Medien- und Kunstfreiheit im Dialog der Kulturen

 

Aufklären über die Trennschärfe zwischen Terrorismus und Islam, über Religionen, gemeinsam den aktuellen Diskurs führen, politische Antworten einfordern: Ergebnisse einer Diskussion um „Medien- und Kunstfreiheit im Dialog der Kulturen“ am 7. Februar mit Künstlern, die sich zu ihren diesjährigen Wahlkonferenzen im Berliner ver.di-Haus trafen.

Ulrich Janßen, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Aiman Mazyek (v.l.n.r.) diskutieren mit Künstlern im ver.di-Haus Foto: Ludwig Rauch
Ulrich Janßen, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Aiman Mazyek (v.l.n.r.) diskutieren mit Künstlern im ver.di-Haus
Foto: Ludwig Rauch

Als „ein eindrucksvolles Zeichen der Verbundenheit“, bezeichnete der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, die Kundgebung der muslimischen und der türkischen Gemeinde gemeinsam mit vielen Verbänden am Brandenburger Tor nach den Anschlägen in Paris. Gleichfalls stiegen die Übergriffe auf muslimische Einrichtungen. Es habe noch mehr Hakenkreuzschmierereien, tätliche Angriffe in Deutschland und noch mehr in Frankreich gegeben. Bei Muslimen löse das Angst und Betroffenheit aus. Man wolle einen Keil in die Gesellschaft treiben. „Das dürfen wir nicht zulassen“, rief Mazyek Gewerkschafter auf.
Aufklärung und Diskurs sind notwendig, da es viele unterschiedliche Auffassungen –
auch zur Karikatur als ein Mittel der Satire – gebe. Missverstehen von Meinungsäußerungen, Unwissen über die Historie von Religionen und Weltanschauungen kämen hinzu. Das belegte die Debatte der Künstler mit Aiman Mazyek und dem dju-Vorsitzenden Ulrich Janßen sowie dem ver.di-Kunstbereichsleiter Heinrich Bleicher-Nagelsmann. Auftrag der Karikatur sei es Kritisches offen zu zeigen, so Mazyek. Deshalb sei es ein „falsches Signal und falsch verstandene Toleranz und Rücksichtnahme“, den Motivwagen beim Kölner Karneval – auf dem ein Terrorist durch den spitzen Stift eines Karikaturisten zur Strecke gebracht wird – zurück zu nehmen. „Gerade jetzt ist es wichtig, das darzustellen.“
Was darf Karikatur, gibt es Grenzen auch für die Freiheit der Kunst, fragte Moderator Bleicher-Nagelsmann. Oft werde Meinungsfreiheit an den Befindlichkeiten etwa der Muslime festgemacht, das sei der falsche Weg, antwortete Mazyek. Das gelte es abzukoppeln. Man müsse auf das Grundgesetz schauen. Trotzdem könne sich jemand verletzt fühlen, und es gehöre zum gesellschaftlichen Diskurs, das dann auch sagen zu dürfen. Satire müsse überzeugen und wehtun, so eine Teilnehmerin. Dennoch gebe es auch Taktgefühl und Achtung vor anderen im Sinne einer Gewaltprävention und damit Grenzen, hielt jemand dagegen. Satire dürfe, muss aber nicht alles, das sei auch eine persönliche Gewissensfrage. Niemals jedoch dürfe es dazu führen, dass Menschen umgebracht, attackiert und unter Druck gesetzt werden, fasste eine Kollegin zusammen, was offenbar alle im Saal einte.
„Was mir mehr zu denken gibt, mich sehr beunruhigt, sind weniger die religiösen Themen. Sie werden vorgeschoben, von Täten, Politikern, religiösen und anderen Einrichtungen. Ich sehe eine große Gefahr in der Stärkung des Faschismus“, sagte Imre Török, Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller in ver.di. Sie ginge hierzulande einher mit Pegida, NSU … „Das ist eine politische Entwicklung, die nichts mit Religion zu tun hat.“ Die Trennung von Terror und Religion wurde in der Debatte vielfach betont. Religion werde missbraucht, um Terror zu begründen, hieß es. Das gelte, wie wir aus der Geschichte wissen, auch für andere Weltanschauungen. Und gewaltbereite Fundamentalisten seien überall anzutreffen. Betont wurde, dass Rassismus und Gewalt, aber auch Angst um eigene Lebensverhältnisse vor dem Hintergrund schlechter sozialer Bedingungen vieler Menschen gedeihen.
Zu den brutalen Ereignissen in Paris habe natürlich auch die dju schnell und klar Position für Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit bezogen. Leider sei jedoch auch in Deutschland das Ringen um Pressefreiheit kein Brachland, sagte Ulrich Janßen. Die Angriffe auf Journalisten häufen sich. Es gibt Auseinandersetzungen mit der Polizei, die Fotografen anrempelt, behindert und nicht schützt wie jüngst in Hamburg. Zudem, so Janßen, habe Pressefreiheit auch etwas mit Pressevielfalt zu tun, der die aktuelle Entwicklung etwa von Zeitungsfusionen entgegenwirkt. Sparkonzepte sorgen für schlechtere Arbeitsbedingungen, vor allem Freie können von ihrer Arbeit häufig nicht mehr leben. Geschrei wie das von der „Lügenpresse“ befördere ein Klima, dass mit sachlicher Medienkritik nichts zu tun habe. Der dju-Vorsitzende warnte: „Diese Rufe schwimmen an der Oberfläche. Wenn sie abebben, dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, dass es vorbei ist.“ Viele Kräfte, die sich gegen die Grundrechte der Pressefreiheit, der Kunstfreiheit und der Religionsfreiheit richten, wirken auch hinter den Kulissen und seien deshalb nicht auf den ersten Blick erkennbar. Dies zu entlarven, was sich im Verborgenen abspiele, sei Aufgabe der Medien, sagte der dju-Vorsitzende. Dazu brauche es gute Arbeitsbedingungen und personell gut ausgestattete Redaktionen: „Pressefreiheit geht nicht ohne gute Arbeitsbedingungen. Insofern gehören Berufspolitik und Tarifpolitik der dju in ver.di zusammen.“

 

Ein Gedicht des kurdischen Schriftstellers Adel Karasholi, der 1959 nach Deutschland emigrierte und heute in Leipzig lebt. Er musste wegen einer Erkrankung die Teilnahme an der ver.di-Veranstaltung kurzfristig absagen.

die ausgestreckte hand

nimm also meine hand
in die deine, nimm mich einmal,
nur einmal so, wie ich bin mit meiner sonne
im gepäck, meine zellen tranken diese glut einst
mit der muttermilch, sie brannte mir
in die stirn ihr mal, nimm
meine hand und sieh meine finger blaugekühlt
vom frost, nimm
meine hand, ich friere mich zu tode noch, nimm
zwischen deine hände
meine hand

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Rundfunkbeitrag soll um 58 Cent steigen

Der finanzielle Spielraum von ARD, ZDF und Deutschlandradio schrumpft. Wie erwartet, empfiehlt die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) eine Erhöhung des monatlichen Rundfunkbeitrags ab 2025 um 58 Cent auf 18,94 Euro. Die von einigen Ministerpräsidenten geäußerten Forderungen nach Beitragsstabilität sieht die KEF angesichts der inflationären Entwicklung als übererfüllt an. Ver.di warnt vor weiterem Programmabbau und noch mehr Druck auf die Rundfunkbeschäftigen.
mehr »

dju verurteilt Angriff auf Rundfunkfreiheit

Als „massiven Angriff“ auf die Pressefreiheit und gegen den gesetzlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat die dju einen AfD-Antrag vom 22. Februar verurteilt, die Berichterstattung im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) über das Treffen von rechten, identitären und AfD-Vertretern in Potsdam durch die Landesregierung zu unterbinden. Die Landesvorsitzende der dju in ver.di Berlin-Brandenburg, Renate Gensch, nannte den öffentlich-rechtliche Rundfunk „Garant der Demokratie“.
mehr »

Hörfunkrat begrüßt Reformdebatte

Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue hat den Bericht des Rates für die zukünftige Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (Zukunftsrat) positiv gewürdigt. Es sei ein Verdienst des Expertengremiums, dass die Reformdebatte seit der Vorlage des Berichts vor fünf Wochen (am 18.1.) „deutlich entspannter und sachlicher“ geführt werde, erklärte Raue auf der jüngsten Sitzung des im Januar neu konstituierten DLR-Hörfunkrats am 22. Februar in Berlin.
mehr »

Verbindliche Regeln zur KI erforderlich

Klare Regeln für den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) fordern Schauspieler*innen, Schriftsteller*innen oder Journalisten*innen immer drängender. In der Reihe "DGB-Dialog Künstliche Intelligenz" ging es am 22. Februar um "Alles Fake?! KI in Medien und Kultur“. Mittlerweile werde die generative KI so mächtig, dass sie Teile menschlicher Arbeit tatsächlich ersetzen könne, hieß es in der Diskussion. 
mehr »