Praktika-Offensive

dju will Qualitätsstandards in der Ausbildung schaffen

Wer über ein Praktikum in den Journalismus will, muss Leidensfähigkeit mitbringen. Muss er wirklich? Die dju will dem Nachwuchs auf die Beine helfen – und kriegt dabei Rückendeckung von der Politik.

„Bei Außenübertragungen war ich Ersatz für eine vollwertige Arbeitskraft und habe Aufgaben übernommen, die zum Teil den Festangestellten nicht zugemutet werden. Sehr häufig musste ich am Wochenende und nachts arbeiten – und das alles ohne Vergütung“. Ein Praktikums-Bericht aus einem regionalen TV-Sender, dessen Belegschaft zu zwei Dritteln aus Praktikanten besteht? Weit gefehlt. Der anonyme Autor, der darüber in der Praktika-Datenbank des DGB „Students at Work“ berichtet, hat seine Erfahrungen auf dem Mainzer Lerchenberg beim ZDF sammeln müssen.
Ein besonders krasser Einzelfall? Einige Indizien sprechen dagegen. So haben bis auf den WDR und den BR alle öffentlich-rechtlichen Anstalten ihren Praktikanten zum Anfang des Jahres die Aufwandsentschädigung gestrichen. In Zeiten, in denen landauf landab Redaktionen ausgedünnt werden, hat auch die Ausbeutung des journalistischen Nachwuchses offenbar Methode. So konstatiert Professor Michael Haller von der Universität Leipzig eine „starke Vernachlässigung der Ausbildung“, Praktikanten und Volontäre müssten oft als billige Arbeitskräfte herhalten. Die Folge: eine „fortschreitende Deprofessionalisierung“ des Journalismus. (s. M 11 / 06).

Gütesiegel entwickeln

Die dju in ver.di reagiert mit einer Praktika-Offensive auf diese nicht nur für den Nachwuchs prekären Entwicklungen. Sie hat andere Journalistenorganisationen, Vertreter der Journalistenausbildung, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und die Arbeitgeberverbände eingeladen, um gemeinsam Qualitätsstandards für journalistische Praktika zu erarbeiten, die von allen befürwortet werden und die dann zum Beispiel in Betriebsvereinbarungen münden könnten. Parallel soll ein Gütesiegel für ein faires Medienpraktikum‘ entstehen, das den seriösen Betrieben die Möglichkeit eröffnet, sich von den schwarzen Schafen der Branche abzusetzen. Die gewünschten Partner zeigen sich aufgeschlossen, am Thema sehr interessiert und haben Gesprächsbereitschaft signalisiert. Für Februar ist ein erstes Treffen im größeren Kreis geplant.
Die Erodierung des Arbeitsmarktes durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse stellt eine große Herausforderung für die Gewerkschaften dar – und bietet gleichzeitig die Chance, junge Menschen wieder neu zu erreichen. Die DGB-Jugend hat das erkannt und das Projekt „Students at Work“ ins Leben gerufen. Silvia Helbig, Bundesreferentin für Ausbildung und Praktika: „Neben unserem Beratungsangebot betreiben wir seit einiger Zeit auch politische Lobby-Arbeit in Sachen Praktika“. Und die beginnt, Früchte zu tragen. Im September kündigte Arbeitsminister Müntefering im Bundestag an: „Ich sehe mit großer Sorge, dass eine Praktika-Methode um sich greift, die nicht akzeptiert werden kann. Darum müssen wir uns kümmern.“ Im Gespräch ist eine Ergänzung im Berufsbildungsgesetz, die den Status eines Praktikanten eindeutig regeln soll. Auch eine zeitliche Obergrenze soll festgeschrieben werden. Beides Vorschläge der DGB-Jugend. Darüber hinaus fordert Helbig einen Praktikanten-Mindestlohn von 300 Euro; für Volontariate und Berufseinstiegsprogramme sollen es mindestens 7,50 Euro die Stunde sein. Mit einer Online-Petition an den deutschen Bundestag sollen diese Forderungen auf die politische Tagesordnung gesetzt werden. Noch bis zum 9. Januar kann sie im Netz unterzeichnet werden (www.students-at-work.de).
So richtig losgehen wird die Diskussion über gesetzliche Praktika-Regelungen im Februar nächsten Jahres, parallel zum Beginn der Praktika-Offensive der dju. Dann soll eine umfangreiche Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) repräsentative Zahlen und Fakten über die ‘Generation P.’ liefern. Kolja Briedis, Experte beim HIS: „Unser Fokus liegt dabei auf dem Übergang vom Studium in die Arbeitswelt.“ Zu den Praktika während des Studiums wird die Studie dagegen keine qualitative Auswertung bieten.

Engagierte Studenten gesucht

An dieser Stelle möchte die dju ansetzen. Denn auch Pflichtpraktika während des Studiums benötigen Standards, damit sie einen Lerneffekt bieten und nicht zur Kostensenkung der Medienbetriebe missbraucht werden. Genau das passiere aber in zunehmendem Maße, sagt Hans-Joachim Kleinsteuber, Journalistik-Professor an der Uni Hamburg: „Die Anzahl der Studiengänge, die auf den Journalismus hinlaufen, hat sich exponentiell vergrößert. Dadurch ist auch die Anzahl und die Qualität der Bewerber auf Praktika-Plätze gestiegen. Diese Situation wird von manchen Medien-Unternehmen schamlos ausgenutzt.“ Teil der Praktika-Offensive soll deshalb eine Studie sein, die die Pflichtpraktika im Rahmen des Studiums näher unter die Lupe nimmt. Die dju sucht dafür engagierte Studenten, die eine solche Studie im Rahmen ihrer Magister- oder Diplomarbeit schreiben möchten. Interessenten dafür können sich an Björn Richter unter journal@verdi.de wenden.

nach oben

weiterlesen

Beschwerde-Rekord beim Deutschen Presserat

Der Deutsche Presserat hatte im vergangenen Jahr ordentlich zu tun: 2020 sind so viele Beschwerden eingegangen wie noch nie. Das lag nicht zuletzt an Massenbeschwerden zu einzelnen Artikeln, die in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurden. Auch die Zahl der Rügen ist deutlich gestiegen. Insgesamt 53 Mal verhängte die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse ihre schärfste Sanktion.
mehr »

Gibbet Fisch, oder gibbet kein Fisch?

Der Spruch stammt von meinem Musiker-Kollegen, mit dem ich als Autor in den 90iger Jahren, also in den guten analogen Zeiten, auf Lesereise war. Ein paar Bier, ein Abendessen und das Eintrittsgeld waren immer drin, und selbst wenn am Ende der Lesung der Hut rumging, kam ein nettes Sümmchen zusammen. Zeiten, von denen man heute nur noch träumen kann.
mehr »

Hanau: Betroffenen mehr Raum geben

Zum Jahrestag des rassisch motivierten Anschlags in Hanau hatten Interkultureller Mediendialog und dju in ver.di Hessen eingeladen, über Diskursverschiebungen in der Berichterstattung zu diskutieren. Es gebe zwar mehr Sensibilität, aber „in bestimmten Redaktionen ist der Groschen noch nicht gefallen, weil es sie nicht betrifft“, konstatierte Hadija Haruna-Oelker vom Hessischen Rundfunk.  Veränderungen habe es vor allem durch den Druck von Angehörigeninitiativen der neun Opfer gegeben, so Gregor Haschnik von der „Frankfurter Rundschau“.
mehr »

Wenn abstrakte Ideen konkret werden

Designer*innen „machen die Welt zu einem schöneren Ort“, heißt es blumig bei der Rheinischen Fachhochschule Köln. „Design heißt, Lösungen für Probleme zu entwickeln“, sagt Professor Klaus Neuburg vom Mediendesign-Studiengang der Ostfalia-Hochschule ganz rational. Und ein Problem hatten seine Studierenden bei der Planung der Jahresausstellung:  Statt die Werke wie üblich in der Hochschule zeigen zu können, wanderte pandemiebedingt alles in eine selbstentwickelte 3-D-Ausstellung mit dem Titel „Prototyp“.
mehr »