Öffentliches Interesse, Privatangelegenheiten und die Schwierigkeiten einer Grenzziehung

Bilanz eines Korrespondenten

„Einmal in der Woche, am Samstag, links auf der Seite ,Aus aller Welt‘, im ,Brief aus …‘, benutzt ein FR-Korrespondent das Wort ,ich‘. Sonst nicht. Allenfalls bringen wir uns als ,politische Beobachter‘ in unsere Berichte ein. Die Sprache soll das Bemühen um Objektivität ausdrücken. Im folgenden mache ich eine Ausnahme.“

So beginnt Eckart Spoo seinen Artikel in der „Frankfurter Rundschau“ Ende August, in dem er sich von den Leserinnen und Lesern der FR verabschiedet und die eigene Arbeit „ein wenig reflektiert“.

Worüber habe ich berichtet, worüber nicht? In die Themenwahl wie auch in die Wortwahl fließt unbestreitbar Subjektivität des einzelnen Korrespondenten ein. Aus individueller Erfahrung hält er ein Thema für wichtig, ignoriert ein anderes. Aber seine Entscheidung wird mitgeprägt von gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen. Seine Vorstellung, was die Öffentlichkeit interessiert oder interessieren kann oder soll, entsteht in einem permanenten Prozeß, an dem viele Menschen beteiligt sind: Kollegen in der Redaktion, Informanten, Leserbriefschreiber und andere, nicht zuletzt Kollegen von anderen Medien, namentlich von Nachrichtenagenturen und vom Fernsehen, die das öffentliche Interesse zum einen Thema hin- und vom anderen weglenken und damit Vorentscheidungen treffen, die er vielleicht fraglos akzeptiert; es kann aber auch vorkommen, daß er sich zum Widerspruch herausgefordert sieht und bewußt andere Akzente zu setzen versucht. Gibt es objektive Kriterien für öffentliches Interesse?

Ein aktuelles Beispiel: Gegenwärtig sitzt in Niedersachsen ein Pastor in Untersuchungshaft, den Polizei und Staatsanwaltschaft verdächtigen, seine Ehefrau getötet zu haben: sie war ehrenamtliche Bürgermeisterin eines kleinen Dorfs im Braunschweigischen. Gehört es zur „öffentlichen Aufgabe“, die der Presse gesetzlich zugeschrieben ist, darüber zu berichten? Über jeden Mord und Totschlag? Oder speziell über diesen Fall? Warum? Weil der Tatverdächtige ein Kirchenmann ist? Er selber bestreitet die Tat. Bisher sind keine Tatzeugen bekannt. Ob die Strafverfolgungsbehörden einen Nachweis gegen ihn werden führen können, bleibt abzuwarten. Aber das hindert manche Zeitungen nicht, Einzelheiten aus dem Leben der Pfarrersfamilie auszubreiten und daraus Spekulationen abzuleiten. Mehrere Stunden vor der Beerdigung der getöteten Frau rückten Fotoreporter mit Leitern an und kletterten auf Bäume. In einem Artikel war zu lesen, die Gemeinde halte zu ihrem Pfarrer. In einem anderen stand hingegen, alle hätten den Glauben an ihn verloren. Ein Blatt veranstaltete gar eine Umfrage, ob ein Pfarrer, der getötet habe, in den Himmel kommen könne.

Wie weit reicht der Anspruch der Öffentlichkeit?

Gesetzt den Fall, im Pfarrhaus habe sich ein Familiendrama ereignet. Dann mag das ein Thema für den Lokalteil der „Braunschweiger Zeitung“ sein. Aber soll ich als Korrespondent einer überregionalen Zeitung darüber berichten? Wie weit reicht der Anspruch der Öffentlichkeit auf Information? Wie stark ist andererseits das Recht auf Schutz der Privatsphäre?

Die Frage läßt sich nicht immer leicht beantworten, und sie wird noch schwieriger, wenn ich überlege, wie ich eigentlich privat und öffentlich auseinanderhalten soll. Kann eine private Tragödie nicht gesellschaftliche Ursachen haben? Daß die Arbeitslosigkeit tief ins Gemüt einzelner Menschen hineinwirkt, sie krank macht, ihre Familien zerreißt, scheint mir gegenwärtig eins der wichtigsten Themen zu sein. Habe ich mich gründlich genug mit solchen Themen beschäftigt? Habe ich vielleicht statt dessen meine Aufmerksamkeit und die der Leser im Übermaß auf die professionellen Selbstdarsteller auf der politischen Bühne gerichtet?

Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) ist unzweifelhaft eine Person der Zeitgeschichte geworden. Wodurch? Seine beiden ersten Ehefrauen mögen dazu beigetragen haben, weit mehr aber die dritte, Hiltrud („Hillu“). Scheu vor der Öffentlichkeit läßt sich ihr fast ebenso wenig nachsagen wie ihrem Noch-Ehemann. Als die beiden sich trennten, gab die Staatskanzlei das Ereignis amtlich bekannt, als wäre es eine Staatsangelegenheit. Ich mußte Skrupel überwinden, es überhaupt zu vermelden. Manche Details, die anderswo zu lesen waren, ließ ich beiseite. Ich meinte, die FR-Leser nicht damit behelligen zu sollen, was der Regierungschef zu leiden hatte, weil ihm zu Hause keine Koteletts gebraten wurden. Oder hätte ich inzwischen etwa auch versuchen sollen, in Erfahrung zu bringen, was seine neue Gefährtin ihm bruzzelt? Ist einfach alles wichtig, was einen Mann betrifft, der Kanzler werden möchte?

Politik wird privatisiert

Soweit ich es überblicke, sind sich die zahlreichen Blätter, die grundsätzlich die CDU unterstützen, jetzt darin einig, daß die SPD Schröder als Kanzlerkandidaten aufstellen soll. Es wird immer wahrscheinlicher, daß die massive publizistische Einwirkung auf die SPD Erfolg haben wird. Wenn Schröder also wachsende Chancen hat, nominiert zu werden, könnte das, was „Hillu“ nach jahrelangem Zusammenleben nun in einem Buch und in Interviews über ihn mitzuteilen weiß, an Wichtigkeit gewinnen. Oder soll ich das, was eine verlassene Ehefrau – die aber für sich in Anspruch nimmt, ihn vor die Tür gesetzt zu haben – ihrem Mann nachwirft, auf jeden Fall als Privatsache abtun, als schmutzige Wäsche, die nicht in die Öffentlichkeit gehört? Gegenüber einer gescheiten, selbstbewußten, politisch engagierten Frau könnte das überheblich sein. Ich bin unsicher.

Ihre Hauptbotschaft lautet, nach und nach habe Schröder alle politischen Ziele aufgegeben, für die sie gemeinsam mit ihm eingetreten sei: als einziges Ziel sei offenbar die Kanzlerschaft übrig geblieben. Aber gerade wenn sich Schröder über Partei- oder auch Kabinettsbeschlüsse hinwegsetzt, gewinnt er in Blättern wie „Bild“ das strahlende Ansehen des unabhängig denkenden und handelnden mutigen Mannes. Sie rühmen ihn genau aus den Gründen, die „Hillu“ gegen ihn anführt, als Hoffnungsträger, dem die SPD Rückhalt geben müsse. Politik wird entdemokratisiert, zur Ein-Mann-Show privatisiert. Wieviel öffentliche Beachtung verdient aber eigentlich ein Mann, der nichts anderes im Sinn hat, als Kanzler zu werden? Oder müßte unser Interesse hauptsächlich denjenigen gelten, die machtvoll darauf hinarbeiten, daß er Kanzlerkandidat wird?

Das verändert Bedingungen journalistischen Arbeitens

Privatisierung ist ein gesellschaftliches Projekt, das umfassend nach der öffentlichen Meinung greift. „Entstaatlichung“ lautete Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre die Parole von Birgit Breuel, Wirtschafts- und später Finanzministerin im Kabinett von Ernst Albrecht (CDU). Nachher, von 1990 an, privatisierte sie als Teuhand-Managerin die ostdeutsche Wirtschaft. In Niedersachsen hatte sie von ihrem Programm noch nichts umsetzen können. Albrecht selber jedoch öffnete damals die Tür für den privaten Rundfunk, und er hatte sicher recht, wenn er anmerkte, diese Entscheidung sei größer, nämlich gesellschaftlich folgenreicher als die Benennung des wendländischen Dorfs Gorleben als zentralen Ablagerungsort für Atommüll.

Jetzt ist es Schröder, der systematisch privatisiert. Erst die Harzwasserwerke, dann die Toto-Lotto-Gesellschaft. Mehr und mehr öffentliches Eigentum gelangt in Priatbesitz. Damit schwinden Möglichkeiten demokratischer Gestaltung, aber auch öffentlicher Kontrolle. Dem Parlament bleibt immer weniger Wichtiges zu besprechen, die gesetzliche Auskunftspflicht der Behörden reduziert sich mit deren Zuständigkeiten. Aus Privatunternehmen dringt außer Werbung wenig nach außen. So ändern sich die Bedingungen journalistischer Arbeit.

Der Wirtschaftsminister rühmt sich in einer Pressemitteilung, die öffentliche Hand habe mit einigen Millionen Mark einem Betrieb, der einem kapitalstarken Konzern gehört, bei Rationalisierungsmaßnahmen geholfen, durch die sich die Zahl der Mitarbeiter um ein Drittel verringern werde. Ohne diese Subvention, so deutete das Ministerium an, hätte der Konzern den Betrieb vielleicht in ein anderes Land verlagert. Ist das eine wichtige Meldung? Spricht daraus politische Gestaltungskraft? Oder im Gegenteil Schwäche? Welchen Einfluß hat die Politik, wie sie sich hier darstellt, auf die gesellschaftliche Entwicklung? Kann ein Journalismus, der hauptsächlich registriert, was Politiker und Behörden verlautbaren, diese Entwicklung überhaupt erfassen?

Für mich als Journalisten war die Zeit Ende der achtziger Jahre die interessanteste: Wir hatten in Niedersachsen eine starke Opposition aus Sozialdemokraten und Grünen. Die Skandale aus den Anfangsjahren der Ära Albrecht wurden gründlich aufgeklärt. Unziemlicher Respekt vor den Regierenden kam dadurch abhanden. Das Kabinett konnte nicht mehr so, wie es eigentlich wollte. Ebenso wie Birgit Breuel mit ihren Privatisierungsideen nicht durchkam, stagnierten auch die Atomprojekte in Gorleben. Zustimmung etwa zu der Mercedes-Teststrecke im Papenburger Moor wäre damals nicht zu haben gewesen. Ein dichtes Radwegenetz entstand. Vereinzelt wurden sogar neue Gesamtschulen genehmigt; die Arbeitszeit der Lehrer wurde verkürzt, jetzt ist sie erheblich verlängert. Die Gefängnisse leerten sich, jetzt sind sie überfüllt. Schröder läßt der CDU keine Möglichkeit zum Opponieren – sie müßte denn nach links wechseln, wozu sie nicht fähig ist. In dieser Konstellation kann jegliches öffentliches Interesse an der Politik erlahmen.

Mehr Fragen als Gewißheiten

Ich verabschiede mich mit mehr Fragen als Gewißheiten. Aber ich sehe, daß sich Probleme vergrößern, die der öffentlichen Erörterung bedürfen. Und wenn Berufspolitiker – aus Wahlkampftaktik oder Fraktionsdisziplin oder Ideologie oder Opportunismus – die dringlichen Themen nicht aufgreifen, müßten wir wohl um so mehr die kleinen Initiativen wahrnehmen: die zum Beispiel für die Wiedereröffnung des Postamts in Hannover-Waldheim kämpfen oder für eine Gedenkstätte in Sandbostel bei Bremervörde, wo Zehntausende KZ-Häftlinge elend zugrunde gingen; für den Schutz von Flüchtlingen an vielen Orten vor Abschiebung in den Machtbereich ihrer Folterer, für wirksame Sicherheitsvorkehrungen in Münchehagen, wo Dioxin und andere tödliche Gifte im undichten Erdreich verbuddelt liegen. Solche privaten Initiativen brauchen Öffentlichkeit. l


  • zuerst veröffentlicht in „Frankfurter Rundschau“, 27. 8. 97, für „M“ leicht gekürzt

 

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