Kursgeld zurückverlangt

Moderationsakademie in Engelskirchen brachte tiefe Enttäuschungen

Carmen Thomas als Erfinderin und einfühlsame Moderatorin der Mitmachsendung „Hallo Ü-Wagen“ bekannt.

Ein Jahr nach der Gründung ihrer „1. Moderationsakademie für Medien und Wirtschaft Carmen Thomas“ in Engelskirchen bei Köln steht die Gründerin und Chefin Carmen Thomas vor einem Scherbenhaufen. Kursteilnehmer wollen ihr Geld zurück. Viele Schüler und ehemalige Mitarbeiter der für die Akademieleitung beurlaubten WDR-Redakteurin beschäftigen sich mit Rechtsanwaltsbriefen und Klagen statt den erhofften gut bezahlten Moderationen.

10 von 15 Teilnehmern des Kurses „Veranstaltungsmoderation“ verlangten Anfang Juli in einem Brief an Carmen Thomas 5000 Euro von den über 11.750 Euro zurück, die der 50-tägige Kurs die Einzelnen gekostet hat. Vier weitere hatten nach Aussagen von Akademieschülern die Ausbildung schon vorher abgebrochen und bereiten zum Teil Klagen vor. Nur höchstens 35 Kurstage hätten wirklich stattgefunden, schreiben die Teilnehmer. Die restlichen Tage mit praktischen Übungen (vor allem Hospitanzen bei Moderationen) hätten sie selbst organisieren müssen, und das sei nicht gelungen, wegen Thomas’ „unprofessioneller Organisation und verwirrender Handhabe“. Weitere Schadenersatzansprüche behielten sich die Unterzeichner des Briefes vor. Begründung: die „diskutable inhaltliche Qualität der Fortbildung“.

Eine Antwort auf ihren Brief bekamen die Kursteilnehmer nicht, nur eine dürre Teilnahmebescheinigung. Wer mit ihnen spricht, bekommt ihre tiefe Enttäuschung zu spüren über die Hoffnungsträgerin Carmen Thomas, die vor allem im WDR-Sendebereich als Erfinderin und einfühlsame Moderatorin der Mitmach-Sendung „Hallo Ü-Wagen“ bekannt ist. Erhofft hatten sie sich ein neues berufliches Standbein durch professionelle Schulung. Einige verschuldeten sich für den Kurs, andere lösten Rücklagen auf, die sie für den Start eines eigenen Geschäftes gebildet hatten, wie zum Beispiel Kursteilnehmerin Katrin Westerhoff.

Kein schnelles Geld mit Moderationen

Carmen Thomas habe ihnen systematisch Hoffnung darauf gemacht, in den „Moderatorenpool“ der Akademie zu kommen, sagen die Enttäuschten. Es gebe ständig so viele Anfragen, die sie selbst gar nicht alle erfüllen könne, die Jobs gebe sie gerne weiter, lockte Thomas – und nach acht oder zehn selbst moderierten Veranstaltungen hätten die Lernenden die Kursgebühren dann locker wieder herein geholt. Ehemalige Mitarbeiter bezweifeln dies: „Einen Moderatorenpool gibt es nicht“, berichten sie übereinstimmend. Nur wenige Anfragen von Veranstaltern seien bei der Akademie eingegangen. Lediglich eine einzige Moderation habe Carmen Thomas an eine Co-Referentin der Akademie abgegeben – und dafür gleich die Hälfte der 2000 Euro Honorar einbehalten wollen. Zu diesen Bedingungen aber wollte die Mitarbeiterin nicht arbeiten. Inzwischen ist sie gekündigt, wie alle Mitarbeiter der Gründungsphase, wegen unbotmäßigen Verhaltens, und von einem Tag auf den anderen.

Das Moderieren in der Praxis zu üben, sei Nebensache bei den Kursen, sagen Teilnehmerinnen wie die PR-Beraterin Claudia Hövel. Sie will unnachgiebig auf einen Rechtsstreit zusteuern, wenn Carmen Thomas ihr nicht rund 8.000 Euro Kursgebühr erstattet. Ein Drittel der Kurszeit habe sie damit verbracht, die Vokabeln, die Technik und die Farbensprache der Post-It-Zettel zu lernen, die Carmen Thomas für ihre Moderationen verwendet. Ob „Pits“ oder „Posti“, „Posto“ oder „Dumbo“ – alle Zettel, Kartons und Stifte mussten die Teilnehmer, wenn das Startset verbraucht war, von der ETM GmbH beziehen. Eigentümerin laut Kölner Handelsregister: Carmen Thomas. Das zweite Drittel des Kurses wurde für die langatmige Vorbereitung von Moderations-Hospitanzen verwendet – viel Zeit habe beispielsweise ein Akquisebrief an Institutionen verschlungen, den die Teilnehmer erarbeiten mussten – eigentlich aber ging Claudia Hövel davon aus, dass es im Preis inbegriffen sei, Hospitanzen zu besorgen.

Zettel-Kommunikation

Entsetzt sind viele Teilnehmer von den Umgangsformen an der Akademie: Direkte Fragen oder gar Kritik an Carmen Thomas wurden grundsätzlich nicht persönlich beantwortet. Sie mussten als Stichwort auf einen Zettel gepinnt werden. Thomas beantwortete sie dann später in einem summarischen Exkurs – oder auch gar nicht. Da habe Carmen Thomas die Methode der „themenzentrierten Interaktion“ wohl strenger ausgelegt als selbst deren Erfinderin Ruth Cohn, sagt Jens Tomas, ein Kursteilnehmer, der ebenfalls auf einen Gerichtsprozess mit der Akademie zusteuert.

Anscheinend war es nicht leicht, den ersten Kurs für Veranstaltungsmoderation zu füllen – also wurde er auch solchen Interessenten empfohlen, die eigentlich Moderation in Radio und TV lernen wollten. Beim Monate später gestarteten Medienmoderations-Kurs ist es umgekehrt: In ihm tummeln sich viele, die eigentlich Veranstaltungen moderieren wollen. Die Unzufriedenheit wächst auch in diesem Seminar: Als sie genügend „Pits“ (Post-it-Zettel) nach Carmen Thomas’ Vistem-Methode beschriftet und arrangiert, offene Radios besucht und genug Altbekanntes über Farbentypen gehört hatte, wollte Verena Dohle-Hamels endlich wissen, ob der weitere Ausbildungsplan handfeste Moderationsübungen vorsieht. Sie schrieb eine Anfrage an die Akademie. Antwort: Sie möge die Fragen doch bitte zunächst „in der ihr bekannten Weise“ vor der Gruppe visualisieren – mit „Pits“. Sie gab auf und kündigte – über ihren Rechtsanwalt fordert sie die Kursgebühr zurück.

An Mitteln dürfte es nicht mangeln. Die Akademiegründerin hat vor allem mit Geld von den Venturekapitalgesellschaften der Kölner Kreissparkasse und der Stadtsparkasse die Träger-GmbH der Akademie gegründet, und vertraglich durchgesetzt, dass die Mitgesellschafter gegen sie nichts beschließen können. Zudem sind Land NRW und etliche Unternehmen von Kaufhof über den Kölner Stadtanzeiger bis zum Baumarkt Obi in einem illustren Förderbeirat vertreten, der nach Presseberichten insgesamt eine Million Mark für den Start der Akademie zugeschossen hat. Mit dabei ist Carmen Thomas’ Arbeitgeber, der Westdeutsche Rundfunk gab 100.000 Mark. Angedacht waren Kurse für WDR-Mitarbeiter bei Carmen Thomas, nun aber will sich der WDR aus dem Akademie-Beirat zurückziehen. Nach Aussage der Pressestelle hat dies aber nichts mit irgendwelchen Problemen der Ausbildungsstätte zu tun.

Obwohl ein Mitarbeiter zunächst sagte, sie sei zu erreichen, war Carmen Thomas in ihrem Urlaub für eine Stellungnahme zu den Vorgängen an ihrer Akademie nicht zu sprechen.

 

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