Mehr als eine Nische zum Broterwerb

Die Gestaltungsmöglichkeiten bei Mitarbeitermagazinen werden von vielen Journalisten oft unterschätzt

Für ein Unternehmen zu arbeiten, löst alle finanziellen Probleme“, sagte mir einmal eine Kollegin. „Ein Mitarbeitermagazin ist schnell geschrieben, wird gut bezahlt und läßt einem dadurch jede Freiheit für wirklich guten Journalismus.“ Weit gefehlt. Zwar ist die Bezahlung tatsächlich besser als bei Tageszeitungen und den meisten Magazinen. „Doch was früher eine Nische zum Broterwerb war, wird heute ständig professioneller“, stellt der Betriebswirtschaftler Franz Klöfer von der Fachhochschule Mainz fest.

Viele Journalisten lehnen es dennoch ab, für Unternehmenspublikationen zu arbeiten. Sie halten eine unabhängige Berichterstattung in Mitarbeitermagazinen nicht für möglich. Nach ihrer Ansicht ist diese Arbeit Journalismus zweiter Klasse und widerspricht dem kritischen Anspruch, den sie mit ihrem Beruf verbinden. „Es ist eine andere Art von Journalismus, der für Mitarbeitermagazine erforderlich ist“, so Franz Klöfer, Herausgeber der Studie „Der MAZ-Redakteur 1995‘. „Der Journalist, der hierfür schreibt, muß bereit sein, sich mit der jeweiligen Firmenpolitik auseinanderzusetzen.“ Doch ist dies auch bei Zeitungen und Zeitschriften der Fall, die ihre Anzeigenkunden umwerben.

Es gibt trotzdem einen entscheidenden Unterschied: Journalistinnen und Journalisten bei auflagenstarken Zeitungen und Zeitschriften schreiben ihre Artikel für eine weitgehend unbekannte Leserschaft. Dies trifft selbst auf regionale Blätter zu. „Bei Mitarbeiterzeitungen deckt sich der Kreis von Informanten, Lesern und denjenigen Menschen, über die berichtet wird“, sagt Klaus-M. Pooch, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für innerbetriebliche Kommunikation g.i.k.). „Fingerspitzengefühl und Selbstvertrauen in die eigenen journalistischen Fähigkeiten sind nötig, um sich ständig unter den eigenen Lesern zu bewegen und ihrer Kritik ausgesetzt zu sein.“

Die Journalistin muß hier nicht nur beobachten und beschreiben können. Sie muß immer wieder von der Notwendigkeit ihrer Arbeit überzeugen, indem sie mit einem anderen Blick über das Unternehmen berichtet, so daß auch die erfahrensten Mitarbeiter Neues in ihrer Firma entdecken. So konnte ein langjähriger Außendienstmann eines Hamburger Chemieunternehmens, der sich gerade über die innerbetriebliche Kommunikation beschwert hatte, nach der Lektüre des Mitarbeitermagazins nur feststellen: „Da steht ja alles drin, was ich wissen will.“ Daraus sollte sich die Motivation ergeben, selbst über die eigene Tätigkeit zu berichten oder zumindest Informationen weiterzugeben.

Ein Unternehmen beschäftigt viele nach Qualifikation, sozialer Herkunft und gesellschaftlichem Umfeld unterschiedliche Mitarbeiter. Jede Mitarbeitergruppe hat ihre eigene Identität. Es ist eine schwierige Aufgabe, die richtige inhaltliche Mischung und Sprache in einem Magazin zu finden, das für solch unterschiedliche Menschen erstellt wird. Doch gerade in ihrer

integrativen Wirkung hat die Unternehmenspublikation eine Schlüsselfunktion in vielen Betrieben. Denn geht es darum, die Motivation der Mitarbeiter zu erhöhen, fällt der Kommunikation mit und unter den Mitarbeitern eine zentrale Bedeutung zu. Die RWE läßt ihr quartalsweise erscheinendes Mitarbeitermagazin sogar in fünf Sprachen übersetzen und fördert damit den konzernübergreifenden Zusammenhalt der Beschäftigten.

Als Außenstehender nimmt der Journalist eine besondere Rolle im Unternehmen ein. Er ist nicht in die tagtäglichen Abläufe eingebunden und ist doch nach einer gewissen Zeit seiner Tätigkeit gut über den Betrieb informiert. Mit den Mitarbeitern kann er sich ohne Hintergedanken an die eigene Karriere quer durch die Hierarchieebenen unterhalten. Er ist zugleich Laufbursche und Chefredakteur seines eigenen Magazins. Hat ein Unternehmen sich erst einmal grundsätzlich für ein Mitarbeitermagazin entschieden, hängt der Erfolg einzig und allein an seiner Person. Er ist sozusagen ein „Journalistik-Manager“, der ohne firmeninterne Kompetenzen die Mitarbeiter immer wieder von unbezahlter Mehrarbeit überzeugen muß. Seine Gestaltungsmöglichkeiten sind enorm, aber zugleich stößt er immer wieder an Grenzen.

Diese Grenzen sind einerseits praktischer Natur: volle Terminkalender der Gesprächspartner, Vorrang des Tagesgeschäfts, unvorhergesehene Besprechungen, wegen derer manches Treffen kurzfristig verschoben wird. Dagegen hilft Geduld und eine eigene geschickte Planung. Schwieriger ist es, mit den „politischen“ Grenzen in einem Unternehmen umzugehen.

„Es darf über alles geschrieben werden“, lautet meist die Vorgabe der Geschäftsleitung, „aber bitte positiv“. Diese Einstellung führt bei den Mitarbeitern nicht gerade zu Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Informationspraxis. „Wenn ich nicht offen informiert werde“, so ihre Konsequenz, „lasse ich auch niemanden in meine Karten schauen.“ Das erschwert natürlich die Arbeit der Journalistin, die den Anspruch hat, daß ihr Mitarbeitermagazin mehr Qualität aufweisen soll als ein Anzeigenblättchen. Für viele Mitarbeiter ist die Situation, einen Journalisten oder eine Journalistin für das Mitarbeitermagazin im Haus zu haben, eine zweischneidige Angelegenheit. Sie finden es wichtig, daß über ihre Arbeit und Erfolge berichtet wird, mißtrauen aber jedem Wort, weil sie Angst haben, bei ihren Vorgesetzten ins falsche Licht gerückt zu werden. Die Folge ist eine endlose Prozedur, Artikel schreiben, abstimmen und überarbeiten, erneut abstimmen …

Also sind Unternehmenspublikationen doch nur eine Möglichkeit für ein sicheres Einkommen ohne allzugroßen Zeitverlust? Es hängt von der Einstellung der Journalisten ab. Manche Unternehmen bieten „sanfte Ruhekissen“ und sind froh, wenn er oder sie im Gegenzug nicht so genau hinschaut bei seinen/ihren Artikeln. Doch wer sich darauf einläßt, dem fehlt der eigene Qualitätsanspruch. Es gilt die Chancen zu nutzen, die Unternehmenspublikationen bieten.

Wie bei jeder Zeitung sollte es auch bei einem Mitarbeitermagazin eine Redaktion geben. Diese besteht meist aus engagierten Mitarbeitern der verschiedenen Abteilungen. Ihre Aufgabe ist es, Themenvorschläge zu liefern, Kontakte herzustellen und bei Schwierigkeiten unterstützend einzugreifen. Oft finden sich hier kritische Menschen zusammen, die bereit sind, Probleme anzusprechen und aufzugreifen. Ist der Journalist/die Journalistin lange genug bei einem Unternehmen dabei, haben sie nicht selten die Möglichkeit, sich nach und nach eine eigene Redaktion aufzubauen. Hier die richtigen Leute zu finden, ist vor allem wichtig, um Hintergrundinformationen zu erhalten, die zum Verständnis des Unternehmens beitragen. Damit ist es nicht nur möglich, anders auf Mitarbeiter zuzugehen, sondern allmählich lassen sich auch politische Grenzen verschieben, die bisher als unverrückbar galten.

Der Journalist sollte den Kontakt zu allen Mitarbeitern suchen und nicht den Anschein erwecken, nur Sprachrohr oder – noch schlimmer – Informant der Geschäftsleitung zu sein. Sein wichtigstes Kapital im Unternehmen ist das Vertrauen, das ihm die Mitarbeiter entgegenbringen. Das zweitwichtigste ist sein Engagement. Denn nur wenn er hinter seiner Arbeit und seinem Produkt steht, wird es ihm gelingen, die Beschäftigten für das Mitarbeitermagazin zu interessieren und zu motivieren. Und gerade bei ihnen liegt eine Menge verborgene Kreativität, die es zu entdecken und zu nutzen gilt. So haben sich bei der Colgate-Palmolive GmbH die unterschiedlichsten Talente zusammengefunden. Ein Mitarbeiter aus der Distribution kann gut zeichnen und hat den nötigen Humor für witzige Karikaturen, andere schreiben oder photographieren. Wieder andere bringen Konzeptideen ein. Erst die unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten der Beschäftigten machen den „CP Report“ zu einem vielseitigen, lesenswerten Magazin.

Auch für kleinere Firmen interessant

Dabei kommt es nicht unbedingt auf die Größe des Unternehmens an. Auch für kleinere und mittlere Firmen kann ein Mitarbeitermagazin interessant sein, wenn sie bereit sind, so offen wie möglich zu informieren und ihre Mitarbeiter entsprechend zu Wort kommen zu lassen. Warum sollten sich in einer Unternehmenspublikation, die nur für den internen Gebrauch bestimmt ist, nicht die gegensätzlichen Interessen von Geschäftsleitung, Betriebsrat und verschiedenen Abteilungen widerspiegeln? So lange das Mitarbeitermagazin nicht dazu mißbraucht wird, einen offenen oder verdeckten Streit über Artikel auszutragen, kann die Unternehmenskultur dabei nur gewinnen.

Blick von außen einbringen

Eines der häufigsten Vorurteile gegen Mitarbeitermagazine ist die Behauptung, alle Neuigkeiten würden sich sowieso schon von Mund zu Mund herumsprechen. Wozu also die Kosten auf sich nehmen, um das allseits Bekannte auch noch zu drucken? Auch hier hat die Journalistin Gestaltungsmöglichkeiten. Denn sie kann die Neuigkeiten aufnehmen und sie anders präsentieren, die Meinungen zusammenfassen oder zu einer vollkommen neuen Sichtweise gelangen. Es ist aber auch möglich, neue Impulse in das Unternehmen einzubringen. Wie wird die Firma von außen gesehen, zum Beispiel von ihren Kunden? Haben Mitarbeiter Probleme mit ihren Computern? Dann ist vielleicht eine Serviceseite mit Tips und Tricks aus der Welt der Hard- und Software angebracht. Meistens haben die Journalisten hier völlig freie Hand und es kommt allein auf ihr Können und ihren Ideenreichtum an.

Mitarbeitermagazine als Informationsinstrumente

Um ein gutes Mitarbeitermagazin zu machen, müssen Journalist oder Journalistin sich in ein Unternehmen integrieren können, ohne sich anzubiedern oder den Überblick, den nur Außenstehende haben können, zu verlieren. Sie müssen darauf gefaßt sein, daß ihnen sehr viel Skepsis entgegengebracht wird. Ihr Erfolg ist aber in den meisten Fällen allein von ihrer Leistung abhängig – und dazu zählt vor allem die Fähigkeit, in einem überschaubaren Umfeld mit vielen verschiedenen Menschen umgehen zu können. Man muß dabei seinen eigenen Kopf behalten und darf nicht nur berichten, was vorgeschrieben wird. Vor allem aber müssen sie hinter ihrer Aufgabe stehen und sie mit Engagement ausfüllen.

In den vergangenen Jahren hat sich das Bild des Unternehmensjournalisten mit der zunehmenden Bereitschaft der Betriebe, Mitarbeitermagazine als Informationsinstrument einzusetzen, gewandelt. „Er ist heute nicht mehr ,Hofberichterstatter‘, sondern oft schon kritischer Begleiter der Unternehmensabläufe“, sagt Klaus-M. Pooch von der g.i.k. Es liege an ihm, seine Ansprüche an einen guten Journalismus im Dialog mit den Mitarbeitern umzusetzen. Nebenbei hat die journalistische Arbeit in einem Unternehmen noch einen großen Vorteil, der nicht unterschätzt werden darf. Ein Betrieb ist eine komplexe Einrichtung, eine lebendige Organisation. Eine gute Möglichkeit, hautnah in einem Unternehmen mehr über Menschen, betriebliche und soziale Abläufe und ein Wirtschaftssystem zu lernen.

 

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