MZ-Redakteure rebellieren

Webseite der Mitteldeutschen Zeitung
Screenshot von mz-web.de

In der Branche sorgt ein offener Brief der „Mitarbeiter der Mitteldeutschen Zeitung” an die Chefs der DuMont Mediengruppe für Gerede und Spekulationen. In der Kölner Konzernzentrale beschränkt man sich laut Medienberichten darauf, die Echtheit des Schreibens anzuzweifeln und es als „feige Attacke“ zu bezeichnen. Doch dass die angeblich erfundenen Vorwürfe offenbar den Tatsachen entsprechen, wurde M aus einer MZ-Lokalredaktion bestätigt.

„Wir können und wollen nicht weiter zusehen, wie die Mitteldeutsche Zeitung in rasantem Tempo an Ansehen in der Region verliert, sich Leser abwenden und das Haus unter der Führung eines Chefredakteurs leidet, der nach Gutsherrenart regiert.“ Klare Worte gleich am Anfang eines offenen Briefs an die beiden Aufsichtsratsvorsitzenden der DuMont Mediengruppe, Isabella Neven Dumont und Christian DuMont Schütte. Unterschrieben haben den Brief die „Mitarbeiter der Mitteldeutschen Zeitung“ (MZ), die aus Angst vor Sanktionen ihre Namen nicht preisgeben. Aus dem Inhalt des dreiseitigen Schreibens, das am 21. Juli zuerst auf der regionalen Plattform dubisthalle.de veröffentlicht wurde, geht hervor, dass es sich beim Absender vor allem um Mitarbeiter_innen in den MZ-Lokalredaktionen handeln muss. Sie beklagen die aus ihrer Sicht völlig misslungene Layout-Umstellung im vergangenen April, die zu noch weniger Informationsgehalt und bei der Leserschaft für Frustration bis hin zum Protest geführt habe. Aus vielen Gesprächen mit „echten Lesern“ sei hervorgegangen, dass sie „keine ganzseitigen Porträts auf der letzten Seite, lange Artikel, durch die sie sich durchkämpfen müssen, leere Marginalspalten“ wollten und die weggefallene Serviceseite vermissen würden, heißt es in dem Brief. Der Leser werde für dumm verkauft, das räche sich in weiter sinkenden Abo-Zahlen. Das bestätigt die IVW-Statistik, nach der die Zahl der Abonnenten im 2. Quartal 2017 gegenüber dem vergleichbaren Vormonatsquartal um 2.216 auf 156.090 Abos sank. Seit 1998 hat die Regionalzeitung mit Sitz in Halle/Saale weit über die Hälfte ihrer Leserschaft verloren.

„Sinnlose Strukturen“

Die Schaffung sogenannter „Regiodesk-Redaktionen“ bezeichnen die Verfasser_innen des Briefs als „Strukturen, die an Sinnlosigkeit nicht zu übertreffen sind“. Es sei ineffizient und verschwende wertvolle Arbeitszeit, wenn Producer (statt wie vorher in den Lokalredaktionen) nun anderswo säßen und die Abstimmung nur noch per Telefon oder Email möglich sei. Als weiteres Beispiel für sinnlose Umstrukturierungen wird der „Umzugsmarathon aller Lokalredaktionen in neue Räume“ und das Einrichten von Großraumbüros genannt.

Chefredakteur Hartmut Augustin werfen die Briefschreiber_innen vor, Mitarbeiter_innen zu „verbrennen“, indem er jahrelang Druck auf sie ausgeübt und kritischen Kolleg_innen mit Vertragskündigungen gedroht habe. Dieser „menschenverachtende Führungsstil“ führe dazu, dass „Mitarbeiter schwer erkrankten, den vorzeitigen Ruhestand als einzigen Rettungsweg genommen (…) oder selbst gekündigt haben.“

Solidarität mit Gekündigten

Bereits im Juni hatten 21 in den MZ-Außenredaktionen angestellte Sekretärinnen sowie fünf Mitarbeiterinnen im Service-Center Halle ihre Kündigungen erhalten. Sie konnten sich (zu vermutlich schlechteren Konditionen) auf andere Posten im Haus bewerben. Bei der oben erwähnten Layout-Umstellung im April waren u.a. auch die lokalen Veranstaltungstermine, die die Sekretärinnen erfasst hatten, eingespart worden… ein Schelm, wer Böses dabei denkt. In ihrem Schreiben erklären die MZ-Mitarbeiter_innen ihre Solidarität zu den Gekündigten und weisen darauf hin, wie gut das Haus finanziell aufgestellt sei und dass die MZ daran keinen unbeträchtlichen Anteil habe (Geschäftszahlen siehe unten).

Weiterer Personalabbau in Sicht

Alarmierend im Brief ist auch der Satz „Wir haben Hinweise darauf, dass in Kürze die Fotografen abgeschafft werden sollen.“ Schon seit Jahresbeginn waren die Honorartöpfe der Lokalausgaben für freie Mitarbeiter_innen drastisch verkleinert und freie Fotograf_innen rücksichtslos ausgebootet worden. Und scheinbar war das noch nicht alles. Im Juni hatte DuMont-CEO Christoph Bauer (bei der Bekanntgabe der Konzern-Geschäftszahlen für 2016) eine positive Ergebnisentwicklung in Aussicht gestellt. Dies wolle man auch durch die weitere Reduzierung von Personalkosten erreichen. Diese „Konsolidierungsmaßnahmen“ wurden für die Mitteldeutsche Zeitung (und die Hamburger Morgenpost) angekündigt.

„Offener Brief entspricht den Tatsachen“

Eine Person, die bei einer MZ-Lokalausgabe angestellt ist, bestätigte gegenüber M, dass alles, was in dem Brief stehe, den Tatsachen entspräche. „Wir können uns vor Überstunden kaum noch retten. Es ist mittlerweile an der Tagesordnung, dass unsere Redakteure bei den Terminen auch fotografieren müssen. Wenn sie es ablehnen, gibt`s Druck von der Chefredaktion.“ Viele hätten Angst und blieben nur noch, weil sie keine berufliche Alternative in der Region hätten. Die Situation könne eigentlich kaum noch schlimmer werden.

Nächster „Flurschaden“

Qualität ist laut DuMont-Eigendarstellung das „höchste Gut“ und unter „Verantwortung“ verstehe man die Unterstützung von „Menschen in Not“, von kulturellen Projekten sowie Umweltschutz. Die eigenen Mitarbeiter_innen scheinen hier nicht unbedingt im Mittelpunkt zu stehen: Auf der Website von DuMont sucht man Beschäftigtenzahlen vergeblich. Aber von denen, die im Medienkonzern arbeiten, erwartet man „Energie, Kreativität und Leidenschaft“. Was in dem offenen Brief der MZ-Mannschaft steht, benennt das Gegenteil: „Mit demotivierten, ausgebrannten Mitarbeitern kann man keine anspruchsvolle Zeitung produzieren.“

Der 2015 verstorbene Senior-Boss des MZ-Mutterhauses, Alfred Neven DuMont, hatte 2009 anlässlich der Übernahme des Berliner Verlags gesagt: „Eine Zeitung muss immer vor Ort aus einem Guss gemacht werden. […] Gegen den Willen einer Redaktion kriegen Sie eine große Zentrale vielleicht durchgesetzt, aber der Flurschaden wird riesig.“ Derartige Schäden hat die Mediengruppe seitdem mehrere verzeichnen müssen, erst vor kurzem bei der hart kritisierten Fusion der Redaktionen von Berliner Kurier und Berliner Zeitung, bei der viele Redakteur_innen ihre Jobs verloren. Der aktuelle Brief der MZ-Belegschaft sorgt nun für weitere Turbulenzen.


Die Mitteldeutsche Zeitung (MZ) mit Sitz in Halle/Saale ist eine regionale Tageszeitung im südlichen Sachsen-Anhalt mit 16 Lokalausgaben; Wochenspiegel und Supersonntag kommen als Anzeigenblätter hinzu. Im Verbreitungsgebiet gibt es keine Konkurrenz von anderen regionalen Tageszeitungen. Hartmut Augustin ist seit Juni 2010 MZ-Chefredakteur, zuvor hatte er bei der Berliner Zeitung als Ressortchef gearbeitet.

Zum Herausgeber-Verlag Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung GmbH und Co. KG gehören zahlreiche Tochterunternehmen wie z.B. das Callcenter MZ-Dialog oder das AROPRINT Druck- und Verlagshaus in Bernburg/Saale.

Mutterkonzern der MZ ist die DuMont Mediengruppe mit Sitz in Köln (Medienhaus DuMont Rheinland) und den weiteren Standorten Berlin (Berliner Newsroom GmbH) und Hamburg (Hamburger Morgenpost) sowie Halle (Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung). Im Jahr 2015 waren im Konzern knapp 3.400 Menschen beschäftigt.

Zum Portfolio des Konzerns gehören neben Tageszeitungen und Anzeigenblättern auch Beteiligungen bei Hörfunk, TV und weiteren Mediengattungen (z.B. Ticketing) sowie Fachmedien (z.B. Bundesanzeiger) und das Digitalgeschäft (z.B. Beteiligung an Startups mit den Firmen Capnamic Ventures und DuMont Venture).

DuMont-Geschäftszahlen 2016

Nach Angaben des Unternehmens stieg der konsolidierte Gesamtumsatz der Mediengruppe (Express, Kölner Stadt-Anzeiger, Berliner Kurier, Berliner Zeitung, Hamburger Morgenpost, Mitteldeutsche Zeitung) im Vergleich zum Vorjahr um gut ein Prozent auf 592 Millionen Euro. Das um Sondereffekte bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) kletterte um signifikante 42 Prozent auf 67,2 Millionen Euro.

www.dumont.de

www.mz-web.de

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/koelner-stadt-anzeiger-berliner-kurier-express-dumont-mediengruppe-steigert-umsatz-und-gewinn/13845548.html

nach oben

weiterlesen

Filmtipp: Journalisten im Blick. Teil 1

Journalisten kommen oft vor in Krimis, aber meist als Randfiguren, gern ein wenig schmierig, gern ein wenig korrupt. Jetzt nehmen zwei neue Politthriller, die im November 2016 im Ersten ausgestrahlt werden, Journalisten als Protagonisten und verknüpfen sie sehr unmittelbar mit Politik. Klingt wie eine thrillermäßige Antwort für die „Lügenpresse“-Marktschreier. Helden der Aufklärung? Welches Bild vom Journalismus wird da entwickelt? Und geht es der Branche in der Fiktion auch so schlecht wie in der Realität? Teil 1 unseres Filmtipps: "Tödliche Geheimnisse".
mehr »

Glaubwürdigkeit und Sparzwang

Karola Wille ist seit 2011 Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks und seit dem 1. Januar 2016 auch Vorsitzende der ARD. Der Beginn ihrer Amtszeit fällt zusammen mit einer heftigen Debatte über die Glaubwürdigkeit der Medien und mit einer neuen Gebührenrunde. Laut Entwurf des 20. KEF-Berichts soll der Rundfunkbeitrag erneut gesenkt werden. Dabei bringt die Digitalisierung neue Aufgaben mit sich, etwa das geplante Online-Jugendangebot und die Umstellung von UKW auf DAB Plus. Wie die ARD den Konflikt zwischen Sparzwängen und Erfüllung ihres Programmauftrags lösen will, erläutert Wille im Gespräch mit M.
mehr »

Tarifverhandlungen für ZDF-Freie in Sicht

Sie sind angetreten, um 100 statusklagewillige Kolleg_innen zu finden und 333 neue Mitstreiter_innen der sogenannten Drittkreisfreien im ZDF zu organisieren. Nun hat das ver.di-Team der Kampagne #ZDFcountdown sein Ziel erreicht. Der Sender soll in den nächsten Tagen zu Tarifverhandlungen aufgefordert werden, die Forderungen der Freien wurden heute öffentlichkeitswirksam dem ZDF-Fernsehrat übergeben.
mehr »

Eifriges Gezwitscher

Twitter verbrennt jährlich viel Geld. Mehr als 2,3 Milliarden Euro an Verlusten hat der Kurznachrichtendienst angehäuft. Mit vielen Entlassungen konnten Verluste bisher nur begrenzt werden. Nun will der Konzern einen Live-Video-Dienst aufbauen und auch über Bezahl-Funktionen nachdenken. Nutzer_innen fürchten, ihr soziales Netzwerk könne unter die Räder kommen. Auf der Aktionärsversammlung am 22. Mai wird auch über Genossenschaftspläne debattiert.
mehr »