Ombudsleute – ein Qualitätsfaktor

Viele, selbst Medienregulierer, wissen nicht, dass es sie inzwischen auch in Deutschland gibt: Ombudsleute. Als ein Instrument der Selbstkontrolle können sie zwar einen wirtschaftlich tragfähigen Qualitätsjournalismus befördern, doch die Branche ist hierzulande – anders als in europäischen Nachbarländern – skeptisch. Warum?

Anton Sahlender, Ombudsmann der Mainpost in Würzburg Foto: Mainpost
Anton Sahlender, Ombudsmann
der Mainpost in Würzburg
Foto: Mainpost

Den ersten Ombudsmann, der sich um Leserbschwerden kümmerte, gab es bereits 1922 bei der Zeitung Asahi Shimbun in Tokio. 1980 schlossen sich Ombudsleute bei Print- und elektronischen Medien aus 26 Ländern weltweit zur Organization of News Ombudsmen ONO zusammen. Sie arbeiten z.B. bei der New York Times in den USA, Folha de S. Paulo in Brasilien, El Pais in Spanien, Mail & Guardian in Südafrika oder TV2 in Dänemark. Mittlerweile gibt es auch zwei Mitglieder, die als Ombudsmänner bei deutschen Zeitungen tätig sind.
Kernaufgabe der Ombudsleute ist es, sich mit den Beschwerden aus Leserschaft bzw. Publikum zu befassen und Fehler in der Berichterstattung zu korrigieren. „Es gibt keine besseren «Versicherungspolicen», um Risiken der Berichterstattung zu mindern und teure Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, als Ombudsleute und Presseräte. Wenn sie außerdem erfolgreich kommunizieren, sollte das die Leserbindung stärken und zugleich die Medienkompetenz von Journalisten wie der Publika steigern helfen. Redaktionelle Glaubwürdigkeit sowie mehr Qualitätsbewusstsein bei den Mediennutzern dürften sich zudem positiv auf die Zahlungsbereitschaft für journalistische Angebote auswirken.“ So umreißt der Kommunikationswissenschaftler Stephan Ruß-Mohl die Bedeutung von Ombudsleuten.

Fehlende Kritikkultur

Er gehört zum Team des EU-Forschungsprojekts „MediaAct“, das Entwicklung und Einfluss von traditionellen Einrichtungen der Medienselbstkontrolle wie Presserat und Ombudsleuten, aber auch neuen Internet-basierten Instrumenten wie Medienblogs untersucht. Rund 1.800 Journalistinnen und Journalisten aus allen Medienbereichen in zwölf europäischen Ländern und zwei arabischen Vergleichsstaaten (Jordanien und Tunesien) wurden 2011/12 repräsentativ befragt. Für Deutschland konstatierte das federführende Dortmunder Erich-Brost-Institut eine unterentwickelte Selbst-Kritik-Kultur. Viele Journalisten tauschten sich hier – anders als in Finnland oder den Niederlanden – kaum mit Chefs und Kollegen über die Qualität journalistischer Beiträge aus. Auch wünschen sich vergleichsweise wenig deutsche Journalisten für ihre Redaktion einen Ombudsmann oder eine Ombudsfrau, die zwischen ihnen und dem Publikum vermitteln.
Als einen Grund für diese fehlende Kritikkultur nennt Ruß-Mohl die Angst von Medienschaffenden und -managern, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden – zumal, wenn Kollegen und Kolleginnen sich um die Fehlerkorrektur drückten und andere Medienunternehmen weniger offen damit umgingen. Chefredakteure wollten sich von Ombudsleuten nichts sagen lassen oder scheuten den Aufwand, ihre Redaktion davon zu überzeugen, dass durch Transparenz der eigenen Arbeit auch Glaubwürdigkeit und Vertrauen gewonnen wird. Das ändere sich nur, wenn ein Medienhaus den Anfang mache, wie die New York Times in den USA, die „in der angelsächsischen Welt wegweisend voranschritt“. In Deutschland fehle ein solcher Vorreiter für institutionalisierte Ombudsleute oder Korrekturspalten. In Frankreich, der Schweiz, Großbritannien und Spanien dagegen sind z. B. öffentliche Rundfunkunternehmen dazu verpflichtet, einen Ombudsmann zu benennen.

Insgesamt wird den Instrumenten der Medienselbstkontrolle nach der MediaAct-Studie auch in Deutschland nur ein mittlerer Einfluss zugeschrieben. Lediglich der Presserat spiele eine „relevante Rolle als Kritikinstanz“. Susanne Fengler, Leiterin des Erich-Brost-Instituts, fordert deshalb: „Journalisten müssen das Thema Selbstkontrolle endlich ernster nehmen. Der News of the World-Skandal in England hat gezeigt, welche dramatischen Folgen es hat, wenn das System der Selbstkontrolle versagt.“ Gefragt seien da vor allem die Chefredakteure, die Anreize für verantwortungsethisches Handeln im Journalismus geben könnten, indem sie ihr Personal stärker lobten und kritisierten. „In Redaktionen, in denen gute Leistungen gelobt und schwarze Schafe gerügt werden, wird das Thema Medienselbstkontrolle ernster genommen.“ Dass Journalistinnen und Journalisten an der Basis das auch wollen, zeigt ihre – im internationalen Vergleich höchste – Zustimmung zu dem Statement „Die Menschen vertrauen eher solchen Medien, die Korrekturen und Entschuldigungen veröffentlichen“.
Anderseits trifft das Statement, die Leute sollten doch zum Gericht gehen, wenn sie sich von den Medien ungerecht behandelt fühlten, in Deutschland immer noch auf mittlere Zustimmung, d.h. das System der eigenverantwortlichen Mediation bei Konflikten funktioniert hier deutlich schlechter als in Ländern wie Finnland und der Schweiz. Die Selbstkontroll-Strukturen in den Medienhäusern hinken also der medienethischen Sensibilisierung der Journalisten hinterher, die durch die Mitgliedschaft in Berufsverbänden und die Qualität der journalistischen Ausbildung positiv beeinflusst wird. So erhalten medienkritische Journalistenblogs in Deutschland auch überdurchschnittlich hohe Wertschätzung – „wohl weil Bildblog die Online-Medienkritik sehr populär gemacht hat“, vermuten die Forscher.
Eine Kombination aus traditionellem und Internet-basiertem Selbstkontroll-Instrument ist der „Cyber-Ombudsmann“, den das MediaAct-Forschungsteam in einem Handbuch mit zahlreichen anderen Positivbeispielen präsentiert. Als vorbildlich wird „Bronsky“ von der Frankfurter Rundschau beschrieben: Im FR-Blog publiziert und diskutiert er Leserkommentare und erleichtert die Kommunikation zwischen Redaktion und Leserschaft. Auszüge erscheinen in der Printausgabe. Indem er das Konzept des Ombudsmanns mit dem eines Medienwatchblogs verbinde, erleichtere er die Leserpartizipation und stärke das Fehlermanagement.
Um zu erfahren, wie nun die Verantwortlichen für Medienregulierung selbst zu den normativen Idealen stehen, haben die Kommunikationsforscher Marlis Prinzing und Roger Blum Ombudsleute, Presserats- und Rundfunkratsmitglieder sowie Mitglieder freiwilliger Selbstkontrollen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. Sie legten ihnen Online-Bögen mit 30 Aussagen vor, die sich am Ideal der Medienregulierung orientieren – u. a. auch zu Ombudsstellen.

Ideale und Wirklichkeit

Erste Ergebnisse der Auswertung: Fast Dreiviertel der Befragten stimmen z.B. der Aussage zu, dass Ombudsstellen „durch Personen außerhalb der aktuellen Redaktion besetzt werden“ sollen. Bei der Gegenfrage, ob eine „Verknüpfung mit redaktionellen Funktionen erfolgen“ solle, wird eine solche Personalunion vor allem von Medienregulierern in der Schweiz abgelehnt, gefolgt von den österreichischen. In Deutschland stimmen nur wenig mehr dagegen als dafür. Hier sind die Ombudsstellen auch bei der Redaktion angesiedelt, was dem Ideal der Unabhängigkeit widerspricht.
Blum und Prinzing stellen fest, dass Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Der normative Anspruch auf mehr Autonomie, Demokratie und Öffentlichkeit, der sich in den Mehrheitsmeinungen spiegelt, ist selten Realität. Es gebe zwar eine Offenheit für „Innovationen“ bei den befragten Medienregulierern, aber auch Widerstand gegen Veränderungen der eigenen und Unkenntnis anderer Institutionen. So meinte der Direktor einer Landesmedienanstalt, dass es in Deutschland keine Ombudsleute gebe.
Im Gegenteil, es gibt sie. Aber nur wenige deutsche Regionalzeitungen leisten sich bisher Ombudsleute. Zehn von ihnen gründeten Anfang 2012 die „Vereinigung der Medien-Ombudsleute“. Ihr Ziel beschreibt ihr Sprecher Anton Sahlender, Leseranwalt und Mitglied der Chefredaktion der Main Post in Würzburg so. „Wir wollen zum einen Erfahrungen austauschen, uns gegenseitig unterstützen und stärken. Und zum anderen wollen wir mehr Medienhäuser dafür gewinnen, eine Ombudsstelle einzurichten.“ Das sei gut für die Glaubwürdigkeit und die Qualität eines Mediums.

Großer Nachholbedarf

Befragt von ejo-online, warum das Konzept der Ombudsleute in Deutschland auf so wenig Resonanz stößt, sagt Sahlender: „Die meisten Redakteure empfinden Ombudsleute noch nicht als sinnvollen Beitrag für das eigene Medium. Sondern als eine zusätzliche Serviceleistung, die ihrer Meinung nach hinter dem Journalismus zurückstehen muss. Und ich denke, dass sie dazu gehören sollten.“ Einen weiteren Grund sehe Sahlender in der Unwissenheit vieler Medienhäuser über die Rolle und das Tun dieser Leseranwälte, was ja auch die genannte Befragung belege. Außerdem macht Sahlender „einen großen Nachholbedarf“ bei Journalisten fest, Fehler auch mal öffentlich einzugestehen und die journalistische Arbeit transparenter zu machen. Hier könne von Ombudsleuten „eine Signalwirkung“ ausgehen.
Die „Vereinigung der Medien-Ombudsleute“ strebt eine Kooperation mit dem Deutschen Presserat an. Sie verspricht sich auch davon Impulse für ein Anerkenntnis der Ombudsleute als wichtigen Teil der freiwilligen Selbstkontrolle. Förderung und Zusammenarbeit gibt es von Anfang an mit der „Initiative Qualität“ (IQ), einem Zusammenschluss von Verbänden, Institutionen und Initiativen aus Presse und Rundfunk, Aus- und Weiterbildung, Wissenschaft, Medien(selbst)kontrolle und Medienpublizistik, darunter der dju in ver.di. Auf ihrer Herbsttagung 2011 zum Thema „Medienkritiker und Ombudsleute als Qualitätsfaktor“ wurde die „Gründung einer Arbeitsgemeinschaft deutscher Ombudsleute und Leseranwälte“ angeregt. Ausgehend davon, dass „die erfolgreichen Systeme der Medienselbstkontrolle und der gesetzlichen Medienaufsicht durch Ombudsleute ergänzt und gestärkt werden“, formulierte IQ „Sieben gute Gründe für Ombudsleute in den Medien“. An erster Stelle heißt es: „Ombudsleute in den Medien sind Vermittler zwischen der Leserschaft / den Rezipienten und der Redaktion. Sie verstehen sich sowohl als Anwälte der Leserschaft / der Rezipienten als auch der Pressefreiheit und sind Teilder Medienselbstkontrolle.“

Web-Hinweise

http://de.ejo-online.eu/

http://www.initiative-qualitaet.de/fileadmin/IQ/Aktuelles/PM-IQ-110408.pdf

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