Neuer Service für neue Arbeitsformen

Online Forum Telearbeit berät auch freie Journalisten

Auf 800 000 wird die Zahl der Telearbeiter – überwiegend sind es Frauen – in Deutschland geschätzt. Die „Arbeitsform der Zukunft“ boomt. Ein interessantes Recherchethema für Journalisten. Aber nicht nur. Denn die Arbeitsbedingungen einer stetig wachsenden Zahl von Freelancern unterscheidet sich kaum von denen vieler Telearbeiter. Das „Online Forum Telearbeit“ (OnForTe) bietet deshalb auch eine spezielle Beratung für Selbständige und Freiberufler an.

Im gewerkschaftlichen Bereich überwogen vor zwei, drei Jahren die skeptischen Stimmen zur Telearbeit. Schon damals hielt OnForTe-Projektleiter Lothar Schröder eine „Mit-uns-nicht-Philosophie“ der Gewerkschaft in dieser Frage für unzeitgemäß. Er setzte sich dafür ein, daß im Dezember 1997 das Gemeinschaftsprojekt „Online Forum Telearbeit“ von der Deutschen Postgewerkschaft (DPG), der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) und der IG Medien gestartet werden konnte.

„Telearbeit ist nicht eindeutig gut oder schlecht“, sagt Schröder. „Sie kann einen unmenschlichen, internationalen Unterbietungswettbewerb bei den Arbeitsbedingungen in Gang setzen, aber ebenso sinnvoll zur Regionalförderung oder zur Milderung von Rationalisierungskonzepten eingesetzt werden. Unser Anspruch ist, die Einführung von Telearbeit arbeitnehmerorientiert zu gestalten.“ Die über einjährigen Erfahrungen von OnForTe zeigen, daß durch Mitgestaltung und klare Regelungen die positiven Auswirkungen der Telearbeit überwiegen können.

Der Leiter der Abteilung Technologie bei der DPG hatte noch einen weiteren Grund, sich für die Schaffung von OnForTe einzusetzen. Als die Postgewerkschaft 1996 den ersten Tarifvertrag über Telearbeit mit der Telekom abgeschlossen hatte, standen dort über Wochen die Telefone nicht mehr still. „Der große Zuspruch und die vielen Anfragen von Betriebsräten, Arbeitnehmern und Gewerkschaften haben deutlich gemacht, daß es einen riesigen Informationsbedarf gibt“, sagt Lothar Schröder.

Zunächst wurde von den drei Verbundgewerkschaften DPG, HBV und IG Medien gemeinsam das Kooperationsbüro „multimedia + arbeitswelt“ in Frankfurt am Main eingerichtetet (siehe M 12/98). Doch auch dort konnte die starke Nachfrage zum Thema Telearbeit nicht bewältigt werden. Deshalb wurde – wie Schröder es beschreibt – „OnForTe innerhalb von drei Monaten aus dem Boden gestampft.“ Das Beratungsprojekt wird von der Deutschen Telekom AG und dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie gefördert.

Basisinformation und Expertenrat

OnForTe ist selbst ein Beispiel für sinnvoll eingesetzte Telearbeit. Ein Beratungsbüro, in dem Sprechstunden abgehalten werden, gibt es nicht. Das sechsköpfige Team der Expertinnen und Experten lebt und arbeitet in verschiedenen Städten Deutschlands und kommt nur einmal im Monat zu einem Treffen zusammen. In der Zwischenzeit wird über Telefon oder online kommuniziert. Wer Rat zum Thema Telearbeit braucht und die Service-Telefonnummer 0180/ 5245678 (0,48 Mark pro Minute) wählt, landet ohnehin zunächst im Call Center Regensburg der Deutschen Telekom.

Die dortigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind der sogenannte „First Level Support“ von OnForTe. Für ihre Aufgabe wurden sie besonders qualifiziert und können so etwa 90 Prozent aller Anfragen per Telefon, Fax oder E-Mail „abarbeiten“. 3469 waren es genau bis zum Jahresende 1998. Bei den meisten der gewöhnlich 50 bis 60 Anrufen pro Woche handelt es sich um FAQ, was in der Internet-Umgangssprache für die am häufigsten gestellten Fragen (Frequently Asked Questions) steht. Viele wollen auch nur die OnForTe-Broschüre „Basisinformation Telearbeit“ (mittlerweile „das“ Standardwerk mit bereits mehr als 15000 verkauften Exemplaren) oder den „Ratgeber Freie“ bestellen.

Nach Medienberichten über OnForTe schnellen die Anruferzahlen in die Höhe. Ein Spitzenwert wurde nach einer ARD-Morgensendung mit 1185 Anfragen erreicht. Die Beraterinnen und Berater im Call Center sind montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr zu erreichen. Außerhalb dieser Zeiten kann eine Nachricht auf Band hinterlassen werden. Rückruf erfolgt dann später. Neu seit Januar 1999 ist ein „Dienstleistungsabend“ am Donnerstag von 16 bis 20 Uhr. In dieser Zeit sind die Experten direkt über die zentrale Rufnummer erreichbar. Ist ansonsten eine Beratung durch den „Second Level Support“ notwendig, vermittelt das Call Center Anrufern den Kontakt – nicht immer sofort, sondern zu den jeweiligen individuellen „Dienstzeiten“ der Experten.

Karl-Heinz Brandl ist der einzige vom „Second Level Support“, der in Regensburg arbeitet. Als freigestellter Betriebsrat bei der Telekom-Niederlassung betreut er das Projekt vor Ort. Der Fernmeldehandwerker ist selbst ein Pionier bei der Umsetzung von Telearbeit und deshalb bei OnForTe für die Beratung von Betriebs- und Personalräten zuständig. Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen sind der Schwerpunkt von Gisela Scharmann. Von Anfang an dabei, pendelt die DPG-Tarifexpertin für OnForTe ständig zwischen ihrem häuslichen Arbeitszimmer in der Nähe von Hamburg und der Gewerkschaftszentrale in Frankfurt.

Außer ihr gehören noch zwei weitere Frauen zum Expertenteam. Die Diplom-Betriebswirtin Claudia Rudolph stieg nach langjähriger Tätigkeit in Steuerberatungskanzleien 1996 als Selbständige in die Telearbeit ein. Bei OnForTe liegt ihr Schwerpunkt auf Umsetzung und Organisation von Telearbeit, steuerrechtliche und betriebswirtschaftliche Fragen – von Bremen aus. Als selbständige Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht arbeitet Claudia Schertel in Frankfurt am Main. Die Mutter von zwei Kindern nutzt bei OnForTe selbst die Vorteile der Telearbeit. Sie kann Familie und Beruf besser miteinander verbinden. Sie berät zu allen rechtlichen Fragen der Telearbeit.

Freier Journalist berät Selbständige

OnForTe berät arbeitnehmerorientiert. Doch mehr als jeder zehnte Anrufer ist kein Arbeitnehmer, sondern selbständig, darunter viele Freie aus der Medienbranche. Solche individuelle Arbeitsformen hält Gunter Haake für ein Zukunftsmodell, daß auch die Gewerkschaften ernst nehmen müssen. „Sie sind immer noch zu stark geprägt vom Industriezeitalter“, sagt der freie Journalist aus München. „Immerhin gibt es beachtliche Anstrengungen. Beispiele sind die Freienberatungen der IG Medien und natürlich OnForTe.“ Wer dort als Selbständiger und Freiberufler um Rat fragt, dem versucht Haake zu helfen.

Er selbst ist Freier aus Überzeugung. „Für mich persönlich bringt das eindeutig ein Mehr an Lebensqualität“, erzählt er. „Schon wegen der freien Zeiteinteilung.“ Seine Auftraggeber interessiert es nicht, wann er arbeitet. Entscheidend ist, daß der Auftrag rechtzeitig erledigt ist. Sein Arbeitsplatz ist der PC in seinem Arbeitszimmer. Texte und Layouts werden online übermittelt. Eine Arbeitssituation, die für viele freie Journalisten typisch ist – und für viele Telearbeiter.

Die Zahl der freien Journalisten wächst. Nach den neuesten Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit sind bereits mehr als ein Viertel der etwa 60 000 hauptberuflichen Journalisten in Deutschland auf selbständiger Basis tätig. In der Fachgruppe Journalismus der IG Medien stellen Freie mittlerweile die Mehrheit. Gunter Haake hat sich in der Gewerkschaft seit Jahren ehrenamtlich in der Freienarbeit engagiert, unter anderem als Mitglied des dju-Bundesvorstandes, in der AG Freie und bei der Freienberatung der IG Medien Bayern. Deren beispielhafte Internet-Seiten für Freie werden von ihm betreut. Sie sind jetzt auch über die OnForTe-Webadresse erreichbar.

Durch seine Beratungstätigkeit erfährt Haake immer wieder, daß der Schritt in die Selbständigkeit oft aus einer Zwangslage erfolgt, wenig mit „freier“ Tätigkeit zu tun hat und nicht selten nur Scheinselbständigkeit ist. „Wer lange keinen Job findet, macht sich dann selbständig.“ Wer keine Grundqualifikationen hat und weiß, was selbständig arbeiten bedeutet, habe aber wenig Chancen. Scheitern oder Einkommen knapp über dem Existenzminimum sind vorprogrammiert. „Nach langen Telefonaten muß ich dann oft auch sagen: Das hört sich nicht so gut an. Laß es lieber“, berichtet Gunter Haake. Ein weiteres Hauptthema der Anrufer ist die soziale Absicherung. Oft fehlen den Ratsuchenden selbst grundlegende Informationen. Keine gute Basis für eine selbständige Tätigkeit.

Eine wichtige Funktion von OnForTe sieht Haake darin, „auf dem neuen Arbeitsmarkt für Preistransparenz zu sorgen.“ Wo Tarifverträge nicht greifen, sei die Gefahr des Preisdumpings besonders groß. „Durch unsere Beratungen und Kontakte erfahren wir, welche Honorare gezahlt werden“, sagt der Freien-Experte. „Das muß man sammeln und transparent machen.“ Für freie Print-Journalisten macht das seit Jahren die IG Medien. Erst kürzlich wurde eine neue Honorarumfrage gestartet, aus deren Ergebnissen die Mittelstandsgemeinschaft Journalismus Honorarspiegel und -empfehlungen erstellt (im Internet auf den Seiten der Freienberatung Bayern).

Zukunftsprojekt Freienberatung der IG Medien

Die IG Medien sollte nach Ansicht von Gunter Haake die Erfahrungen von OnForTe aufgreifen und nach einem ähnlichen Modell eine Beratung für die wachsende Zahl der Freien in der Medienbranche aufbauen. Die Idee wird seit längerem diskutiert und erste Schritte sind bereits gemacht. Der Gewerkschaftstag im Oktober 1998 hat den Aufbau einer bundesweiten „Hotline“ beschlossen und die ehren- und hauptamtlichen Freienberaterinnen und -berater der IG Medien haben ein Modell erarbeitet, wie so etwas funktionieren könnte.

Wie bei OnForTe ist an ein Call Center mit 180er-Nummer für die Grundberatung und ein vielköpfiges dezentrales Expertenteam gedacht, das Freie aus den verschiedenen Tätigkeitsbereichen qualifiziert beraten kann. Für Mitglieder soll dieser neue Service dann kostenlos sein. Ob ein solches Modell, das nicht in Konkurrenz zur gewerkschaftlichen Arbeit unter Freien steht, sondern sie ergänzen soll, sich finanziell und technisch realisieren läßt, wird gegenwärtig geprüft.

Die Erfahrungen von OnForTe zeigen auf alle Fälle, daß der Bedarf vorhanden ist. Und nicht zuletzt ist das „Online Forum Telearbeit“ ein Beispiel dafür, daß Gewerkschaften – in diesem Fall sogar drei gemeinsam – entgegen der vorherrschenden öffentlichen Meinung und oft auch den Erfahrungen ihrer Mitglieder ein neues Aufgabenfeld überaus zügig und kompetent beackern können.


Materialien

(Stand 1999)

Basisinformation Telearbeit – Online Forum Telearbeit
2. Auflage 1998, 68 Seiten. Die Broschüre löst das ein, was der Titel verspricht, und mehr.
Viele Informationen zu verschiedenen Aspekten der Telearbeit, Vergleich von deutschen und ausländischen Tarifverträgen und Vereinbarungen.
Bezug über OnForTe: 17,50 DM, für Arbeitnehmer und Selbständige 12,50 DM, für Mitglieder von DPG, HBV und IG Medien 10,00 DM

Basisinfo OnForTe
Service-Telefonnummer 0180/5245678

Materialbestellung per E-Mail: Info@onforte.de
Expertenteam (per E-Mail)
Info@onforte.de

Lothar Schröder
Projektleitung, Presse- und (SIGMA)ffentlichkeitsarbeit
Tarifvertraege@onforte.de

Gisela Schamann
Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen
Betriebsrat@onforte.de

Charly Brandl
Mitbestimmung von Betriebs- und Personalräten
Selbstaendige@onforte.de

Gunter Haake
Freie Berufe und Selbständige
Recht@onforte.de

Claudia Schertel
Rechtliche Fragen
Oekonomie@onforte.de

Claudia Rudolph
Steuer- und betriebswirtschaftliche Fragen

Internetadressen
Online Forum Telearbeit
http://www.onforte.de
Freienberatung IG Medien Bayern http://www.onforte. de/Freie/

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