Profis mit anderer Sicht

Beruf Auslandskorrespondent: Keine Männerdomäne mehr

Niemand ist heute mehr wirklich überrascht, wenn Frauen von Brennpunkten in aller Welt berichten, sie politische Ereignisse aus Brüssel, Washington, Paris oder Moskau kommentieren, wenn Länderberichte ihre Handschrift verraten und Autorenzeilen auf den außenpolitischen Seiten der Zeitungen weibliche Namen tragen. Noch exotisch oder schon normal – wie selbstverständlich ist Auslandskorrespondentinnen ihr Job?

Annette Dittert vom WDR Köln sieht ihre Auslandseinsätze als ganz normalen Werdegang. Bekannt wurde sie als Fernsehkorrespondentin, die bis Herbst 2004 dreieinhalb Jahre lang aus Polen berichtete, Land und Leute, Bekanntes und Unbekanntes für deutsche Betrachter mit sehr eigenen Sichten erschlossen hat. „Das war für mich selbst ungeheuer bereichernd, weil ich so polnische Geschichte endlich verstehen lernte. Durch den Geschichtsunterricht der Schule war das Land bei mir auf das Vertriebenenproblem reduziert.“ Natürlich interviewte die Journalistin in Polnisch. „Nur wenn man die Landessprache beherrscht, kommt man auch an die Leute heran.“ Fürs Erlernen „einer der schwersten Sprachen“, wie sie findet, wurde sie für 2,5 Monate vorab nach Krakau geschickt, nahm danach noch Privatunterricht. Die heute 42jährige, die im Jugendradio SFB Beat ihre journalistische Laufbahn begann, wurde beim WDR kontinuierlich auf Auslandsarbeit vorbereitet. Bereits als stellvertretende Leiterin des Morgenmagazins, mitverantwortlich für zwölf Kolleginnen und Kollegen und viele Freie, nahm sie Termine in Moskau, New York oder Paris wahr. „Das ist schon seit Jahren Führungsprinzip“, zollt sie ihrem Sender Lob. „Ob Mann oder Frau bedarf keiner Diskussion mehr.“ Mit Sonja Mikich, Tina Hassel oder Marion van Haaren stünden andere Namen fürs Prinzip. Auch beim NDR sind viele Frauen unterwegs.

Nicht nur journalistisches Gespür und Recherchefähigkeit sind im Auslandseinsatz gefragt, auch Managementfähigkeiten und soziale Kompetenz gehören dazu – Qualitäten, die eher Frauen zugestanden werden. Doch gleich, ob in gut eingerichteten Studios ein Team am Projekt arbeitet oder ob unterwegs improvisiert werden muss, Auslandsberichterstattung ist ein knallhartes Geschäft, das hohe Professionalität erfordert – von beiden Seiten.

Auch der Einsatz in Krisengebieten ist für Frauen kein Tabu mehr. An Kriegsberichterstattung aber gehen Frauen etwas anders heran, ist Annette Ditterts Beobachtung. Sie meint damit nicht „emotionaler“. „Im Gegenteil. Da Frauen an männlichen Kriegsspielen unbeteiligt sind, entwickeln sie einen distanzierteren Blick. Dieser Abstand tut gut.“

Sie selbst hat sich auf ein „Leben zwischen den Welten“ eingestellt. Derzeit dreht sie mit einem Kollegen für die ARD eine sechsteilige Dokumentation, die sie auf dem Wendekreis des Krebses rund um den Globus führt. Was bedeutet Glück in anderen Kulturen? Dieser Frage geht sie in Hawaii, Mali und Indien nach. Danach wird sie für fünf Jahre als Studioleiterin in New York eingesetzt. Glück für sie ist dieser Job, „ich wollte ihn so.“ Dass sie ihre Freunde viel zu wenig treffen kann, dass sich Familienplanung bei all dem „nicht so ergeben“ hat, ist ein Preis, den sie dafür zahlt. „Auslandskorrespondentinnen mit Kindern – wie Christiane Meier in Washington, Birgit Virnich in Nairobi oder auch Tina Hassel – sind immer noch selten. Aber so allmählich geht das eben auch schon.“

Spannend und gruselig zugleich

Das bestätigt Sabine Adler, die gerade von einem viereinhalbjährigen Korrespondenteneinsatz für Deutschlandfunk und DeutschlandRadio aus Moskau zurück ist. Sie wollte etwas aus ihrem in Schule und Studium erlernten Russisch machen. Deshalb betrachteten sie und ihr Mann das Moskau-Angebot seinerzeit als „Riesenchance“, gerieten bei den Debatten und der Organisation des Wie allerdings familiär schon an den Rand der Zerreissprobe. Die meiste Zeit in Moskau war dann ihr Sohn dabei, drei Jahre lang auch ihr Mann, der dafür vom eigenen Arbeitgeber zwar freigestellt wurde, aber – „milde ausgedrückt“ – pures Unverständnis erntete. Die Tatsache, dass auch unter Kollegen niemand doppeltes Engagement in Beruf und Familie honoriert, war der Rundfunkjournalistin jedoch längst geläufig.

Für den Sender, der ihr alle Freiheiten und gute Unterstützung gewährte, befand sie sich in Moskau und bei ihren Reisen bis ins Polargebiet und in Krisenregionen auf einem „Einzelkämpferposten“. Dass sie dabei neben der Reporterin zugleich Technikerin und Fahrerin sein musste, machte sie „fit wie einen Turnschuh“ und zugleich „mutig und unerschrocken“. Ihre „Vorliebe für Verkleidungen“ und ein gutes „Gespür, wem man letztlich vertrauen kann“ halfen ihr zusätzlich in Krisengebieten. Ein spezielles Sicherheitstraining absolvierte sie ebenfalls. Die 41jährige sieht rückblickend eher Vorteile für sich als weibliche Korrespondentin. Wo Journalistenkollegen allenfalls mit Schmiergeldern weiterkommen konnten, halfen ihr ihre dunklen Haare und angepasstes Verhalten, um untertauchen und sich durchschmuggeln zu können. In Tschetschenien, wohin sie mehrfach illegal einreiste und wo sie zeitweise direkt in Familien lebte und recherchierte, passte sie sich äußerlich mit Kopftuch, einem Kleid vom Markt, gesenktem Blick und Verzicht auf sämtliche Accessoires der Umwelt an. Sie empfand es als „spannend und gruselig“ zugleich, die völlige Trennung der männlichen und weiblichen Gesellschaft mitzuerleben. Von Frauen, die in ihrer Welt solidarisch zusammenstünden, habe sie meist mehr Informationen erhalten, weil diese einfach wacher, interessierter und aufnahmewilliger seien. Männern gegenüber kam ihr in der Rollenverteilung das Frau- und Gast-Sein zugute. „Frauen dürfen Fragen stellen, sich belehren lassen. Da haben sich die Männer, auch in Führungspositionen, allenfalls über mein hartnäckiges Nachfragen gewundert“, resümiert die Auslandskorrespondentin.

Dass sie bei aller Annäherung doch professionelle Distanz gewahrt hat, zeigt sie in ihrem Ende Januar erschienenen Buch über das Phänomen der „Schwarzen Witwen“. Alle Beteiligten – Frauen wie Männer – kämen darin eher schlecht weg. „Am Krieg sind beide Seiten gleichermaßen beteiligt. Und ich habe bei meinen Reisen niemanden getroffen, der nicht irgendwie in diesen Konflikt verstrickt war oder den Krieg unterstützt hat.“

Inzwischen hat Sabine Adler ein Büro Unter den Linden in Berlin bezogen und arbeitet für ihren Sender als Parlamentskorrespondentin. Der Wechsel sei lange geplant gewesen. Sie sieht auch die neue Tätigkeit als Herausforderung, genießt dabei in den ersten Wochen speziell die Segnungen redaktioneller Arbeitsteilung und das Zusammensein der Familie.

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