Porträt: Der alternative Burger-King

Siegfried Pater bleibt jahrzehntelang kritisch am Thema dran

Beim Betreten seines Büros fällt der erste Blick auf die Fensterbank. Dort stehen etwa 30 Plastik- und Stoff-Hamburger in allen Größen und Farben. Geschenke, die Siegfried Pater auf Lesungen oder Veranstaltungen überreicht bekommen hat. Denn der Inbegriff des Fast Foods beschäftigt ihn schon seit Jahrzehnten: In den 80er Jahren erhielten Pater und drei andere Journalisten von einem McDonald’s-Aussteiger einen Koffer voll Material. Es war der Beginn einer langen Recherche, die Pater in immer neuer Form bis heute beschäftigt: 1985 veröffentlichte er zusammen mit Christiane Grefe, Peter Heller und Martin Herbst das Buch „Das Brot des Siegers“. Unzählige Publikationen und Vorträge zum Thema folgten: Über Arbeitsbedingungen genauso wie über den globalen Siegeszug des Hamburgers mit all seinen negativen Folgen – etwa der Abholzung von Regenwald für Weideflächen. Sein inzwischen achtes Buch über Mc Donald’s ist gerade erschienen – Pater ist als Fast-Food-Kritiker bekannt und bekommt regelmäßig neues Material von Insidern.
Ohnehin ist sein Thema der Zusammenhang von Ökologie und Entwicklung, Ausbeutung, Armut und Profit. Dabei beschreibt er die Folgen für die Opfer, aber auch den Profit der Gewinner: Er legte sich mehrfach mit Konzernen an, mit McDonald’s, Siemens, Bayer oder auch Coca-Cola. Und das nicht nur vom Schreibtisch aus: Mehr als 20 Mal hat Pater allein Brasilien bereist und dort recherchiert. Natürlich in Sachen Hamburger, aber auch über zweifelhafte Projekte der Entwicklungshilfe, über den Handel mit Blutkonserven und menschlichen Organen. Er nennt Verantwortliche beim Namen und geriet deshalb auch schon mal mit der organisierten Kriminalität in Konflikt. Vor sieben Jahren entführten ihn Organhändler in Brasilien und drohten, ihn mit HIV-infiziertem Blut zu verseuchen: „Es war der reinste Horror, mit einer Blutspritze am Arm 90 Minuten lang skrupellosen Verbrechern ausgeliefert zu sein“, erinnert er sich. Einige Jahre vorher hatte er vorgetäuscht, für seinen angeblich kranken Sohn eine Niere zu suchen. Dadurch lernte er die Strukturen und auch einige Personen des brasilianischen Organhandels kennen. Das Resultat der Ermittlungen: Arme sind oft gezwungen, als menschliche Ersatzteillager zu fungieren. „Wer mit diesem System Millionen verdient, will sich das Geschäft nicht von einem Bonner Journalisten kaputt machen lassen.“ Pater weiß heute, dass er in ein Nest gestochen hat. Hinter diesem vermutet er die Drogenmafia.

Beginn als Entwicklungshelfer

Angefangen hat alles 1967. Der damals 22-jährige Siegfried Pater hatte sein Studium als Vermessungsingenieur gerade beendet und ging nach Brasilien, um als Entwicklungshelfer in einer Agrargenossenschaft zu arbeiten. Wenige Jahre später erfuhr er, dass die Genossenschaft, für die er gearbeitet hatte, brach lag. Ein deutscher Konzern hatte die Maracuja-Produktion der Region an sich gerissen und damit die Genossenschaft ins Aus befördert. Beide Projekte, die Genossenschaft und der Konzern, waren vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert worden – für Pater ein Schlüsselerlebnis, das seine kritische Haltung zur Entwicklungshilfe förderte.
Pater begann daraufhin ein Studium der Volkswirtschaftslehre und zu schreiben. Sein journalistisches Leben veränderte sich jedoch mit der Zeit. In der deutschen Medienlandschaft, die heute eher von Casting-Shows als von politischen Enthüllungen geprägt wird, wirken einstündige Reportagen über die Ausbeutung in der Dritten Welt etwas fremd. „Dazu kommt, dass einige Redakteure, zu denen ich Kontakt hatte, aufhörten“, erklärt Pater. Vielen Nachfolgern sind Paters Themen etwas unbequem – oft fehlt auch das Rückgrat, sie in Redaktionskonferenzen zu verteidigen. „Um mich herum haben deshalb viele Kollegen, die mit ihren Themen etwas bewegen wollten, aufgegeben. Einige von ihnen machen heute mehr PR als Journalismus. Andere recherchieren nur noch über das Internet. Aber das kann doch nicht die Anwesenheit vor Ort ersetzen“, beklagt er. Auch beim Bonner Stammtisch der dju sei das zu bemerken: „Wo früher über interessante Projekte des politischen Journalismus diskutiert wurde, treffen sich heute zumeist Angestellte von Verbandsmedien und sprechen über PR-Strategien.“ Übel nimmt Pater ihnen das nicht, aber die Veränderungen in den Medien bedauert er.
Er selbst ist schon lange kein klassischer Journalist mehr – eher Buchautor und Vortragsreisender. Radiobeiträge und Zeitungstexte entstehen eher nebenbei. Pater diskutiert mit Schülern oder liest in Kirchengemeinden. Außerdem hat er das Kinderbuch entdeckt. Aus der Sicht des Hundes Sonam beschreibt er das Leben in einer Leprastation in Nepal – dort hat Pater selbst einige Zeit gelebt. Am Beispiel von Bangladesch skizziert er die Probleme von sauberem Wasser. „Ich lese inzwischen fast am liebsten in Schulen. Daraus sind schon viele Patenschaften entstanden, die konkret die von mir geschilderten Projekte unterstützen“, ist Pater stolz.
Seine Bücher erscheinen inzwischen im Retap-Verlag, den er vor einigen Jahren zusammen mit seinem Sohn gegründet hat. Dort dominiert nicht die faktenreiche Kritik an Konzernen, sondern eher das feinfühlige Porträt. Pater hat beispielsweise den brasilianischen Ökologen José Lutzenberger in Deutschland bekannt gemacht – später bekam er den alternativen Nobelpreis. „Mir geht es darum, Mut zu machen. Viele sagen immer, allein kann man nichts verändern. Ich zeige dann auf meine Bücher und sage: Schaut Euch diese Menschen an. Die haben alle sehr viel bewegt.“ Und etwas bewegen möchte auch er. Selbst wenn er jetzt 65 ist, verspricht Pater: „Ich mache weiter“.

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