Medienschlacht um den Kosovo-Krieg: Krieg mit Bildern

Mainzer Tage der Fernsehkritik: Zwischen Militärstrategie und journalistischer Ethik

Die linken Reformer dürften eine Eigentümlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht vergessen. Verbesserungen kommen nicht von selbst, sie müssten den Herrschenden immer abgetrotzt werden, gibt Johannes Agnoli in seinem Werk „Die Transformation der Demokratie“ zu bedenken. Dies könne nur erreicht werden, wenn mit der Möglichkeit „des Schlimmeren“ gewunken werde: dem „linksradikalen Gespenst als Stachel möglichen Fortschritts“.

Bei den Mainzer Tagen der Fernsehkritik geht längst kein wie auch immer geartetes Gespenst mehr um, die einst so fortschrittliche Institution der „Kritik-Tage“ verfällt sichtlich Jahr für Jahr mehr zur Alibi-Kritik, frei nach der Devise „gut, dass wir einmal darüber geredet haben“. Als sie sich im Mai das 33. Mal jährten und die Medienschlacht um den Kosovo-Krieg unter dem Titel „Krieg mit Bildern“ diskutiert wurde, gab es nicht einmal mehr einen Sturm im Wasserglas. Ein paar Vorzeige-Kritiker wurden zwar zum Vortrag gebeten, doch wurden sie flugs – von milden Appellen an die „gemeinsame Verantwortung“, einen „kritisch-kontrollierenden Journalismus“ (Dieter Stolte) auszuüben, eingelullt – so dass sie bisweilen wie trotzige Kinder am Gängelband wirkten.

Kriegsstrategie und Staatsraison

Sicher gab es da etwa den Marburger Medienforscher Karl Prümm, der sich die Mühe machte, den sämigen Einheitsbrei bei der Veranstaltung auf dem Lerchenberg, in dem auch der Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping und diverse Militärs mit herumrührten, aufzumischen – doch vielleicht hätte man einmal die Frage stellen sollen, ob und wieso es eigentlich sinnvoll sein soll, dass neuerlich Regierende und Generäle maßgeblich Einfluss auf die Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms nehmen. So ging es statt um die im Raum stehende Frage, ob und inwiefern das Fernsehen entscheidend mitwirkte, Akzeptanz in der Bevölkerung für den ersten Angriffskrieg der Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg zu erwirken, schnell um Detailfragen: Der Verteidigungsminister argumentierte denn auch – wie nicht anders zu erwarten – kriegsstrategisch: Wenn es um militärische Aktionen gehe, stellte der Minister klar, müsse es einen Unterschied geben, zwischen Informationen, „die auf meinem Schreibtisch landen und dem, was der Öffentlichkeit zugänglich ist“. Das Risiko sei ansonsten viel zu hoch – für die eingesetzten Soldaten. Doch immerhin räumte er ein: „Niemals sollte ein Politiker den Eindruck haben, er werde durch die Medien gestützt“. Interessante Nachricht: Scharping selbst hätte also gar nicht auf eindeutige Parteinahme im Kriegsgeschehen und Hofberichterstattung bestanden. Statt die Gelegenheit zu nutzen, unter Reportern, Redakteuren und deren Kritikern zu diskutieren, wie eine unabhängige Berichterstattung unter erschwerten Bedingungen funktionieren kann, hatte man den Kriegsminister als Korrektiv geladen, um die Staatsraison zu legitimieren.

Sprachanalyse und Blickverweigerung

Doch nun zu Medienforscher Prümm: Das deutsche Fernsehen habe Kriegspropaganda betrieben, Korpsgeist und Denkverbot hätten geherrscht, sämtliche Programme seien einer „Freund-Feind-Optik“ unterworfen gewesen, analysierte der Professor. Es gebe „Blicklenkungen“ und „Blickverweigerungen“. Serbien etwa sei mit Desinteresse gestraft worden, niemand habe die Spuren des Krieges dort erkunden oder wissen wollen, wie das geschlagene Land mit Bombenschäden zurechtkomme, den Wiederaufbau organisiere. Dezidiert betrieb Prümm Sprachanalyse, konstatierte, dass Peter Frey im „ZDF-spezial“ von einer Kampagne der Nato gesprochen habe, geradeso als handelte es sich um einen Wahlkampf oder einen Werbefeldzug. Stärkste argumentative Waffen seien eingesetzt worden, der Kriegseinsatz sei als ultima ratio, als „letztmöglicher Ausweg und als sittliche Notwendigkeit“ bezeichnet und auf völkerrechtliche Aspekte seien ausgespart worden, so der Marburger Professor.

Die Bilder, die er zur Illustration seiner Rede zeigte, schwächten allerdings seine Argumentation. Weder war Martin Schulze im Brennpunkt zu sehen, wie er gleich zu Beginn des Nato-Luftbombardements konstatierte, dass der „Point of no return“ für die Nato längst überschritten sei, es kein Zurück mehr gebe – noch der peinliche Fauxpas auf dem dessen emotionale wie emotionalisierende Argumentation beruhte: In der Tageschau war von einem von Scharping gezeigten Video mit Gräueltaten an den Kosovo-Albanern die Rede, vom dem es in den Tagesthemen zwei Stunden später hieß: Die Herkunft des Bildmaterials sei nicht geklärt, es handele sich um eine ungesicherte Quelle. Doch solche eindeutigen Bilder führte Prümm nicht vor. Weitgehend beschränkte er sich darauf, aggressive Waffenschauen oder Computersimulationen, die den Krieg als bloße Inszenierung mit „putzigen Trefferchen“ und „eingespieltem Fluglärm“ herunterspielten, auf der Leinwand vorzuführen.

Ritual und Widerspruch

Alles harmlos, aber dennoch: Unwilliges Raunen aus den Reihen der ZDF-Männerriege gleich vorne rechts, es kam überhaupt Bewegung in den steifen ritualisierten Ablauf der Veranstaltung. Der Duktus scheinkritischer Selbstbeweihräucherung schien für einen kurzen Moment vergessen – der BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb hob unverblümt zum Eigenlob an, ein „der Wahrheit relativ nahe kommendes Bild erzeugt“ zu haben, und der ZDF-Auslandschef Peter Frey wollte keinesfalls „dieses Peitsch-mich“ weiter führen. Rebellisch wurde gar eine allgemeine Publikums-Diskussion gefordert, vom Veranstalter allerdings kategorisch abgelehnt. Ein Beschluss, den die Moderatorin Barbara Hahlweg mit gebotener Strenge durchsetzte. Business as usual: Aus dem Auditorium sollten bitteschön Fragen gestellt werden, keine Anmerkungen oder gar Beiträge freier Rede, schalt die Moderatorin das allzu aufgeweckte Publikum. Dennoch scheuten einige der dieser Art eingeschüchterten, aber doch zum Anlass der Kritik gekommenen Gäste nicht zurück, interessante Redebeiträge zu bringen.

Neben den offiziellen Reden und Gegenreden, die so oder in geringfügig modifizierter Form bereits im Fernsehen zu sehen waren, verliehen Zwischenrufe und Anmerkungen am Rande den Mainzer Tagen der Fernsehkritik dann doch noch ihre Berechtigung. Heftigen Widerspruch etwa erfuhren Gottliebs und Freys Bemerkungen, man habe keine Kriegsgegner eingeladen, weil es angeblich kaum kritische Intellektuelle gegeben hätte. Ein fadenscheiniges Argument – wurden doch bereits seit Beginn der Veranstaltung Stimmen laut, die beklagten, dass sie oder ähnlich Gesinnte erst gar nicht gefragt worden seien. So wurde etwa berichtet, dass Sabine Christiansen den Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter eingeladen hätte – ihn jedoch wieder auslud, als dessen pazifistische Einstellung bekannt geworden sei. Auch Dieter Lutz (Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik) gab zur Kenntnis, dass er sich gewundert habe, weder von der ARD, noch vom ZDF eingeladen worden zu sein. In den Zeitungen sowie im Hörfunk waren immer wieder skeptische Wortführer zu vernehmen.

Verschärfter Markt und Bilderjagd

Doch solche medienpolitisch brisanten Diskussionen wurden auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik nicht geführt, weil man sich dort mit militärstrategischen Scheindebatten befasste oder mit einer braven und abgehobenen Abwägung, ob der Journalismus nun zwangsläufig objektiv sein müsse – oder doch Subjektivität, die Gründe für ihren Standpunkt allerdings transparent machen müsse, erlaubt wäre. Lutzs Einwände, dass ein sogenannter „humanitärer Notstand“ im Vorfeld des Krieges doch gar nicht bestanden hätte, wie Experten des auswärtigen Amtes bestätigten, dass dort gar die Vermutung gehegt worden sei, die UCK habe eine „Hit-and-Run-Strategie“ verfolgt, um das Nato-Bombardement zu provozieren, verhallten nahezu ungehört. Ebenso der Wortbeitrag des ZDF-Reporters Joachim Jauer, der als Korrespondent in Racak war, und sichtlich empört darüber berichtete, wie die Politik dieses Ereignis für sich genutzt habe. Von Anfang an, habe man weder genau sagen können, wer dort Täter und wer Opfer gewesen sei. Die ARD-Korrespondentin Sonia Mikich brach aus dem Mainstream des allgemeinen sich gegenseitig die Schultern-Klopfens aus. Die sich verschärfenden Marktbedingungen hätten alles verändert: „Wenn ich Mut habe und in die Höhle des Löwen gehe, kann ich viel Geld verdienen“, laute die Devise. Instant-Experts und Cowboys, die bereit seien, alle nur möglichen Bilder zu jagen, seien vermehrt unterwegs.

Für mehr Langsamkeit und für mehr Verve

Mikich plädierte für mehr Langsamkeit in der Berichterstattung und vor allem eine längerfristige Beobachtung. Auch Rupert Neudeck, Chef der Hilfsorganisation „Cap Anamur“, kennt das „Diktat des Aktualitätsterrors“ und bringt es auf den Punkt: Nicht der Reporter vor Ort bestimme letztendlich die Berichterstattung, sondern die „Redakteure im dunklen Kabuff“ definierten, was als Realität im Fernsehen wiedergespiegelt wird. Neudecks Fazit spricht Bände: Man könne jetzt wohl sagen, dass er, Neudeck, keine Ahnung von Produktionszwängen habe – ja, vielleicht wolle er auch gar keine haben, wichtig sei ihm jedoch, dass der Journalismus in seinem Engagement und seiner Verve nicht kaputt gehe.

Die Debatte, die eigentlich anstand, wurde jedoch nicht geführt: Wie ist es zu verhindern, dass parteipolitische Interessen und Machtkalkül dazu führen, dass Meinungsmanipulation im Fernsehen stattfindet? Besonders jetzt, nach dem der Damm gebrochen ist und Deutschland sich wieder an Kriegen beteiligt, muss es journalistische Aufgabe sein, Entscheidungen staatlicher Institutionen und der Regierung kritisch zu hinterfragen und nicht gleichgeschaltet offizielle Verlautbarungen zu übernehmen.

 

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