Pro & Contra: Presserabatte

Presserabatte sind prima

Von Peter Diesler | Presserabatte finde ich prima: Ich fliege zum halben Preis nach Mallorca. Meinen Firmenwagen kaufe ich 15 Prozent billiger ein. Mein Handy klingelt zum Journalistentarif. Gehälter und Honorare befinden sich im Sinkflug. Da ist Geiz nicht nur angesagt, sondern auch geil. Zum großen Frust der alten Hasen kann heute selbst jeder Volontär und Berufsanfänger auf Webseiten wie Journalismus.com auf Schnäppchenjagd gehen: Die 1000 Presserabatte, von der Bahncard über Fitnessgeräte, Kaffeeautomaten, Teddybären bis zum Gleitgel sorgen für Markttransparenz. Seit dem Fall des Rabattgesetzes haben Rabatte auch bei Journalisten Hochkonjunktur. Das spricht sich rum: Kollegen versuchen selbst an der Kinokasse oder gar bei Mac Donalds ein paar Cent Ersparnis rauszuschlagen. Die Schnorrermentalität mag peinlich sein. Doch dass Geiz journalistisch unethisch ist, steht nicht im Pressekodex. Zum Mauscheln gibt es ohnehin wenig Gelegenheit: Denn wer Presserabatte ordert, bekommt zumeist knallhartes Business aufgetischt. Presserabatte sind keine Kungelei, sondern ein Massengeschäft: Anonyme Callcenter, wie die Journalistenhotline der Telekom, fertigen Journalisten zu festen Tarifen ab. Bei VW kümmert sich eine eigene Vertriebsabteilung um den Autoabsatz an Medienprofis. Wer für die Hälfte fliegen will, ordert per Onlinebuchung oder Faxauftrag und hilft nebenbei der Airline ihre Flieger besser auszulasten. Wen wundert es da, wenn Schnäppchen sich bisweilen als Marketinggags entpuppen: Elektronikartikel kriegt man bei Saturn und Mediamarkt billiger. Rabattierte Pauschalreisen werden von Lastminute-Läden unterboten. Merke: Journalisten werden mit Presserabatten nicht als Schreiberlinge über den Tisch gezogen, sondern als zahlende Käufer. Medienkolumnisten pflegen hingegen das Klischee, Journalisten würden wegen solch läppischer Rabatte Jubelartikel über die Anbieter verbreiten. Oder unterstellen, der ständige Gebrauch vergünstigter Produkte beeinflusse Journalisten unterbewusst. Das ist natürlich Quatsch: Die winzigen Tastaturen meines rabattierten Handys bringen mich allenfalls zur Weißglut. Also: wollen wir uns wirklich einreden lassen, ein Redakteur von Bild oder Handelsblatt schreibt freundlich über die Umweltbilanz von Air Berlin, nur weil er neulich privat, um die Hälfte billiger zum Ballermann geflogen ist? Oder ist diese Vermutung nicht ebenso absurd, wie anzunehmen, Pastoren würden heimlich die Marke ihres Autos in die sonntägliche Predigt einfließen lassen, um sich für den Beamtenrabatt für Pastoren zu bedanken? Der Autor, Ex-Redakteur des Chip Computermagazins, betreibt seit 1997 die Journalisten-Community www.journalismus.com

Glaubwürdigkeit ist dahin

Von Manfred Protze | Warum geben Unternehmen exklusive Rabatte an Journalisten. Aus caritativen Gründen? Wohl kaum! Sicher soll bei möglichst vielen Journalisten ein latent sympathisches Bild des Unternehmens und seiner Produkte erzeugt werden. In der Erwartung, dass sich die Begünstigten in Konflikt-Situationen bewusst oder unbewusst an den leistungslos gewährten Vorteil erinnern. Mit dem Ergebnis, dass die professionelle Distanz zum Unternehmen kleiner und die Verarbeitung vor allem nachteiliger Informationen in einer tendenziell besseren Bewertung mündet. Psychologen bestätigen nach einem Jahrhundert Forschung solche nicht bewusst kontrollierbaren Wirkungen. Wer einen 5-Sterne-Urlaub zu den Kosten von 3 Sternen verbracht hat, erinnert sich auch beim nächsten beruflichen Kontakt an diesen Genuss-Schein des Reiseveranstalters. Bewusst oder unbewusst. „In meiner Berichterstattung lasse ich mich von solchen materiellen Vorteilen nicht beeinflussen – ich kann da klar trennen.“ So lautet ein Legitimationsargument für die Vorteils-Annahme. „Ich nehme nur solche Rabatte in Anspruch, für die es keinen Berührungspunkt in meiner journalistischen Arbeit gibt“ lautet ein anderes. Selbstbewusst erscheint das Erste, schlau das Zweite. Nicht nur die seit Jahrzehnten unerschütterte Praxis der Vorteils-Geber spricht gegen einen dauerhaften Erfolg der scheinbar subversiven Distanzbewahrung. Auch die im Pressekodex geronnene Erfahrung vieler Generationen von Journalisten und Verlegern spricht dagegen. Ziffer 15 sagt: „Die Annahme von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein können, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinflussen, sind mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar.“ Eine Gefahr für unsere journalistische Entscheidungsfreiheit liegt bereits in der Annahme von Vorteilen, die „das im gesellschaftlichen Verkehr übliche und im Rahmen der beruflichen Tätigkeit notwendige Maß übersteigt“. Sind 15 Prozent vom üblichen Verkaufspreis eines Neu-Autos oder 30 Prozent eines Reisepreises ein für Journalisten übliches Maß? Hauptkapital für Journalisten ist ihre Glaubwürdigkeit. Mediennutzer setzen darauf, weil sie den Wahrheitsgehalt von Informationen meist nicht überprüfen können. Glaubwürdigkeit hängt dabei nicht vom Einzelnachweis durch die Adressaten ab. Umgekehrt: Haben sie ein Indiz für Unglaubwürdigkeit, reagieren sie – zu Recht – mit einem Allgemeinverdacht und mit einem Verzicht auf das publizistische Produkt. Das allerdings wäre das wirtschaftlich schlechteste Ergebnis für alle aus einer Annahme kurzfristiger individueller Vorteile.

Der Autor ist Mitglied im Bundesvorstand der dju und im Deutschen Presserat

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