Menschenrechts-Filmpreis on Tour

Szenenbild: Devki aus WHERE TO, MISS? von Manuela Bastian

Alle zwei Jahre wird der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis am „Internationalen Tag der Menschenrechte“ in Nürnberg verliehen. Anschließend gehen die Preisträgerfilme auf Tour. Filme, die in schockierender, überzeugender aber auch packender Weise vom alltäglichen Kampf um Würde, das Recht auf Selbstbestimmung und sogar das nackte Überleben erzählen.

Mit dem Menschenrechts-Filmpreis soll das Bewusstsein für die Bedeutung der Menschenrechte in unserem Zusammenleben geschärft werden. Dabei soll es nicht nur darum gehen, schwere Menschenrechtsverstöße zu benennen, sondern auch die Bedeutung der Menschenrechte in unserem Alltag bewusst zu machen. Dass Menschenrechte dabei nicht nur Thema in entfernten Diktaturen und Ländern mit merkwürdigen Traditionen sind, sondern auch in unserem eigenen Land eine erhebliche Rolle spielen, verdeutlicht etwa der Film MORGENLAND, Preisträger in der Kategorie Amateure. Der Kurzfilm entstand über das Freie Theater „Boat People Projekt“ in Göttingen, das aus einem Ensemble jugendlicher Geflüchteter aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan, Eritrea und Somalia besteht. Statt einer neuen Bühnenproduktion wollten sie einen Film machen, in dem sie von sich erzählen, von ihren Wünschen und Träumen. Dafür entwickelten sie eine innovative Dramaturgie, in der sie in ihre – nach Stand der Dinge unerreichbaren – Traumberufe schlüpfen, während sie ihre Gedanken reflektieren. Zusammengehalten wird dies von dem ‚Autor‘ des Films, der gerne eine Geschichte erzählen möchte – doch wie soll er das machen, wenn er das Ende noch nicht kennt, wenn sich sowohl er als auch seine Protagonist_innen in einem permanenten Übergangsstadium befinden, die ihre Entwicklung und ihre Potentiale lähmen?

Den Preisträgern ist gemein, dass sie es schaffen, die Menschen auf der Leinwand lebendig werden zu lassen, sie zu Menschen zu machen, die uns interessieren, an denen und deren Schicksalen wir Anteil nehmen. Dadurch, dass sie von sich erzählen, lachen und auch mal eine Träne vergießen, sind sie auf magische Weise plötzlich keine Fremden mehr, keine Flüchtlinge oder Vertriebene – wie es einer der muslimischen Protagonisten in Heidi Specognas Film CAHIER AFRICAIN, dem Preisträger in der Kategorie Langfilm, festhält. Als Heidi Specogna ihre Langzeitbeobachtung begann, wollte sie lediglich den Bewohner_innen des Dorfes PK 12 am Rande der Hauptstadt Bangui eine Stimme geben, die im Oktober 2002 im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen von kongolesischen Söldnern überfallen wurden.

Doch es wurde die Chronik eines Landes, das nicht zur Ruhe kommt. Wo eine gewaltsame Auseinandersetzung schlimmer ist als die nächste, was dazu führt, dass am Ende die Gesellschaft komplett zerstört wird. Als der Film beginnt, ist ein Zusammenleben der Religionen noch möglich. Am Ende des Films sind die Muslim_innen auf der Flucht vor dem tödlichen Hass der Christen. Um den Film zu machen, reiste die Regisseurin über sieben Jahre immer wieder in die Zentralafrikanische Republik, erwarb und erhielt sich das Vertrauen ihrer Protagonist_innen. CAHIER AFRICAIN ist eine schockierende Chronik des Verlusts von Menschlichkeit aber auch Zeugnis des Überlebens- und Friedenswillens der Menschen.

Genauso wenig wie man aus CAHIER AFRICAIN herausgehen kann, aus Angst etwas zu verpassen, fesselt auch die Geschichte von Devki in WHERE TO, MISS? von Manuela Bastian, dem Preisträger in der Kategorie Hochschule. Devki möchte nur eins: als Devki, die Taxifahrerin, wahr genommen zu werden – nicht als Tochter, Ehefrau oder Mutter. Dem Gesetz nach haben Frauen in Indien die gleichen Rechte wie Männer, doch die Tradition steht in der Regel noch immer dagegen und reduziert Frauen so auf das Eigentum eines Mannes. Zudem ist Taxifahrerin auch kein angemessener Beruf für eine Inderin, obwohl der Bedarf an Fahrerinnen für Frauen stetig steigt. Devki sieht sich überall gegängelt, aber ihr Ziel gibt sie nie auf.

Beiden Filmen ist gemeinsam, dass sie von Frauen handeln, die sich durchsetzen und ihr Leben ohne die Unterstützung eines Partners oder der Familie und gegen alle Widerstände positiv gestalten. Beiden ist auch gemeinsam, dass sie von ihren Protagonistinnen leben, zu denen die Filmemacherinnen über lange Zeit ein tiefes Vertrauensverhältnis aufbauen konnten, so dass sie – aber auch Verwandte und Freunde – offen über ihre tiefsten Gefühle, ihre Sorgen und Nöten reden.

Die Preisträger haben nichts pädagogisches. Sie erzählen spannende Geschichten aus der Wirklichkeit mit Helden, an denen wir Anteil nehmen und deren Schicksal uns im Gegensatz zu fiktionalen Charakteren noch lange nachgeht. Sie machen aus der Welt keinen besseren Ort, doch sie öffnen unseren Horizont und den Blick auf das, was Menschenrechte sind und bedeuten – auch und gerade in dem Teil des Lebens, auf den jeder Einzelne selber Einfluss hat.


Auf der Website des Menschenrechts-Filmpreis gibt es weiterführende und ausführliche Informationen, Trailer bzw. Dossiers zu den Themen aller sechs Preisträger sowie die Tourdaten für die Stops in Würzburg (18.1.), Buchholz i.d.N. (31.1.), München (8.2.), Stuttgart (2.3.), Frankfurt (7.3.), Zürich (7. + 9.4.), Wien (24.6.). Der Eintritt ist jeweils frei.

CAHIER AFRICAIN läuft noch in einigen Kinos. WHERE TO, MISS? startet am 19. Januar im Kino.

Der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis wird derzeit von 18 Veranstaltern getragen, darunter bundesweit tätige Organisationen der Menschenrechts-, Bildungs-, Kultur- und Medienarbeit, religiöse und kirchliche Organisationen sowie kommunale Einrichtungen.

nach oben

weiterlesen

Analyse statt PR

Wie sollen Medien über die AfD berichten? Ich habe ein paar Stichworte zusammengestellt, die mir wesentlich erscheinen. Sie speisen sich aus meiner Erfahrung als journalistische Mitarbeiterin der Amadeu Antonio Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, indem sie Projekte fördert und Organisationen, Medien, Kultureinrichtungen und Politikmacher*innen zum Umgang mit Rechtsextremismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit berät.
mehr »

G20-Gipfel: Entzug der Akkreditierung war rechtswidrig

Es war ein historisch einmaliges Vorgehen der Sicherheitsbehörden beim G20-Gipfel im Juli 2017 in Hamburg: Zunächst tauchte eine Liste mit 32 Namen von Journalist*innen an der Sicherheitskontrolle des Pressezentrums auf, dann wurde allen Medienschaffenden, deren Name auf der Liste stand, vom Bundespresseamt die erteilte Akkreditierung entzogen. Es gab keine Erklärung, keine Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Nun hat das Berliner Verwaltungsgericht ein erstes Urteil zum Entzug der Akkreditierung von zwei Fotografen gefällt.
mehr »

Forum Gemeinnütziger Journalismus

Das „Forum Gemeinnütziger Journalismus“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinwohlorientierten, nicht kommerziellen Journalismus in Deutschland zu stärken. Der Zusammenschluss von Medienprojekten, Verbänden und Stiftungen nimmt heute seine Arbeit auf. Gemeinsam wolle man sich für bessere Rahmenbedingungen für den gemeinnützigen Journalismus in Deutschland einsetzen und ihn fest im Mediensystem verankern, ist die Botschaft.
mehr »

Berlin durchs Objektiv verewigt

Auf den ersten Blick ein freundliches Foto – junge Leute bei anspruchsloser Freizeit, auf einer Rampe mit Blick auf das städtische Umfeld. In Wirklichkeit ist es ein Dokument der Vergänglichkeit. Denn der Palast der Republik wurde abgerissen. Welches Glück, dass es die Fotografie gibt, die Ursprüngliches für immer bewahren kann. Die Bilder von José Giribás und Lothar M.Peter in der MedienGalerie zeigen Berlin vor drei Jahrzehnten, als eine noch geteilte Stadt mit einer gerade noch vorhandenen Mauer.
mehr »