Nicht gegeneinander ausspielen lassen

Illustration: Petra Dreßler

„Echte Vielfalt bedeutet, dass niemand mehr ausgeschlossen wird“, heißt es im Intersektionalen Diversity-Guide, den die Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) zusammen mit anderen Initiativen erarbeitet haben und gestern vorstellten. Zum einen wollen sie verhindern, dass sie gegeneinander ausgespielt werden, aber vor allem geht es ihnen darum, deutschen Redaktionen ein Online-Handbuch für intersektionale Diversitätsstrategien zu bieten, das ständig erweitert und aktualisiert werden soll.

Dem viel nachgefragten Diversity-Guide der NdM folgt nun eine erweiterte Neuauflage – online für alle zugänglich und barrierefrei. Es ist ein Gemeinschaftswerk von NdM, Leidmedien, Lesben- und Schwulenverband, Queer Media Society, MaLisa Stiftung und ProQuote Medien. Gemeinsam ist den Menschen, die diese Gruppen vertreten, dass sie in den Medien diskriminiert und strukturell benachteiligt werden. Doch „Diskriminierung kommt selten im Singular. Schwarze lesbische Frauen stoßen auf ganz eigene Probleme, trans*Menschen mit Behinderung oder schwule Muslime ebenso,“ heißt es im neuen Handbuch. Schon deshalb dürfe man „diese vermeintlich homogenen Gruppen nicht getrennt voneinander“ betrachten. Es gelte, „Strategien und Schritte für mehr Diversität intersektional aufzusetzen“.

Diese Strategien finden Interessierte in den drei praxisnahen Kapiteln des Handbuches: „Professionelle Medien sind vielfältig“, „Berichten für die ganze Gesellschaft“ und „Diversität im Medienhaus“. Da gibt es Tipps und Tools zur Berichterstattung – etwa Hinweise auf Datenbanken, in denen  Journalist*innen eine Coronaexpertin oder Fachleute mit Migrationsgeschichte finden, wo es „andere“ Bilder von Menschen mit Behinderungen gibt oder Methoden, um die Repräsentation von marginalisierten Gruppen in Beiträgen zu erfassen. Ausführlich werden auch Strategien für mehr Vielfalt im Personal erläutert – von der Datenerhebung bis zur Nachwuchsgewinnung. Geplant ist ein viertes Kapitel mit Infos und Tipps für die Medienarbeit im fiktionalen Bereich: Vom Umgang mit Archivfilmen und Klischeefallen in der Stoffentwicklung über sexuelle Übergriffe am Set bis zum ungleichen Zugang zu Filmfestivals und Filmförderung.

Doch wie können diese Schritte zu mehr Vielfalt in den Medien durchgesetzt werden? Bei der Vorstellung des neuen Guides in einer gut besuchten, barrierefreien Online-Pressekonferenz gab es differenzierte Antworten. „Wir fordern eine Quote von 30 Prozent bis 2030“, so Medienmacherin Konstantina Vassiliou-Enz. „Es gibt auch andere Wege, das zu erreichen“, meinte Karin Heisecke von der MaLisa-Stiftung. Da es mit gutem Willen allein nicht funktioniere, brauche man Leitplanken, Zielsetzungen. Das könnten Quoten, aber auch Selbstverpflichtungen sein. „Die Zielsetzungen müssen vergleichbar sein und das geht nur mit Quoten“, zeigte sich Edith Heitkämper von ProQuoteMedien überzeugt. Quoten können aber nur für Gruppen gelten, die als Marginalisierte sichtbar sind, gab eine Journalistin zu bedenken. Queere Menschen etwa sind erst nach ihrem Coming Out als solche erkennbar. Wenn die Datenerhebung auf Selbstangaben von Mitarbeitenden beruht, könnten diese „die Quote freiwillig in Anspruch nehmen“, erklärte Vassiliou-Enz. Auf die Frage, was man tun könne, wenn verschiedene Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, erläuterte sie, auch um das zu verhindern, hätten sich die Initiativen zusammengeschlossen und geben gemeinsam das Handbuch mit konstruktiven Angeboten für die Medienpraxis heraus.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Lieblingsfeind freie Medien

Autoritäre Akteure setzen demokratische Strukturen, Zivilgesellschaft und freie Medien immer mehr unter Druck. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) diskutieren dazu am Mittwoch (30. September) auf ihrer Medienpolitischen Tagung mit dem Thema: „Lieblingsfeind freie Medien – europäische und deutsche Erfahrungen“.
mehr »

Berufsbild Dadfluencer: „Papa ohne Plan“

Auf Social Media lässt sich ein neuer Trend beobachten: Väter setzen sich in ihren Accounts öffentlich, selbstkritisch und selbstbewusst mit ihrer Vater-Rolle, ihren Unsicherheiten und ihren biographischen Prägungen als Mann und Sohn auseinander. Das ist ein relativ neues Phänomen. Wir sprachen mit dem Dadfluencer Felix Schenk.
mehr »

Mit Abendprogramm und Algorithmus

Die aktuelle ARD/ZDF-Medienstudie zeigt eine Mediennutzung ohne Wachstum. Ältere bleiben beim linearen TV-Programm, Jüngere wechseln zu digitalen Plattformen und KI-Tools. Für Sender und Redaktionen verschärft sich damit ein zeitlicher Wettbewerb, den Reichweitenzahlen allein nicht mehr abbilden.
mehr »

Mentale Belastungen im Journalismus

Immer mehr Journalist*innen fühlen sich in ihrem Beruf unwohl. Der Druck ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zum einen werden Menschen, die journalistisch tätig sind, über Hasspostings in den sozialen Medien angefeindet. Zum anderen steigt der interne Druck durch Arbeitsverdichtung und Vorgesetzte. Mit Helpline bietet „Netzwerk Recherche“ seit einigen Jahren ein telefonisches Gesprächsangebot – anonym, vertraulich und kostenlos.
mehr »