Nichts dazu gelernt?

Mehr Sensibilität bei Berichten über Rechtsextremismus notwendig

„Ich glaube, das reproduziert sich”, sagte Ayca Tolun, Leiterin der Türkischen Redaktion beim WDR, in einer Diskussionsrunde zur Berichterstattung über den NSU-Anschlag in der Kölner Keupstraße vor zehn Jahren. Haben die Medien nichts dazu gelernt? Oder sind sie doch sensibler geworden, wenn es um die Berichterstattung über Rechtsextremismus geht – wie über den NSU-Prozess?

Foto: Jan-Timo Schaube
Foto: Jan-Timo Schaube

Die Integrationsagentur der AWO Mittelrhein und das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln hatten drei Journalisten eingeladen, die am 9. Juni 2004 in der Keupstraße waren, nachdem dort am Nachmittag eine Nagelbombe explodiert war. Focus-Redakteur Axel Spilcker, damals Polizeireporter beim Kölner Stadtanzeiger, kam eine halbe Stunde später zum Tatort und sprach mit Augenzeugen. „Wir hatten einen großen Druck, diese Sache in die Zeitung zu bringen,” erinnerte sich Spilcker, denn um 19 Uhr war Redaktionsschluss. Richard Heister musste als AFP-Korrespondent außerhalb der Sperre bleiben und berichtete „das Nachrichtliche”, das er von der Polizei erfuhr. WDR-Journalistin Ayca Tolun, die damals Schichtdienst hatte, wurde in der Redaktion gefragt: „Hat die PKK etwas mit der Keupstraße zu tun?” Abends sei sie hingegangen und habe mit den Anwohnern auf Türkisch gesprochen. Sie sagten: „Das ist ein rechtsradikaler Anschlag gewesen.” Tolun konnte nicht glauben, dass so etwas nach dem Brandschlag von Solingen 1993 noch möglich ist.

Einen Tag später sagte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily, die bisherigen Erkenntnisse deuteten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu hin. Diese Äußerung gab die Richtung für die folgende Polizeiarbeit und die Berichterstattung vor, bedauerten alle drei Journalisten im Nachhinein. Selbst türkische Medien hätten von der Mafia als Täter gesprochen, so Tolun. Die Bewohner der Keupstraße wurden durch solche Mutmaßungen mundtot gemacht. Mitat Özdemir, Vorsitzender ihrer Interessengemeinschaft, erzählte: „Da sind Polizisten gekommen, begleitet von Journalisten und haben nach den Tätern gefragt. Als wir antworteten: Neonazis, fragten sie weiter: Und wer könnte das sonst gewesen sein? Irgendwann sagten wir nur noch, was sie hören wollten.”
Wie konnte es zu diesen verzerrten Medienbildern kommen, die erst durch die Selbstentlarvung des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU 2011 korrigiert wurden? Zum einen spielt da sicherlich das vorherrschende journalistische Selbstverständnis als „neutraler Vermittler” eine Rolle. „Wir haben die Ermittlungen der Polizei begleitet” und „Wir können keine polizeiliche Aufklärungsarbeit leisten”, rechtfertigte sich Spilcker. AFP-Korrespondent Heister erklärte: „Für Nachrichtenjournalisten war die Richtung durch Schilys Äußerung vorgegeben. Investigative Journalisten hätten aufklären können.” Ein weiterer Schwachpunkt sind die Nachrichtenwerte, nach denen Politikeräußerungen ein stärkeres Gewicht haben als die von Betroffenen. Sie erschrecke die „Unfähigkeit von Journalisten, die Perspektive der Betroffenen in der Berichterstattung zu berücksichtigen”, sagte Mercedes Pascual-Iglesias, Journalistin und Mitarbeiterin der Integrationsagentur AWO-Mittelrhein nach der Diskussion: „Die Nähe zum Apparat – Polizei, Behörden, Politik – prägt ihre Berichterstattung, ohne dass sie es bemerken. Sie reden auch heute noch von Sachlichkeit, obwohl sie wie der damalige Polizeireporter Axel Spilcker in der Berichterstattung über den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße Mutmaßung an Mutmaßung reihten und damit das Ansehen der Bewohner und Geschäftsleute schwer schädigten. Diese Unreflektiertheit ist das Grundproblem!”

Bessere Quellenlage

Nach den Konsequenzen für die Berichterstattung befragt, antwortete Heister, die Glaubhaftigkeit von Politikerstatements sei ins Wanken geraten. Spilcker, dem das Unwort „Döner-Morde” herausrutschte, meinte trotzdem, man sei sensibler geworden, aber regionale Medien könnten ihre Kontrollfunktion nicht ausüben, wenn „keine Power reingegeben wird”, wenn das Personal fehlt. Tolun berichtete, beim WDR würden freie Mitarbeiter mit entsprechendem Hintergrund jetzt schneller angerufen, um Betroffene zu befragen. Die Quellenlage sei besser geworden.
Doch ein latenter Rassismus in der Gesellschaft, auf den Moderatorin Sheila Mysorekar von den Neuen Deutschen Medienmachern immer wieder zurückkam, scheint Polizeiarbeit und Berichterstattung nach wie vor zu beeinflussen – auch wenn Richard Heister das vehement abstritt. Ayca Tolun sagte, das Problem sei unser „Vorwissen über Migranten”: sehr komplizierte Lebensverhältnisse, große Familien, die verteilt in zwei oder mehr Ländern leben und viel Geld in die alte Heimat schicken. Solche ikonografischen Bilder seien sehr stark und hielten sich hartnäckig. Diese Wahrnehmungsmuster ließen sich durch eine Ausschlussdiagnose durchbrechen, z.B. wenn bei Anschlägen zunächst nach rechtsradikalen Motiven und dann nach anderen gefragt wird. Toluns Kollegen dagegen verweigerten sich einem solchen Perspektivwechsel. Sie waren skeptisch, dass sich Polizeiarbeit und Berichterstattung ändern, wenn in Deutschland wie bereits in England und Frankreich „hate-crime” (Verbrechen aus Haß) ein Tatbestand wird.

Banalität des Bösen

Die Wahrnehmung von Rechtsradikalismus habe sich nicht geändert, stellte Tolun ernüchternd fest. Sie berichtet jetzt für die ARD vom Münchener NSU-Prozess und erlebt, wie schwierig es ist, das Thema in die Medien zu bekommen. Dort dominiere die Vorstellung: „Die Neonazis stehen jetzt vor Gericht. Jetzt brauchen wir nicht mehr darüber zu berichten.” Und wenn berichtet wird, erscheint meist die Hauptangeklagte Beate Zschäpe schweigend im Bild. Sie entspricht so gar nicht den Vorstellungen, die Tolun von der Neonazi-Frau hatte. „Für mich persönlich ist die Banalität des Bösen sichtbar geworden. Was wir bislang über die mutmaßlichen NSU-Mörder erfahren haben, erschreckt mich so sehr, weil deren Lebensumstände so erschreckend normal gewesen sind. Wenn wir von Beate Zschäpe reden, geht es um die Diddl-Maus-Liebhaberin und Katzenfreundin, die in einer festungsgleichen Wohnung lebt und mit einer afghanischen Nachbarsfamilie im Garten grillt. Für mich ist die Bilanz von all dem, dass die Behörden lernen müssen, das rechte Auge nicht mehr vor so viel Normalität so massiv zusammenzukneifen”, so Ayca Tolun im August vorigen Jahres im WDR5.
Rechtsextremismus scheint so unauffälig in unserer Gesellschaft zu sein wie Rassismus. Wer ihn nicht erlebt, negiert ihn.„Vielleicht war es auch naiv zu glauben, dass die Mordtaten des NSU zu einer gesellschaftlichen Debatte über Rassismus und zu einem Kampf gegen Rassismus führen würden”, sagte Mehmet Gürcan Daimagüler (Nebenklagevertreter im NSU-Verfahren) am 14. Mai 2014. „Manchmal werde ich gefragt, ob nach allem, was wir heute wissen, in Zukunft die Taten des NSU noch einmal möglich wären. Natürlich wären sie möglich, muss die ehrliche Antwort lauten. Was hat sich denn bislang geändert?”    

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di: KSK-Novelle bringt mehr Sicherheit

ver.di hat die vom Deutschen Bundestag beschlossenen Anpassungen im Künstlersozialversicherungsgesetz (KSVG) begrüßt, die am 1. Dezember im Rahmen einer umfassenden Novelle des Vierten Buches im Sozialgesetzbuch verabschiedet wurden. Es sei ein wichtiger Schritt zu mehr Fairness, dass über die Künstlersozialkasse versichert bleiben soll, wer im Hauptberuf künstlerisch oder publizistisch tätig ist, heißt es in einer Pressemitteilung.
mehr »

Umfrage: SoloS sollten mehr über Geld reden

7250 Honorardatensätze zeigen: Solo-Selbstständigkeit ist überwiegend „kein faires Geschäftsmodell“. Trotz hoher fachlicher Qualifikation und langjähriger Berufserfahrung würden Kreative nicht leistungsgerecht entlohnt. Zu diesem nicht überraschenden, doch ernüchternden Fazit kam eine Podiumsrunde im Leipziger Haus der Selbstständigen bei der Auswertung einer branchenübergreifenden Honorarumfrage, der sich 54 Gewerkschaften, Berufsverbände und Interessenvertretungen Solo-Selbstständiger anschlossen.
mehr »

Wie Journalismus durch Krisen helfen kann

Klima, Corona, Krieg in der Ukraine – angesichts der vielen Krisen interessiert sich das Medienpublikum immer weniger für Nachrichten, denn diese machen mit ihren Negativschlagzeilen mutlos und zeigen kaum Handlungsoptionen. Der Druck auf Journalist*innen wächst, ihre Berichterstattung stärker auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten. Wie konstruktiver Journalismus dazu beitragen kann, diskutierten Wissenschaftler*innen und Medienpraktiker*innen auf einer Fachtagung von NDR Info und Hamburg Media School.
mehr »

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »