Mit dem Rundfunk am Lagerfeuer

Foto: 123rf

Die Corona-Pandemie konfrontiert die deutschen Medien mit nie gekannten Herausforderungen. Viele Redaktionen stellen auf Homeoffice-Betrieb um. Live-Sendungen finden unter Ausschluss des Publikums statt. Im Mittelpunkt aller Anpassungen an die aktuelle Situation steht die Sicherung der Berichterstattung. Dabei bewähren sich vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender mit einer Vielzahl kreativer Formate.

Das Lagerfeuer ist wieder entfacht. Im Zeichen der Krise erreichen „Tagesschau“ und „Heute“ regelmäßig Rekordwerte. Bei „besonders informationsintensiven Ereignissen“ vertrauten die Zuschauer*innen offensichtlich besonders dem Ersten, konstatierte ARD-Programmdirektor Volker Herres nach einer Videokonferenz der Intendanten. Konsequenterweise wird das Erste „bis auf Weiteres“ jetzt täglich nach den 20-Uhr-Nachrichten das 45minütige „ARD extra“ senden, mit vertiefenden Informationen, Gesprächen mit Politikern, Erklärstücken und Berichten. Ein Format, das sich schon in den letzten Tagen bewährt hat. Da eine einzelne Redaktion damit überfordert wäre, beschlossen die Intendanten, dass sich die großen Anstalten in der redaktionellen Federführung reihum abwechseln. Diese Woche ist der NDR zuständig, in der nächsten Woche der WDR.

Für den Fall einer Gefährdung des Programms durch Corona-bedingte Personalausfälle wird eine stärkere Kooperation der Dritten ARD-Anstalten anvisiert. Das gilt auch für den Hörfunk als „ältestes soziales Medium“, so ARD-Vorsitzender Tom Buhrow. Die ARD-Wellen sollen auf freiwilliger Basis ganze Programme oder auch einzelne Programmschienen anderer ARD-Sender aufschalten können. Interesse daran zeigen vor allem die Infowellen des Senderverbunds.

Zwecks besserem Überblick über die auf viele TV-Kanäle, Radiowellen und Mediatheken verstreuten Informationen über Corona werden diese ab sofort auf der Webseite der ARD gebündelt. Hier gibt es Infos über die Bereiche Bildung und Schule, Service und Recht sowie Aktualitäten aus Deutschland und einzelnen Bundesländern.

Homeoffice und getrennte Teams

Mit getrennten Teams und Notfallplänen bemühen sich die Sender, den Betrieb weiterhin aufrechtzuerhalten. Nach dem ersten bestätigten Fall einer Corona-Infektion beim ZDF wurden alle Kontaktpersonen sofort nach Hause geschickt. Um die Belegschaft vor weiteren Ausfällen zu schützen, soll – wo immer möglich – im Homeoffice gearbeitet werden. Die Regelung gilt zunächst bis Ende der Osterferien.  Sitzungen sollen nur noch stattfinden, soweit unbedingt erforderlich.

Stattdessen sollen Schaltkonferenzen und Telefonate genutzt sowie nur ein Arbeitsplatz pro Raum besetzt werden. Workshops und Seminare sind einstweilen gestrichen, die Kantinen für externe Gäste geschlossen. Ähnliche Regelungen wurden auch in allen ARD-Landesrundfunkanstalten sowie einigen Privatsendern getroffen. In den meisten Landesrundfunkanstalten sowie im Hauptstadtstudio dürfen nichtangestellte freie Journalisten einstweilen die Studioräume nicht mehr betreten. Sollte die Krise länger dauern, drohen bald erste Programmlöcher. In manchen Häusern erzeugen Freie mehr als 70 Prozent der Inhalte.

Dass auch Führungskräfte nicht gegen den Virus gefeit sind, belegt der Fall des positiv getesteten Deutsche-Welle-Intendanten Peter Limbourg. Er befindet sich in häuslicher Quarantäne, soll aber durch Video-Konferenzen in die Führungsarbeit der Welle eingebunden sein. Zwecks Risikominderung finden die meisten Talk-Shows längst ohne Saal-Publikum statt. Speziell bei Satireformaten wie der ZDF-„Heute Show“ und ARD-„Extra 3“ drückt diese Vakanz mächtig auf den Spaßfaktor.

Maus und Tigerente täglich auf dem Schirm

Unter den Informationsformaten, die im Gefolge von Corona entstanden sind, ragt vor allem der tägliche Corona-Podcast von NDR-Info (https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html) heraus. Darin sprechen zwei Wissenschaftsredakteurinnen jeden Tag eine halbe Stunde lang mit dem führenden Virus-Forscher Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité. Verständlich und unaufgeregt werden da aktuelle Erkenntnisse zu Ansteckung und Krankheitsverlauf aufbereitet, werden Mythen und Falschinfos enttarnt.

Der größte ARD-Sender WDR streamt unter dem Titel „#inzeitenvoncoronoa“ über alle aktuellen Aspekte im Zusammenhang mit dem Virus. Jobverlust und Existenzängste sind zwei der Schwerpunkte des halbstündigen Formats, das seit dem 18. März von Montag bis Freitag um 12 Uhr auch über 1Live, YouTube, dem funk-Format „Reporter“ sowie über diverse Facebook-Formate ausgestrahlt wird. Dabei liegt der Fokus auf der Community, ohne dabei die tägliche Informationslage aus den Augen zu verlieren: Was bewegt Jugendliche derzeit? Wie werden Freundschaften auch in Zeiten von Social Distancing gepflegt? Was bedeutet Corona für die Abschlussprüfungen? Wie kann ich mich und andere schützen? Auf breite positive Resonanz stieß bereits die Ankündigung, „Die Sendung mit der Maus“ ab 18. März täglich um 11.30 Uhr im WDR Fernsehen auszustrahlen. Eine lobenswerte Entscheidung, da bundesweit an die 15 Millionen Kinder mindestens bis Ostern nicht mehr zur Schule gehen können.

Auch der SWR als zweitgrößte ARD-Anstalt kümmert sich um die junge Generation: Seit Wochenbeginn gibt es tägliche Ausgaben des „Tigerenten Club Spezial“, „Planet Schule“ und „Planet Wissen“. Die gesamte Sendestrecke ist seit dem 17. März auch im Livestream übertragen und ist online auf SWRKindernetz.de verfügbar.

Der BR stellt in Partnerschaft mit dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus unter dem Motto „Schule daheim“ ein spezielles Angebot zum Lernen zu Hause bereit. Montags bis freitags zwischen 9 und 12 Uhr sendet der Bildungskanal ARD-alpha ausgesuchte Lernformate. Dank BR Mediathek kann unter www.br.de/mediathek zeitlich unabhängig gelernt werden. Ergänzende Bildungsinhalte  lassen sich über das Infoportal www.mebis.bayern.de abrufen. Ein spezieller Service: Bayern 2 und BR24 liefern News und Alltagstipps zur Corona-Krise ab sofort in mehreren Sprachen: auf Englisch, Italienisch, Türkisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Arabisch. Für Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in ihrer Muttersprache leichter und differenzierter informieren wollen.

Auch der Kinderkanal von ARD und ZDF hat sein Angebot inzwischen auf die besondere Situation der Kinder eingestellt: Unter anderem mit täglichen „logo“-Nachrichtenstrecken (ZDF) den Wissens-Magazinen und seit dem 18 März viele „Mutmach- und Beschäftigungstipps“ unter dem Titel „Gemeinsam zuhause“. Und während im realen Leben der Unterricht ausfällt, gibt es in werktäglichen Sonderausgaben von „Die beste Klasse Deutschland“ Quizfragen und Experimente zum Mitraten.

Live bei Pressekonferenzen vom Robert-Koch-Institut

Massiv umgebaut hat der Rundfunk Berlin-Brandenburg sein Programm. So überträgt er werktags um 10 Uhr die Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts live. Auch die relevanten PKs der beiden Landesregierungen sowie der Bundesregierung können die Zuschauer*innen der Hauptstadtregion live verfolgen. Vorher schon unterhält der Sender die daheimgebliebenen Kinder jeweils um 7 Uhr mit einem Märchenfilm. Da Musikliebhaber derzeit nicht in die Klassiktempel der Hauptstadt dürfen, bringt der RBB ihnen einige Konzerte nach Hause. Etwa im Rahmen des Live-Streams „Wir spielen für Sie. Live aus dem Konzerthaus“ mit Stars wie Lang Lang und Max Raabe. Auf rbbKultur live online, im Radio und später auch im RBB Fernsehen.

Auch der deutsch-französische Kulturkanal konzentriert sich auf seine Kernkompetenz. In Kooperation mit dem RBB überträgt ARTE Veranstaltungen der Berliner Clubkultur-Initiative im Livestream. Wo die Not am größten, wächst auch die Solidarität. Clubs, Veranstalter*innen und Künlster*innen öffnen in den nächsten Wochen auf der gemeinsamen Streamingplattform #UnitedWeStream ihre virtuellen Türen.

Während die Öffentlich-Rechtlichen die Krisenberichterstattung auf unabsehbare Zeit über den gesamten Tag im Programm verankert haben, beschränkt sich der Privatfunk auf einzelne Schwerpunkte. So sendete RLT am 18. März einen Themenabend „Gemeinsam gegen Corona“, zusammengesetzt aus News-Spezials, Merkel-Ansprache, einem dreistündigen „stern TV Spezial“ samt Doku „Stunde Null – Wettlauf mit dem Corona-Virus“. Sat.1 schließlich kündigt ab 23. März im Rahmen seines Frühstücksfernsehen montags bis freitags ein „Spezial – Gemeinsam gegen die Krise!“ an. Private Nachrichtensender wie n-tv oder Welt-TV (Ex-N24) warten mit umfangreichen Live-Tickern und regelmäßigen Sondersendungen auf.

Unterm Strich ergibt sich der Eindruck: Der öffentlich-rechtlichen Rundfunk beweist in einer zugespitzten Krisensituation, warum er jeden Cent des Beitrags wert ist: Mit umfangreicher und kompetenter Berichterstattung, mit einer zielgruppengerechten Ausweitung des Informationsangebots für ein Publikum, das allmählich begreift: Auf lange Sicht wird nichts mehr so wie es mal war.


Ganz Aktuell: der neue M-Medienpodcast im Gespräch mit Veronika Mirschel, zuständig bei ver.di für Selbstständige


Tipps für Freie im Rundfunk in Coronazeiten im Podcast: Aus dem journalistischen Maschinenraum

nach oben

weiterlesen

Neue Verhaltensregeln für Medien und Polizei

Der Deutsche Presserat hat der Innenministerkonferenz einen Vorschlag über zeitgemäße gemeinsame Verhaltensgrundsätze für Polizei und Medien vorgelegt. Es sei höchste Zeit, dass Journalistinnen und Journalisten bei Demonstrationen und Großveranstaltungen besser geschützt werden und ungehindert arbeiten können, erklärte Sascha Borowski, Sprecher des Deutschen Presserats, zur aktuellen Vorlage.
mehr »

Schon entdeckt? femMit

„Gleichberechtigung wartet nicht, bis sich die Pandemie ausgetobt hat“, sagt Romina Stawowy. Ziel der Medienfrau ist es, weibliche Vorbilder sichtbar zu machen. Weil das auf einer von ihr geplanten Konferenz in diesem Jahr nicht ging, startete sie das Magazin femMit. Die Schwerpunkte in der ersten Ausgabe: die Folgen der Corona-Krise für Frauen und Hass im Netz. Großen Wert legt die Redakteurin auf persönliche Geschichten und Porträts.
mehr »

Wer fördert die Medien bei Innovationen?

Mit dem Ende Oktober vom Bundeswirtschaftsministerium beschlossenen Hilfspaket von 220 Millionen Euro steigt Deutschland erstmals in die direkte Presseförderung ein. Formuliertes Ziel ist „die erforderliche digitale Transformation des Verlagswesens“. Zugleich heißt es: „Die geplante Innovationsförderung muss sicherstellen, dass die Unabhängigkeit der Redaktionen gänzlich unberührt bleibt.“
mehr »

Gegen Trojaner-Einsatz bei Verfassungsschutz

Der Hamburger Verfassungsschutz und die Polizei verfügen seit April 2020 über scharfe Überwachungsinstrumente: Der Verfassungsschutz darf mit Trojanern verschlüsselte Kommunikation ausforschen, die Polizei mittels Algorithmen Personenprofile erstellen. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V. (GFF), die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di und weitere NGOs erheben heute Verfassungsbeschwerde gegen die Gesetzesänderungen, wird in einer gemeinsamen Pressemitteilung informiert.
mehr »