Lediglich Background für Emotionen

Über Defizite der Kriegsberichterstattung – Frauen ohne eigene Stimme

„Männer handeln, Frauen kommen vor“. Was Küchenhoff vor nun bald 30 Jahren über das vom Fernsehen vermittelte Geschlechterbild feststellte, gilt für die Kriegsberichterstattung immer noch, über den Irak-Krieg ebenso wie über den in Afghanistan, Ex-Jugoslawien, im Kongo, Liberia und anderen Ländern dieser Welt. Männer sind die Handelnden, die Aktiven, die Politiker, Militärs, Experten. Sie sind diejenigen, die in den Medien das Wort haben, vom Fernsehen – oft martialisch – ins Bild gesetzt. Frauen sind die Opfer, unbekannt, ohne Namen, ohne eigene Stimme.

„Das dominierende Bild von Frauen in Massenmedien“, schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin Romy Fröhlich, „ist charakterisiert durch Annihilation, Trivialisierung und Marginalisierung.“ In der Kriegsberichterstattung kommt dies besonders deutlich zum Ausdruck. Sie hyperrealisiert die geschlechtshierarchische Arbeitsverteilung, die Männern die produktiven, Frauen die reproduktiven Aufgaben zuweist.

Dass dieses Muster medial kaum angetastet wird, beruht darauf, dass auch im Journalismus, insbesondere in den Führungsetagen der Medien und in der Kriegsberichterstattung, Männer das Sagen haben. Zwar nimmt der Anteil von weiblichen Auslandskorrespondenten auch aus Krisengebieten allmählich zu, aber Nachrichten unterliegen dem Zwang der Aktualität und Kürze. Statements der männlichen Akteure sind gefragt. Es geht um den aktuellen Kriegsverlauf, um Kampfhandlungen, Verluste, wie viele Tote, wie viele Gefangene? Um Positionen der am Krieg beteiligten Regierungen, um die Situation in den umkämpften Städten. Vor allem im Fernsehen, in Tagesschau und anderen TV-Nachrichten, in aktuellen Sondersendungen und manchen Magazin-Beiträgen werden vom Krieg betroffene Frauen bestenfalls als emotionalisierender Background eingesetzt: mit Kleinkind neben zerbombtem Haus, betend in der Kirche oder als schwarz verhüllte Gestalten unter namenlosen Flüchtlingen. Auch in den Polit-Talks zum Irak-Krieg, von Christiansen bis Berlin Mitte, waren Frauen – im Wortsinn – nicht gefragt. Es waren Männer-Runden, in denen sich ehemalige Verteidigungsminister, Generäle a.D., Nah-Ost-Experten und vielleicht noch ein Mann der Kirche um eine Deutung des Krieges bemühten. Ein weiteres Dilemma der Frauen besteht darin, dass männliche Kriegsberichterstatter ihren Erfahrungen weniger Vertrauen schenken als solchen von Männern. Die Reduktion von Frauen auf eine emotionalisierende Opferrolle trivialisiert sie, mindert ihre Rationalität und damit ihre Glaubwürdigkeit. Es war zuerst eine weibliche Korrespondentin, die über Massenvergewaltigungen während des Jugoslawien-Krieges in deutschen Medien berichtete, obwohl die Existenz solcher Lager längst bekannt war. „Diejenigen“, so die Journalistin Barbara Stiglmayer, „die an dem Thema drangeblieben sind und auch längere Sendungen gemacht haben – das waren ausschließlich Frauen.“

Kriegsalltag zeigen

Auf der anderen Seite zeigen Fakes, wie das während des zweiten Golfkrieges 1990 / 91 im Auftrag der kuwaitischen Regierung von einer PR-Agentur produzierte, in dem eine angebliche kuwaitische Krankenschwester weinend berichtet, wie sie habe zusehen müssen als irakische Soldaten Neugeborene aus den Brutkästen rissen und auf den Boden warfen. Stark emotionalisierende Bilder von Frauenschicksalen werden von den männlichen Machteliten für ihre kriegs- oder auch friedenspolitischen Interessen instrumentalisiert.

Die Kriegsberichterstatterin Ariane Vuckovic betont, dass es ihr darum gehe, nicht nur Offizielle zum Kriegsverlauf zu interviewen, sondern Menschen des Kriegsalltags Namen und Stimme zu geben. Diese Herangehensweise vermag mehr Nähe zum tatsächlichen Krieg herzustellen, als Politiker- Statements, Kriegsverlaufsbeschreibungen und Bilder „sauberer“ Einschläge angeblich intelligenter Bomben. Dennoch lässt sich dieser Anspruch schwieriger realisieren. Hintergrundberichterstattung, die auch die Situation von Frauen in den Blick nimmt, wird im Fernsehen weitgehend dem Spätprogramm oder Frauenmagazinen überlassen. Wenig Möglichkeiten also, den Kriegsalltag und in ihm agierende Menschen realistisch zu zeigen.

Bilder hinterfragt

Seriöse Medien gingen in ihrer Berichterstattung über den US-Krieg gegen den Irak bewusster damit um, dass das Gezeigte und Beschriebene nicht die Wirklichkeit sein muss. Das Publikum wurde aufgefordert, die Macht der Bilder zu hinterfragen. Hinzukommen muss aber, „die Sichtweise von Frauen zu Kriegen, in Kriegen und in der Kriegsberichterstattung“ nicht auszublenden, sondern „in die friedenspolitische Diskussion einzubringen“, wie eine Entschließung der ver.di-Bundesfrauenkonferenz Anfang Juni 2003 fordert. „Frauen“, so die Resolution weiter, „haben in und nach Kriegen in der Regel keine politische Entscheidungsmacht. So können sie immer wieder zu Verliererinnen gemacht werden“.

Diese scheinbare Kriegslogik zu durchbrechen, sind nicht nur Journalistinnen und Journalisten gefordert, sondern alle, die Medien nutzen. Frauen in der Kriegsberichterstattung als handelnde Menschen zu zeigen und wahrzunehmen, kann vielleicht beitragen, der Akzeptanz von Kriegen entgegenzuwirken.

 

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