Mächtige Journalisten?

Mainzer Tage der Fernsehkritik und die Mediendemokratie

Sind wir Journalisten mächtig oder nicht? Leiden wir unter Machtmissbrauch der Politiker oder üben wir ihn selbst aus? Sind weitere Kontrollgremien zur Medienaufsicht vonnöten oder müssten die bereits existierenden nur effektiver gestaltet werden? „Macht und Medien“ ist ein spannendes Thema – und die Mainzer Tage der Fernsehkritik sind eine wichtige Institution, darauf kann man sich sicherlich einigen. Doch warum tauschten sich hier weitgehend nur diejenigen miteinander aus, die sich sowieso fast täglich in den Chefetagen die Hände schütteln?

Davon, dass der Kampf ums Politiker-Interview Reporter schon einmal auf die Knie vor einem bequem sitzendenden Joschka Fischer trieb – um in Augenhöhe zu bleiben, spitzte ZDF-Moderatorin Marietta Slomka im Interview mit dem Ex-Außenminister zu. Doch sind Journalisten, Programmmacher, Fernsehkritiker und Medienwissenschaftler im Kongreßzentrum des ZDF bei den 39. Mainzer Tagen der Fernsehkritik unter sich, um zu reflektieren, geht es selbstbewusster zu.

Krieg der Plattformen

„Nur mit einer konsequenten Neuordnung kann unsere Mediendemokratie weiter funktionieren“, eröffnete der Hausherr, ZDF-Intendant, Markus Schächter – und unterstellte somit, wir hätten diese weitgehend: Einzig neue Technologien und Global Player bedrohten den guten, alten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. „Ein Krieg der Plattformen“ kündige sich an. Der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm rief ins Gedächtnis, dass die Rundfunkfreiheit in der Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion beruhen solle, „auf der Basis von verfassungsrechtlichen Grundrechten“, insofern „eine dienende Freiheit“ sei. Er mahnte externe Kontrollinstanzen an, die eine verfassungsrechtliche Produktqualität prüfen sollten. Dass es diese Aufsichtsgremien, die Rundfunkräte für öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und die Landesmedienanstalten für den kommerziellen Rundfunk, bereits gibt, davon war kaum die Rede. Ebenso wenig davon, auf welche Weise sie – soweit sie denn halbwegs funktionieren – mal mehr und mal weniger engagiert in mühevoller Kleinarbeit ihre Arbeit versehen: Mitunter im Kampf gegen unklare und diffuse Regelungen des Gesetzgebers. Grimm beschränkte sich darauf, den Landesmedienanstalten die Leviten zu lesen und erhielt, wie zu erwarten, in den Hallen des ZDF Applaus. Doch was ist mit den Rundfunkräten? Nimmt man sie in den Redaktionen als Medienwächter wahr?

Debatte nur im Insider-Rahmen

Die graue Theorie wurde aus den hehren Elfenbeintürmen nicht auf die Praxis heruntergebrochen. Nun, die interessantesten Gespräche gibt es bei Kongressen bekanntlich meist in den Pausen. Von unten betrachtet, sieht die Welt anders aus: Sonia Mikich (ARD-Magazin Monitor) befand eine permanente Berufung auf Rechtsparagraphen im journalistischen Alltag als wenig produktiv. Im Gegensatz zu den Anfängen ihrer Redakteurslaufbahn sei sie derzeit gehalten, Inhalte zunehmend vom Justiziar prüfen zu lassen. Was für mutigen Journalismus keineswegs förderlich sei. Die aktuelle politische Berichterstattung verzögere und erschwere sich. Bürokratische Juristerei trete häufig anstelle kritischer Würdigung.
Ein weiteres Pausengespräch: Matthias Haus (Architekturstudent, im Nebenjob Kabelträger beim ZDF) fühlt sich „vom Fernsehprogramm unterfordert“. Vor allen Dingen bedauerte er, dass die Diskussionen der Mainzer Tage der Fernsehkritik nur auf Phoenix übertragen – ansonsten jedoch im intimen Insider-Rahmen verbleiben und kaum öffentlich werden.
Dass die Mainzer Tage der Fernsehkritik doch ihren Namen wert waren, weil einzelne zivilcouragierte Publizisten nicht auf Schmusekurs gingen und Machtmissbrauch thematisierten, erfuhren Matthias Haus und seine drei Kommilitonen also nur, weil sie hier die Kabel der Kamera schleppten. Der ehemalige Geschäftsführer des Grimme Instituts, Bernd Gäbler, plauderte in seiner Podiumsrunde unter dem Titel „Bestens im Bilde – oder zu nah dran“ aus dem Nähkästchen. Von außen müsse der allseits beklagte „Einfluss der Politik auf die Journalisten“ gar nicht kommen. Die „Große Koalition“ sei im Sender selbst umgesetzt. Wie nach schlichten Abzählreimen seien die öffentlichen-rechtlichen Sendeanstalten mit parteipolitischem Personal bestückt: Einer CDU, einer SPD … Es gebe das geflügelte Wort vom „Umlackieren“: „Wenn einer seinen angestammten politischen Platz verlässt und ins andere Lager wechselt“. Mit diesen Internas konfrontierte Gäbler genüsslich den langjährigen ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann. Ergebnis seien öde Parteitagsberichte, die schon die Cutter im Schneideraum zum Gähnen brächten. Die von Gäbler vorgeschlagene Lösung hieß nun allerdings nicht, Anarchisten, Kommunisten, Bürgerrechtler, Feministinnen, Schwule und Globalisierungskritiker einzustellen – er forderte einzig „einen Autor mit einer guten Handschrift“. Anderes wäre wohl auch zu dreist gewesen. Bekam doch selbst Peter Klöppel („das seriöse Gesicht von RTL“) als Reaktion auf sein harmloses Ansinnen, vermehrt mit Bürgern und nicht nur mit Politikerköpfen Fernsehen machen zu wollen, vom ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ein wütendes „Dann müssen Sie die parlamentarische Demokratie abschaffen“ zugezischt.

Weitgehende Unklarheit über publizistische Grundsätze

Weiterhin wurden Ideen debattiert, die man aus publizistischen Anfängerkursen kennt, hier aber relativ neu zu sein schienen. Stefan Hebel, Textchef der Frankfurter Rundschau, fühlte sich bemüßigt, zu erinnern, dass Journalisten doch auch selbst Themen besetzen und in Schulen, Universitäten, Krankenhäusern und Betrieben recherchieren können. „Die Politik liegt auf der Straße“, so Hebel. Auch unter Print-Journalisten herrscht über publizistische Grundsätze weitgehend Unklarheit: Hans-Ulrich Jörges (Stern-Kolumnist) sah die journalistische Aufgabe eher darin, „an der Vertrauensbildung zur Politik mitzuwirken“. Die Dimension der Pressefreiheit erfuhr in den Debatten auf dem Lerchenberg eine seltsame Auslegung. Nicolaus Fest (Bild Hamburg) triumphierte, Bild habe sich nicht hinreißen lassen, „Nachrichten zu unterdrücken“: Es ging um die „Nachricht“ der über ihren Orgasmus plaudernden baden-württembergischen SPD-Politikerin Ute Vogt! Uwe Vorkötter (Berliner Zeitung) empörte sich aufrichtig, dass Günter Jauch keine Berichterstattung über seine Heirat wollte: „Das lasse ich mir doch nicht vorschreiben“. Sage einer, Journalisten würden nicht machtvoll für eine „freie Presse“ kämpfen.

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