Nur für manche ein Ausweg

Erster ver.di-Selbstständigentag in Berlin

Selbstständige in ver.di – für manche immer noch ein ungewohnter Gedanke. Dennoch: Insgesamt 30.000 Mitglieder sind es inzwischen, rund 7.000 mehr als bei der ver.di-Gründung 2001. Anlass genug, am 11. November einen bundesweiten Selbstständigentag in der Berliner ver.di-Bundeszentrale zu veranstalten.

Insgesamt 239 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich angemeldet, um sich in 36 Workshops zu zwölf Themen neue Anregungen, Ideen und Unterstützung zu holen. Auch wenn das Referat Selbstständige sich ausdrücklich für alle ver.di-Branchen verantwortlich fühlt, war der Anteil der Medienschaffenden unter den Teilnehmenden groß. Kein Wunder – schließlich war vor der Gründung von ver.di allein in der IG Medien eine nennenswerte Anzahl von Selbstständigen organisiert. Die Bandbreite der Workshops reichte von Fragen des Marketings, der Gründung, der sozialen Sicherung, der Selbst- und Arbeitsorganisation bis hin zu Problemen des Urheberrechts oder des Honorardumpings. Mindestens genauso wichtig war die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen, alte Kontakte zu beleben und neue zu knüpfen.
Bevor die Angereisten in die Work­shops strömten, stand eine Podiumsdis­kussion zum Thema „Selbstständige – Neues Prekariat oder Rettung des Arbeitsmarktes“ auf dem Programm. Gäste waren Gundula Englisch, Autorin des Buches „Jobnomaden – wie wir arbeiten, leben und lieben“ und Gisela Notz, Sozialwissenschaftlerin bei der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Notz fand es fatal, in den neuen Selbstständigen die Rettung des Arbeitsmarktes zu sehen: „Wenn nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, nützt es nichts, auf die Selbstständigen zu setzen.“ Nicht alle Arbeitslosen könnten eine Existenz gründen, nur für manche sei es ein Ausweg. Dabei mache die Branche einen großen Unterschied – ein Journalist hätte andere, flexiblere Möglichkeiten als ein Handwerker oder die Betreiberin eines Wolllädchens. Viele hätten gegründet, weil sie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt sahen, so Notz weiter, oft Ostfrauen über 40. Nach einer Studie von 1999 habe ein Viertel dieser Existenzgründerinnen ein Einkommen von gerade 1.000 Euro erzielt. Bei den Kleinselbstständigen habe es in den letzten Jahren einen enormen Anstieg gegeben. Viele leben jedoch in prekären Situationen. Häufig werde die totale Selbstausbeutung betrieben, der Mehrwert, wenn es ihn denn überhaupt gibt, müsse ans Finanzamt oder an die Banken abgeführt werden.
Ganz anders Gundula Englisch: Die statistische Minderheit der rund elf Prozent Selbstständigen sei eine tolle Minderheit, ohne die Deutschland nicht überleben könne. Gerade die Klein- und Kleinstunternehmen hätten in den letzten zehn Jahren ein Viertel aller Arbeitsplätze geschaffen. „Sie produzieren die spannends­ten Innovationen, besitzen Marktnähe, finden und besetzen Marktnischen, setzen wichtige Benchmarks, verfügen über eine starke Selbstmotivation und große Leis­tungsbereitschaft, sind aber dennoch ­zufriedener und gesünder“, ist Englisch überzeugt.
Vor allem von Journalisten besucht war der Workshop von Rüdiger Lühr, Fachjournalist für Urheber- und Medienrecht und Sprecher der dju-AG Urheberrecht. Lühr schilderte die jüngsten Entwicklungen beim so genannten 2. Korb des Urheberrechts (Kolumne S. 7). Gerlinde Schermer-Wolf und Thomas Wollermann, freiberufliche Übersetzer und Mitglieder eines 15-köpfigen Übersetzerkollektivs schilderten die Vorteile kollektiven Arbeitens, das nach ihrer Definition ein hierarchiefreier Zusammenschluss gleichberechtigter Individuen ist: Einsparmöglichkeiten bei den Arbeitsmitteln, eine freie, aber bindende Zeiteinteilung, ein ­soziales Netz und ein gemeinschaftliches Arbeitsleben. Nicht zuletzt sei auch die Akquise von Aufträgen leichter und die Auftragslage ausgeglichener.

An sich selbst glauben

Der von der Diplompsychologin Barbara Frien geleitete Akquise-Workshop war schon lange vor der Veranstaltung überbucht. Für viele eine Horrorvorstellung: zum Telefonhörer greifen, wildfremde Menschen ansprechen und die berüchtigten Klinken zu putzen. Mit diesen inneren Blockaden solle man sich beschäftigen, um sie zu überwinden, so Frien. Akquise sei ein fester Bestandteil der unternehmerischen Aufgabe und sollte entsprechend planvoll und strategisch angegangen werden. Man müsse wissen: „Wer sind meine Kunden, wie kann ich ihnen in wenigen Sätzen klar machen, was mein Produkt ist und wodurch es sich von anderen abhebt“. Wichtig sei es, nicht nur sein Gegenüber zu überzeugen, vor allem müsse man selbst daran glauben. Nicht als Bittsteller käme man, sondern als derjenige, der dem anderen genau das geben kann, was dieser braucht. Friens Credo: „Hartnäckig bleiben, nicht jedes ‚Nein‘ akzeptieren, nachfragen, verhandeln.“
Gut mit Medienleuten besetzt war der Workshop von Ulli Schauen, Journalist und Vorsitzender der ver.di-Bundeskommission der Selbstständigen. Zu Beginn machte Schauen eine ernüchternde ­Modellrechnung auf: Um das Bruttogehalt eines fest angestellten Redakteurs in leitender Position von ca. 6.000 Euro zu erreichen, müsste ein freier Journalist dem Auftraggeber einen Stundensatz von etwa 85 Euro in Rechnung stellen. Mit allem Drum und Dran würde der Karnickelzüchter-Artikel dann mit einem Honorar von rund 480 Euro zu Buche schlagen. Natürlich steht es jedem offen, diese zu fordern – eine Vorstellung, die jedoch bei den Teilnehmern mit schallendem Gelächter quittiert wurde. So leisten viele Freie wesentlich mehr Stun­den, um dennoch nicht annähernd das Einkommen eines Festangestellten zu erreichen. Weil dies auf Dauer weder dem psychischen noch dem körperlichen Wohlbefinden gut tut, empfahl Schauen, andere Strategien zu suchen: Dumpingpreise nicht einfach hinnehmen, sondern verhandeln, das Produkt verändern, sich andere Kunden suchen, den Aufwand und die Kosten senken oder ein besseres Marketing. Sich gewerkschaftliche und kollegiale Unterstützung zu holen, sei ebenfalls ein Weg aus der Falle.

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