Neues Rollenverständnis

Journalismus im Zeichen von Digitalisierung und Nutzerpartizipation

Die Digitalisierung revolutioniert die Kommunikation und die Arbeit von Journalisten. Neue Berufsbilder entstehen: der Datenjournalist, der mobile multimediale Reporter, der Social-Media-Redakteur. Auch das Verhältnis der Profis zu den Nutzern erfährt einen tiefgreifenden Wandel. Einen Wandel, der für eine demokratische Öffentlichkeit neue Chancen eröffnet, aber auch Ängste auslöst. Zwei kürzlich präsentierte Studien der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) zeigen, wie sich journalistisches Arbeiten in der digitalen Welt verändert hat und wohin die Reise geht.

Porträt Volker Lilienthal
Volker Lilienthal

Wie sich das Verhältnis zwischen Medien und Nutzern im digitalen Zeitalter entwickelt, untersucht die Studie „Social Media und Journalismus”, vorgelegt von einem Projektteam des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IfK) der Ludwig-Maximilians-Universität München. Grundsätzlicher noch die Studie „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik”, erarbeitet an der Uni Hamburg unter der Projektleitung von Volker Lilienthal und Stephan Weichert. Sie begreift sich als „erste systematische Beschreibung von Produktions- und Wirkungsformen journalistischer Arbeit in der digitalen Moderne”. (Interview mit Lilienthal) Die Ergebnisse beider Studien diskutierten Autoren und Journalisten unlängst auf einer LfM-Fachtagung in Berlin.

Im Rahmen einer Fallstudie beobachteten die Hamburger Wissenschaftler zehn Journalisten der Redaktionen von DeutschlandRadio Wissen, Rhein-Zeitung, Spiegel Online und tagesschau.de bei ihrer Arbeit. Im Zentrum der Beobachtung stand die Frage, inwieweit Technisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen den Journalismus verändern und völlig neue Berufsprofile schaffen. Vor allem bei den Produktionsabläufen sei der Automatisierungsgrad mittlerweile weit fortgeschritten, erläuterte Professor Stephan Weichert von der Hamburger Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK). „Wir stellen eine starke technisch bedingte Ausdifferenzierung journalistischer Berufsprofile fest”, so der Wissenschaftler. Newcomer auf dem journalistischen Arbeitsmarkt: der Datenjournalist, die mobile multimediale Reporterin, der Social-Media-Redakteur, die Redaktionsmanagerin. Das führe zu einem „Aufbrechen des klassischen Berufsbildes und des traditionellen Rollenverständnisses” von Journalisten.

Instrument zur Be- und Verarbeitung des Nutzerfeedback sei nicht nur der gewöhnliche Mail-Kontakt samt Kommentarfunktion. So hat tagesschau.de eine eigene Diskussionsplattform eingerichtet. Die Präsenz auf den sozialen Netzwerken, die externe Diskussionen führen und führen lassen, werde für die Redaktionen immer wichtiger. „Die Feedback-Verarbeitung geschieht durch Redaktions-Monitoring, Kontrolle von Klick-Zahlen, Nutzerstatistik und die Überführung von Nutzerkommentaren und die Moderation in eine Debatte”, sagte Weichert. Dabei hängen Automatisierung und der avancierte Grad der Nutzerpartizipation eng zusammen. Ohne die zahlreichen technischen Hilfsmittel, derer sich die Journalisten bedienten, wäre diese Form der Publikumsbeteiligung gar nicht denkbar. Spektakulär sei nicht der Umstand, dass solche Tools eingesetzt würden. Spektakulär sei eher die fortschreitende Technikdominanz, die dabei sei, den Beruf ein Stück weit zu überformen. „Das originär Journalistische wird weniger sichtbar, stattdessen rückt die technische Komponente in den Vordergrund.”

Studie

Volker Lilienthal, Stephan Weichert, Dennis Reineck, Annika Sehl, Silvia Worm
Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik.
Leipzig 2014, Vistas, LfM-Schriftenreihe, Band 74.

Social Media und Journalismus.

Die Münchner Studie untersuchte mittels Online-Befragung die Bedeutung verschiedener sozialer Medien – Facebook, Twitter, Google+, YouTube, Blogs – für den professionellen Journalismus im Internet. Bei einer Rücklaufquote von fast 70 Prozent (105 von 151 angeschriebenen Redaktionen) liefert die Studie einen repräsentativen Überblick über den Ist-Zustand in relevanten Internetredaktionen. Einige Ergebnisse: Eine eigenständige Internetredaktion bzw. Gemeinschaftsredaktion von Muttermedium und Onlinemedium wird zur Regel. Immer seltener wird das Internet von der Redaktion des Muttermediums „nebenher erledigt”. Praktisch alle Internetredaktionen verfügen mittlerweile über Facebook- und Twitter-Accounts. Rund ein Viertel der Redaktionen verzichtet – noch – auf Blogs und YouTube.

Porträt Christoph Neuberger
Christoph Neuberger

Social Media, so Projektleiter Christoph Neuberger, seien vielseitig einsetzbar. „Es gibt die Möglichkeit des Publizierens, etwa der Live-Berichterstattung, der Eilmeldungen, der Kolumnen mittels Blogs, der Videos auf YouTube.” Darüber hinaus seien sie ergiebige Recherchetools zum Aufspüren von Quellen, Themen und Fakten zu aktuellen Ereignissen. Im Rahmen eines Teilprojekts der Münchner Studie wurden die kommunikativen Aktivitäten und Interaktionen von Politikjournalisten auf Twitter untersucht. Immerhin mehr als ein Viertel aller 800 Mitglieder der Bundespressekonferenz (BPK) verfügen bereits über einen eigenen Twitter-Account. Allerdings, so das Fazit von IfK-Mitarbeiter Christian Nuernbergk, ist die Monatsrate von durchschnittlich 56 Tweets recht niedrig. Meist werden sachliche Infos getwittert, seltener unterhaltende oder private Inhalte. Die Netzwerkanalyse ergab, dass sich die BPK-Journalisten auf Twitter tendenziell in einer Art Journalismus-„Blase” bewegen. Nach dem Motto „Journalisten retweeten Journalisten” steht in Sachen Interaktion der Austausch mit Kollegen im Vordergrund.
Noch vor Jahren lief mediale Kommunikation nach dem Einbahnstraßenmuster „Sender an Empfänger”. Diese Zeiten sind definitiv vorbei. Im Zeichen sozialer Netzwerke blüht gerade die Publikumsbeteiligung auf. Dazu gehört der „Leserbrief 2.0”, also Reaktionen auf redaktionelle Beiträge. Daneben wirken Leser, Hörer und Zuschauer an der redaktionellen Produktion mit: zum Beispiel als Leserreporter und durch Crowdsourcing.

Porträt Barbara Hans
Barbara Hans

Ob Facebook, Blogs oder Twitter – Nutzer oder neudeutsch: User stehen heute vielfältige Kanäle offen, über die sie sich einbringen. Oftmals mehr, als den Redaktionen lieb ist. Denn nicht immer sind die Beiträge, die dabei entstehen, konstruktiv. Wo sie es sind, profitieren nicht selten auch die Profis von den Anregungen ihres Publikums. Barbara Hans, stellvertretende Chefredakteurin bei Spiegel Online, glaubt allerdings, dass viele Journalistenkollegen die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben. „Wir sitzen nicht mehr in einer Trutzburg und erklären den Leuten einmal in der Woche, einmal am Tag, einmal in der Stunde wahlweise die Welt, sondern wir müssen uns viel stärker damit beschäftigen, was diese Nutzer wollen, was sie interessiert”, fordert Hans. Das bedeute nicht, beliebig zu werden, aber man könne nicht die Augen davor verschließen, dass der Journalismus sich wandle. Er findet zunehmend mobil statt: auf Handies und auf Tablets. Durch die Einbindung von Kommentarfunktion und sozialen Netzwerken lassen dann auch Leserreaktionen meist nicht lange auf sich warten. Leser und Leserinnen geben Anregungen, korrigieren auch schon mal Fehler, es entsteht das, was man gemeinhin als Interaktion bezeichnet.

Porträt Daniel Fiene
Daniel Fiene

Für Daniel Fiene, Social-Media-Redakteur bei RP Online, steht die Nützlichkeit der sozialen Netzwerke für die redaktionelle Arbeit außer Frage. Sie lieferten oft wertvolle Hinweise für gute Geschichten. „Aufgrund von User-Meldungen wissen wir manchmal schneller als die Feuerwehr, wenn es irgendwo brennt.” Gerade in der lokalen Berichterstattung zahle sich die Einbindung von Social Media aus. Als Beispiel nannte er das Tauziehen um den Austragungsort des Eurovision Song Contest 2011. Die Nachricht, dass die Entscheidung zugunsten von Düsseldorf gefallen sei, habe die Redaktion per Twitter erfahren. „So hatten wir diese Meldung in unserem Lokalradio sofort auf der Antenne – drei Stunden früher als der WDR”, frohlockt Fiene.

Dialogbereitschaft.

Aber nicht immer ist dieses wachsende Engagement der Nutzer den Redaktionen willkommen. Vielen bereitet es Stress, wenn plötzlich User hartnäckig nachfragen, wenn durch die „Weisheit der Vielen” ihre bisherige Deutungshoheit in Frage gestellt wird. „Das empfinden viele noch als Bürde, als Mühe, und Redaktionsverantwortliche wünschen sich dann natürlich von ihren Mitarbeitern, dass sie sich stärker auf diesen Dialog einlassen”, sagt Volker Lilienthal, Journalistik-Professor an der Uni Hamburg. Eine Zeitlang hätten viele Redaktionen die Meinungsströme laufen lassen, ohne aktiv einzugreifen. Mittlerweile gebe es auch Modelle wie zum Beispiel bei sueddeutsche.de, wo jeden Tag zwei bis drei Themen in Form einer Fragestellung aufgerufen würden. Diese Meinungsäußerungen des Publikums würden dann im Originalton veröffentlicht, könnten für die Redaktion aber auch Anlass zu eigener Recherche sein.

Das Internet ist zwar, wie die Kanzlerin unlängst zur Belustigung vieler äußerte, für die meisten kein „Neuland” mehr. Aber immerhin 90 Prozent der Redaktionsleiter sehen einen Verbesserungsbedarf bei den Social-Media-Kompetenzen ihrer Mitarbeiter, bilanzierte Susanne Langenohl, die für die Münchner Studie die Befragung koordinierte. Noch eigneten sich die meisten Redakteure den Umgang mit sozialen Netzwerken durch „Learning by Doing” an. Interne und externe Weiterbildung seien künftig unerlässlich.
Studie

Christoph Neuberger, Susanne Langenohl, Christian Nuernbergk
Social Media und Journalismus.
Düsseldorf 2014. LfM-Dokumentation, Band 50

Der Austausch von journalistischen Laien mit Redaktionen wirft viele grundsätzliche Fragen auf: Wie geht man mit Trollen und anderen unliebsamen Gästen auf der Website um? Wie soll die Redaktion den Dialog moderieren? Sind Klarnamen gefordert – ja oder nein? Gelegentlich hagelt es wüste Beschimpfungen in anonymisierter Form. Wo liegt die Toleranzschwelle für deftige User-Kommentare? Oliver Michalsky, stellvertretender Chefredakteur der Welt-Gruppe des Springer Verlags, hat eine Bitte an die Absender unfreundlicher Botschaften: „Lieber Nutzer, du redest da nicht mit einer Maschine, sondern du redest da mit einem Menschen, der von dir was entgegen nimmt, der vielleicht wieder auf dich zugeht!”
Der Wunsch nach mehr Dialog stößt oft an Grenzen. Viele Verlage und Chefredaktionen bekennen sich zwar dazu, stellen aber die nötigen materiellen Ressourcen nicht zur Verfügung. Der vielbeschworene Austausch wird vielerorts nur recht zaghaft umgesetzt. „Das Publikum nimmt seine Rolle als Kritik- und Kontrollinstanz des Journalismus tatsächlich nur teilweise wahr, bekommt aber auch zu wenige Möglichkeiten” kritisiert Stephan Weichert. Wollten die Verlage wirklich ernst machen mit dem angestrebten Dialog, so bedürfe es massiver Investitionen in redaktionelle Kapazitäten. Angesichts der gegenwärtig in der Branche laufenden Sparrunden vermutlich ein frommer Wunsch.

 Günter Herkel

 

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