das Leben des Reporters „wichtiger als jede Story oder Nachricht“.

Kennzeichnung oft kontraproduktiv

Journalisten, dies haben spätestens die Kriege im zerfallenden Jugoslawien gezeigt, werden von den gegnerischen Lagern längst nicht mehr als neutrale Beobachter akzeptiert. Die Ermordung der beiden Stern-Reporter Volker Krämer und Gabriel Grüner im Kosovo nur wenige Tage nach dem Ende der Kampfhandlungen im Frühjahr 1999 belegt, dass Journalisten oftmals bewusst als Zielscheiben auserkoren werden – allen UNO-Menschenrechtsdeklarationen zum Trotz. Eine vielfach geforderte Kennzeichnung der Journalisten erweist sich als wirkungslos oder sogar kontraproduktiv. Michael Rediske kennt nur wenige Fälle, wo eine Kennzeichnung den Tod eines Journalisten tatsächlich verhindert hätte. „Die meisten“, so sagt er, „sind entweder in Begleitung von Sicherheitskräften ums Leben gekommen oder sie sind auch gezielt umgebracht worden, um ihre Art von Berichterstattung zu verhindern.“

Unterstützung kommt neuerdings von unerwarteter Seite. Die Bundeswehr bietet seit Ende letzten Jahres interessierten Journalisten per Kompaktkurs ein Sicherheitstraining an. Ein Reflex auf die Debatte um die Medienarbeit im Kosovo-Krieg, sagt Josef Krieg vom Medienreferat des Bundesverteidigungsministeriums, und „weil mit der Zunahme von Auslandseinsätzen der Bundeswehr die Soldaten und ihr Auftrag immer mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt sind“.

In simulierten Kampfsituationen auf dem fränkischen Truppenübungsplatz Hammelburg können sie sich gemeinsam mit Grenadieren und Panzeraufklärern auf den Ernstfall an der Front vorbereiten. Krieg listet die wichtigsten Schulungsinhalte auf: „Das geht von der ganz persönlichen Frage: Wie statte ich mich aus? Welche Kleidung trage ich? bis hin zu der Frage: Wie gehe ich beispielsweise mit Geiselhaft um? Wie kann ich mich auch davor schützen, in den Hinterhalt zu geraten? Und dann immer das allerwichtigste Thema: Die Vorbereitung auf Minen. Weil Minen in allen Krisengebieten dieser Welt die schrecklichsten Waffen sind. Wie kann man sie erkennen? Wie kann man sich davor schützen? Welche Verhaltensregeln gibt es?“ Auf diese und andere Fragen will der viertägige Sicherheits-Crashkurs der Bundeswehr den Journalisten Antworten geben.

Keineswegs, so beteuert Krieg, gehe es der Truppe darum, die Journalisten auf die Bundeswehr einzuschwören. Eher schon darum, gegenseitiges Verständnis für die jeweilige Aufgabe der Beteiligten zu erreichen.


  • Info
    Bundesministerium der Verteidigung
    Presse- und Informationsstab
    Referat Medien
    Josef Krieg Telefon 0228/129406
    Telefax 0228/127465Die Nachfrage unter den Medienvertretern ist beachtlich. Zwei Kurse haben seit November stattgefunden. Die restlichen für dieses Jahr geplanten Lehrgänge sind bereits ausgebucht.
nach oben

weiterlesen

RBB: Neuer Anstrich ohne Vorwarnung

Die Ankündigung kam ohne Vorwarnung. Am 15. Februar erhielten die Redaktionen des RBB-Vorabendprogramms die Hiobsbotschaft: Zum Jahreswechsel 2021/22, so teilte Torsten Amarell, Leiter der so genannten „Contentbox Gesellschaft im RBB“ den konsternierten Mitarbeiter*innen mit, bekomme der Vorabend einen komplett neuen Anstrich. Die bewährten Sendungen „rbb um 6“ und „zibb -zuhause in Berlin und Brandenburg“ werden gestrichen. An ihre Stelle treten „90 Minuten live mit Nachrichten, Ratgeber und einem neuen Talk“.
mehr »

Scharfe Kritik an Plänen zur Fusion von ARD und ZDF

Wenn es nach Teilen der Union geht, könnten ARD und ZDF bald zusammengelegt werden. Künftig solle es nur noch eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt geben, heißt es in einem Papier der Mittelstandsunion. Danach sollen die bisherigen Sender unter einem Dach fusionieren. „Mehrfachstrukturen entfallen“ und weniger Unterhaltung soll angeboten werden. Ver.di kritisierte den Vorschlag scharf, der von Lobbyinteressen geleitet sei.
mehr »

Australische Medien müssen zahlen

Nach rund dreieinhalb Monaten ist das spektakuläre Verfahren gegen ursprünglich 36 Journalist*innen und Medienunternehmen in Australien beendet. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, gegen eine gerichtliche Nachrichtensperre im Prozess gegen den australischen Kardinal George Pell wegen Kindesmissbrauchs im Dezember 2018 verstoßen zu haben. Der Prozess gilt als einzigartig für ein demokratisches Land, weil er offenbart, wie eingeschränkt die Pressefreiheit in Australien weiterhin ist: durch Gesetze, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammen. 
mehr »

Beschwerde-Rekord beim Deutschen Presserat

Der Deutsche Presserat hatte im vergangenen Jahr ordentlich zu tun: 2020 sind so viele Beschwerden eingegangen wie noch nie. Das lag nicht zuletzt an Massenbeschwerden zu einzelnen Artikeln, die in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurden. Auch die Zahl der Rügen ist deutlich gestiegen. Insgesamt 53 Mal verhängte die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse ihre schärfste Sanktion.
mehr »