Nicht alle Profis arbeiten professionell

Die Situation der Freien Journalisten

Der IG-Medien-Landesbezirk NRW wollte es ganz genau wissen: Welche Freien vertritt die Gewerkschaft in Deutschlands Westen? Und wie sieht deren Arbeits-Situation aus?

Gefragt waren nur die Freien, die von ihrem Freien Journalismus leben wollen und müssen. Auf die Fragebogen-Aktion im „Freibrief“ – dem NRW-Beihefter in der „M“ – antworteten 69 Profi-Freie. Fazit der Auswertung: Nicht jeder Profi arbeitet professionell.

Der Kollege ist fast 65 Jahre alt und damit einer der älteren Freien, die den Freibrief-Fragebogen ausfüllten. Trotz 22jähriger Tätigkeit als Freier Journalist verdient er unter 15000 Mark pro Jahr. In der Künstlersozialkasse ist er nicht. Begründung: „keine Auskunft, keine Betreuung“. Und in der Berufsgenossenschaft auch nicht: „Ist mir nicht bekannt.“ Und die Freienberatung – eine in NRW regelmäßig durch die IG Medien angebotene Hilfestellung für ratsuchende Freie – hat er auch noch nicht besucht. Dafür fragt er am Schluß des Fragebogens: „Warum hilft die Gewerkschaft uns nicht?“

Solche Fragebögen waren die Ausnahme. Doch auch diese Ausnahme zeigt: Manchen Freien geht es wirklich schlecht. Das gilt eben auch für die Profis unter den Freien, nämlich für diejenigen, die von ihrer Finger Arbeit leben müssen.

Einkommen

Am Einkommen erkennt man die miserable Situation. So verdienen über die Hälfte der Freien unter 30000 Mark im Jahr. Das entspricht einem Monatsverdienst von bis zu 2500 Mark. Nicht gerade üppig. Unter 20 Prozent überschreiten die Schwelle von 50000 Mark pro Jahr – und verdienen so mehr als 4166 Mark im Monat. Zum Vergleich: Angestellte Tageszeitungs-Redakteure im 7. Berufsjahr verdienen brutto 6413 Mark – und kassieren zusätzlich noch Weihnachts- und Urlaubsgeld, Gehaltszahlung im Krankheitsfalle und Leistungen zur Altersvorsorge. Zu den Großverdienern unter den Freien, die über 70000 Mark Gewinn im Jahr erzielen, zählen gerade einmal 6,3 Prozent. Eine kleine Randgruppe also, die annähernd soviel verdient wie Redakteure. Über die Jahre etwa gleich geblieben ist der durchschnittliche Kostensatz der Freien: Rund 34 Prozent der Einnahmen.Immerhin: Die meisten Freien – und das ist eine positive Entwicklung – sind freiwillig und überzeugte Freiberufler. Über 70 Prozent gaben an, bewußt das Freien-Dasein gewählt zu haben, für 17 Prozent war es dagegen eine Notlösung. Und elf Prozent konnten sich nicht so recht entscheiden. Doch schon diese Verteilung und der hohe Anteil der Ex-Redakteure – über ein Drittel der Befragten haben Redaktions-Erfahrung hinter sich – zeigt, daß trotz Einkommensverzicht der Freie Journalismus ein attraktives Betätigungsfeld ist.

Kunden/Medien

Sicherlich reizvoll für die Freien ist, nicht nur für eine Redaktion zu arbeiten. Für viele ist dieses sicherlich auch überlebenswichtig. Ein Extrem-Vermarkter brachte es auf an die 100 Kunden, die mehr oder weniger häufig beliefert werden. Im Schnitt aber beliefert der NRW-Freie 6,84 Kunden. Und dabei wird häufig zwischen den Medien gewechselt. Der Fragebogen ergab: Viele Freie arbeiten bimedial – also zum Beispiel für Hörfunk und Print. Aus Sicht der Mehrfach-Vermarktung eine sinnvolle Strategie.Besonders wichtige Kunden sind etwa gleichermaßen ARD-Hörfunk (23 Prozent) und Zeitschriften (22,3 Prozent). Ebenfalls zu den bedeutenderen Kunden gehören das Fernsehen (15,4 Prozent), Tageszeitungen (12 Prozent) und die Abnehmer von PR-Beiträgen (11,5 Prozent). Am unteren Ende der Kundenskala rangieren Werbung (6.2 Prozent), Privat-Fernsehen (4,6 Prozent), privater Hörfunk (2,3 Prozent) und Sonstiges (ebenfalls 2,3 Prozent). Das zeigt gleich mehrerlei: Das Tätigkeitsfeld PR wird immer wichtiger und ist schon gleichgewichtig mit dem der Tageszeitungen. Und im Privat-Funk wird – höchstwahrscheinlich – aufgrund der beschämend niedrigen Honorare kaum ein Freier langfristig satt. Im Privaten Fernsehen dagegen ist unter Umständen eine Organisations-Schwäche der Gewerkschaft zu vermuten, da dort zum Teil anständige Honorare gezahlt werden.

Soziale Absicherung

Im Bereich der sozialen Absicherung ist Bild zwiespältig. Der Großteil der Freien ist recht passabel abgesichert. Aber noch immer sind rund ein Viertel der befragten Journalisten nicht in der Künstlersozialkasse. Während da unter Umständen die soziale Absicherung noch über den Sender – meist den Westdeutschen Rundfunk – erfolgen kann, ist die schmähliche Mißachtung des Autorenversorgungswerks der VG Wort eher eine Schlamperei. Denn obwohl rund 86 Prozent der Freien Wahrnehmungsberechtigte der VW Wort sind, nutzen nur knapp 45 Prozent die Leistungen der Autorenversorgung. Eine – mehrfach genannte – Begründung: „Bin doch Mitglied in der Pensionskasse der ARD.“ Diese Freien haben nicht registriert, daß die Autorenversorgung der VG Wort für alle privaten Lebens- und Rentenversicherungen galt – also auch den Eigenanteil des Pensionskassen-Beitrages bezuschußt hätte. Doch diese Einsicht hilft jetzt wenig: Die Autorenversorgung der VW Wort hat am 30. Juni ihre Antrags-Pforten geschlossen (siehe „M“ 6/96).

Trend zur Bürogemeinschaft

Die Freibrief-Befragung zeigte auch: Der Trend geht weg vom einsamen Bettkanten-Journalismus. Immer mehr organisieren sich gemeinsam. Über 27 Prozent sitzen in einem Journalistenbüro, rund 65 Prozent arbeiten noch alleine, die anderen sind fest an ihre Redaktionen angebunden. Damit setzt sich der Trend zum Journalistenbüro fort, der vor rund 14 Jahren in Köln mit derGründung des „Rheinischen Journalistenbüros“ begann.Schon aus Kostengründen ist solch ein Zusammenschluß sinnvoll. Ohne Computer geht es heute zwar immer noch – aber nur bei ganz wenigen. Seit 1988 – damals organisierten die „feder“ und „HFF“ als Vorläufer-Titel der „M“ eine Freien-Umfrage – haben viele Freie in teure Technik investieren müssen. So müssen heute 91 Prozent über ein Fax (1988: 10,7 Prozent), 88 Prozent über einen Computer (1988: 39,9 Prozent) und 37 Prozent nutzen ein Modem (1988: 6,0 Prozent). In 36 Prozent der Freien-Büros stehen mittlerweile Kopierer (1988: 21,6 Prozent) und 23 Prozent der Freien verschicken News per E-mail (1988 verfügten 3 Prozent über ein Mailbox-Fach). Auf den Zug der neuen Telekommunikationstechnik ISDN sind bereits 13 Prozent der Freien aufgestiegen. Das zeigt: Freie müssen auch investieren, um im Geschäft zu bleiben. Und da lohnt es sich immer, die Kosten zu teilen.

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