Mediensalon: „Live“ als Zusatzangebot

Berliner Mediensalon „Wie ‚live‘ kann Journalismus mit Qualitätsanspruch sein?“. Es diskutierten (v.l.n.r.) Egon Huschitt, Claudia Kleine, Christoph Nitz, Petra Sorge
Foto: Henrik Andree für meko factory

Live-Berichte als Ticker und Tweets, auf Blogs oder anderen Kanälen können nur ein Zusatzangebot sein. Für die journalistische Qualität der Gesamtberichterstattung sei Einordnung, Analyse und Hintergrund notwendig. Darin war sich die Runde im Berliner Mediensalon zum Thema „Wie ‚live‘ kann Journalismus mit Qualitätsanspruch sein“ einig. Dass immer mehr Leserinnen und Leser ein Interesse an der „Gatekeeper“-Funktion durch ausgebildete Journalist_innen haben, zeige die Renaissance der Newsletter, die eine Auswahl nach professioneller Gewichtung bieten.

Bei der Veranstaltung von dju in ver.di, DJV Berlin und meko factory mit rund 30 Teilnehmer_innen in der taz-Kantine diskutierten vier freie Journalist_innen: Egon Huschitt, der unter anderem den Newsletter „Tagesspiegel Morgenlage“ macht, Claudia Kleine, die Live-Berichte von Parteitagen für den Tagesspiegel verfasst, Christoph Nitz (meko factory) und Petra Sorge, die sich bereits vor Jahren über den „Echtzeit-Journalismus“ Gedanken gemacht hat. Inzwischen sei das Tempo laut Sorge noch einmal „enorm beschleunigt“ worden, auch durch Plattformen wie BuzzFeed oder die Huffington Post. Die eigentlichen „Live-Berichte“ hätten aber schon in den 1920er Jahren mit dem Radio begonnen.

Mehr Tipp-Fehler seien in Live-Blogs sicherlich zu finden als in gegengelesenen Artikeln, gab Kleine zu, wies aber darauf hin, dass bei Live-Schalten in Radio und Fernsehen die Sätze auch eher von der Aktualität als der ausgeklügelten Formulierung lebten. Dass bei den Nutzer_innen parallel zu Live-Berichten immer noch die ausführlichen Hintergrundartikel geschätzt werden, zeigten die Klickzahlen, die abends mehr bei längeren Texten lägen, der Erfolg der „Zeit“ oder die Verlagerung von Printausgaben auf das Wochenende. „Es gibt Platz für Papier“ und für den Fortbestand der Tageszeitungen, zeigte sich Sorge überzeugt. Der Nutzen von Live-Berichten hänge stark vom Interesse der Leser_innen ab, ob „Politik-Junkie“, Sportfan oder Journalistenkolleg_innnen, die Live-Blogs zum schnellen Überblick für eigene Berichte nutzen.

Die Renaissance der Newsletter von vertrauenswürdigen Herausgebern wie eingeführten Medienmarken zeige laut Huschitt, dass viele Leser_innen die „Gatekeeper“-Rolle von gut ausgebildeten Journalist_innen zu schätzen wissen. Sie bevorzugten eine „entschleunigte“, an Relevanz orientierte Zusammenstellung, statt sich die Informationen aus allen Medien selbst zusammenzusuchen, ist sich das Podium sicher. Denn gerade bei den nicht-journalistisch kuratierten Angeboten sei die Gefahr groß, so Sorge und Huschitt, auf Fake-Twitter-Accounts oder dubiose, journalistisch aussehende Plattformen hereinzufallen, auch bei medienkompetenten Nutzer_innen. So stoße Huschitt bei der Zusammenstellung seiner Newsletter immer wieder auf sehr zweifelhafte, aber gut getarnte Falschinformationen. Den „Tratsch von Tante Erna“ habe es früher doch auch gegeben, warf Nitz ein. „Tante Erna war aber nicht bösartig, sondern hat sich vielleicht geirrt. Heute wird teilweise mit voller Absicht diskreditiert“, entgegnete Huschitt.

Die Qualität im Journalismus sei insgesamt besser geworden, meinten Sorge und Huschitt.  Auf die Frage nach der Finanzierung verwiesen Sorge auf Paywalls, Nitz auf Erlösmodelle wie bei der taz. Der „Werbeträger Medien“ sei zwar abhandengekommen, erklärte Sorge, aber Verlage wie Springer machten inzwischen mit Anzeigen-Plattformen Gewinne. Huschitt blickt jedenfalls voller Optimismus in die Zukunft für den Qualitätsjournalismus, in der auch neue Format-Experimente möglich seien. Denn Werbewirtschaft und Unternehmen hätten erkannt, wie wichtig ein respektables Umfeld für ihre Produkte sei. Dafür seien sie auch bereit, mehr zu zahlen. Der Werbemarkt bewege sich wieder zu den großen „Brands“, den Qualitätsmedien, zurück.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Reform oder Abrissbirne im Hörfunk

Die Hängepartie um Finanzierung und Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) geht weiter. Nach wie vor sträuben sich ein halbes Dutzend Ministerpräsidenten, der Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) für eine Beitragserhöhung um 58 Cent auf 18,94 Euro zu folgen. Bis Oktober wollen die Länder einen Reformstaatsvertrag vorlegen, um künftig über Sparmaßnahmen Beitragsstabilität zu erreichen. Einzelne ARD-Sender streichen bereits jetzt schon ihre Hörfunkprogramme zusammen.
mehr »

Filmschaffende kriegen künftig mehr

In der achten Tarifverhandlungsrunde für die rund 25.000 Filmschaffenden haben sich die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), die Schauspielgewerkschaft BFFS und die Produktionsallianz auf Eckpunkte einer vorläufigen Tarifeinigung verständigt. Doch nicht alle Verhandlungsthemen konnten geklärt werden. Die Frage nach der Regelung von Künstlicher Intelligenz (KI) im Film wurde verschoben.
mehr »

Wie ethisch kann KI berichten?

Ein ethischer Kompass ist angesichts zunehmender Desinformation immer wichtiger – für Journalist*innen, aber auch Mediennutzende. Positivbeispiele einer wertebewussten Berichterstattung wurden jüngst zum 20. Mal mit dem Medienethik Award, kurz META, ausgezeichnet. Eine Jury aus Studierenden der Stuttgarter Hochschule der Medien HdM vergab den Preis diesmal für zwei Beiträge zum Thema „Roboter“: Ein Radiostück zu Maschinen und Empathie und einen Fernsehfilm zu KI im Krieg.
mehr »

VR-Formate im Dokumentarfilm

Mit klassischen Dokumentationen ein junges Publikum zu erreichen, das ist nicht einfach. Mit welchen Ideen es aber dennoch gelingen kann, das stand auf der Sunny Side of the Doc in La Rochelle im Fokus. Beim internationalen Treffen der Dokumentarfilmbranche ging es diesmal auch um neue Erzählformen des Genres wie Virtual Reality (VR).
mehr »