Qualität in der Bilderflut

Festival für jungen Fotojournalismus mit beeindruckenden Arbeiten

Zum vierten Mal fand vom 18. bis zum 22. Juni das Lumix Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover statt. An den fünf Festivaltagen waren 60 Ausstellungen junger Fotojournalisten aus der ganzen Welt zu sehen und es gab Fotografenvorträge, Führungen der ausstellenden Fotojournalisten sowie zwei angegliederte thematische Symposien. Über 35.000 Besucher kamen nach Hannover und stellten damit einen neuen Rekord auf. Zum ersten Mal wurde das Festival nicht von der Hochschule Hannover, sondern dem vor einem Jahr neugegründeten „Verein zur Förderung der Fotografie in Hannover e.V.” organisiert, der auch die neue Galerie für Fotografie in der Eisfabrik Hannover (GAF) betreibt.

35.000 Besucher beim Fotografie-Event in Hannover Foto: Felix Koltermann
35.000 Besucher beim
Fotografie-Event in Hannover
Foto: Felix Koltermann

Die in den 60 Fotoausstellungen gezeigten Themen waren so vielfältig wie der Hintergrund der Fotojournalisten. Es ging unter anderem um ethnische Minderheiten und indigene Völker, Armut und Umweltverschmutzung, die Folgen des Strukturwandels, Drogenabhängigkeit, Prostitution und Schönheitswettbewerbe. Die ausstellenden Fotografen stammten zum großen Teil aus Europa, aber auch einige junge Fotojournalisten aus Asien, dem Nahen Osten, den USA und Lateinamerika waren vertreten. Dass sich das Festival international einen Namen gemacht hat, zeigten die 1.200 Einreichungen aus 71 Ländern. Auffallend war, dass ein großer Anteil der Ausstellenden von der Hochschule Hannover kommt.

Freelens Preis

Der amerikanische Fotograf Mustafah Abdulaziz führt durch seine Ausstellung Foto: Felix Koltermann
Der amerikanische Fotograf Mustafah Abdulaziz führt durch seine Ausstellung
Foto: Felix Koltermann

Von einem studentischen Festival ist Lumix weit entfernt: viele der Aussteller publizieren für renommierte Medien und werden von etablierten Agenturen vertreten, haben schon Preise beim World Press Photo Award oder anderen Wettbewerben gewonnen. Der mit 10.000 Euro dotierte Freelens Preis für jungen Fotojournalismus des Lumix Festivals 2014 ging an die finnische Fotografin Meeri Koutaniemi für eine Arbeit über Genitalverstümmelung in Afrika. Hannover ist dabei weniger ein Meet&Greet zwischen Fotografen und Redakteuren wie zum Beispiel „Visa pour L’Image” in Perpignan als ein Besucherfestival. Dies zeigt sich nicht nur an den hohen Besucherzahlen, sondern auch an den Aussagen der Aussteller. Der junge italienische Fotojournalist Giulio Piscitelli ist auf eigene Kosten extra aus Neapel angereist. „Für mich ist es eine tolle Möglichkeit, meine Arbeit zu zeigen und in direkten Kontakt mit den Besuchern zu treten, um Erfahrungen und Gedanken auszutauschen. Im Gespräch kann ich meine eigene Arbeit erklären, was mir über andere Medien wie die Zeitung nicht möglich ist”, erzählte er. Seine Arbeit „From There to Here” steht exemplarisch für die Mühen, die junge Fotojournalisten auf sich nehmen, um große Geschichten erzählen zu können. Für sein mehrjähriges Projekt über die Migration von Flüchtlingen nach Europa über das Mittelmeer schiffte er sich auf eigene Faust mit einem Flüchtlingsboot von Tunesien nach Lampedusa ein.
Überzeugend waren wie so oft die eher stillen Arbeiten. Die Folgen des Breivik Attentats auf der Insel Utoya in Norwegen schildert anschaulich die einfühlsame Porträtserie „One Day in History” der norwegischen Fotografin Andrea Gjestvang. Ihre Arbeit zeigt in achtsamen Bildern Verletzungen und Verstümmelungen, die man sonst nur aus Kriegsregionen kennt. Einblick hinter die Kulissen des iranischen Regimes in den Alltag der Menschen konnten die Besucher mit der Arbeit „An Iranian Journey” des iranischen Fotografen Hossein Fatemi gewinnen. In zurückhaltenden, erzählerischen Bildern zeigt er den privaten Alltag junger Iraner abseits von Politik. Bei der Reportage „Suburbia” des Spaniers Arnau Bach über Gangstrukturen in den Pariser Banlieus fühlt man sich angesichts der dramatischen Schwarz-Weiß-Bilder von schwerbewaffneten Dealern unwillkürlich an die Stories aus den Favelas in Rio de Janeiro erinnert.
Eines der Highlights waren die acht Fotografenvorträge. Nur selten bekommt man die Möglichkeit, Bilder in beeindruckender Qualität auf einer Kinoleinwand zu sehen. Darüber hinaus konnten die Besucher über die gezeigte Arbeit hinaus etwas über den Alltag der Berufsfotografen erfahren. Der junge ukrainische Fotojournalist Maxim Dondyuk beispielsweise berichtete von den Schwierigkeiten, seinem Beruf in seiner Heimat nachzugehen. Die Märkte für seine dokumentarischen Projekte liegen vor allem im Ausland. Die Revolution auf dem Majdan hatte nur eine kurzfristige positive Wirkung. Lokale Fotografen waren gefragt und belieferten aktuell die Nachrichtenagenturen. Von deren tagesaktueller Arbeit setzt sich Dondyuk mit seinen länger angelegten dokumentarischen Projekten klar ab. Er wollte die Ereignisse auf dem Majdan zwar aus erster Hand erleben, seine Arbeiten aber nicht den Deadlines europäischer Redaktionen anpassen. Dabei kann sein Werk nicht auf die Dokumentation der ukrainischen Revolution reduziert werden. Herausragend ist seine Arbeit „Crimea Sich”, die Kinder in einem militärischen Sommerlager russischer und ukrainischer Kosaken auf der Krim vor dem Umbruch zeigt.

Crowdfunding

Das Thema Crowdfunding ist auch in der Fotojournalistengemeinde mittlerweile in aller Munde. Durch den Wegfall fester Stellen und Budgetkürzungen sind umfangreiche Recherchereisen immer schwieriger zu finanzieren. Beim Thementag Crowdfunding berichteten Fotografen von ihren Erfahrungen mit der Finanzierung über den Nutzer-Schwarm. Deutlich wurde dabei, wie unterschiedlich die Ansätze und die Formen dieser Finanzierung sind und, dass sie weit über das Einstellen eines Projekts auf einer der bekannten Plattformen wie Krautreporter oder Kickstarter hinausgehen. Der Fotograf Rob Hornstra ging mit seinem Kollegen Arnold van Bruggen in einer hervorragenden, von Designern gestalteten Kampagne mit dem einfachen Slogan „Give us your money” an die Öffentlichkeit. Über vier Jahre warben sie fast 100.000 Euro ein, ohne eine der bekannten Plattformen zu nutzen. Sie bauten ihre eigene Webseite auf und versuchten Interesse über Vorträge auf Fotofestivals und kostenlose Veröffentlichungen in Magazinen zu wecken, wo im Gegenzug ihre Anzeigen gedruckt wurden. Hornstra und seine Partner entwickelten eine Reihe herausragender Fotobücher, die während der Projektphase entstanden und ebenfalls zur Finanzierung beitrugen. Die zentralen Punkte des Crowdfunding sind laut Hornstra, dass die Menschen nicht in ein Projekt, sondern in einen Menschen investieren und, dass die Unterstützer eine Form der „Community” sind, die gepflegt werden muss. Die sozialen Medien wie Facebook spielen dabei eine zentrale Rolle.
Ganz ohne das Web 2.0 kam der deutsche Fotograf Claudius Schulze aus, der seinen Emailverteiler nutzte, um sein erstes Buch „Socotra” sowie sein neues Projekt „Naturzustände” zu finanzieren. Er machte darüber hinaus die interessante Erfahrung, dass sein Buch über die jemenetische Insel Socotra in der wissenschaftlichen Community der Inselforscher einen reißenden Absatz fand, während Fotointeressierte eher zurückhaltend reagierten. Dies zeigt wie wichtig es ist, eine Community zu finden, die dem eigenen Projekt aufgeschlossen gegenüber steht. Den klassischen Weg wählte der Berliner Fotograf Kai Wiedenhöfer mit seinem Projekt „Wall on Wall”, für das er auf der Plattform Kickstarter um Unterstützung warb. Schade war, dass es keine Moderation gab, die durch die verschiedenen Vorträge geführt und die einzelnen Enden beispielsweise in einer abschließenden Podiumsdiskussion wieder zusammengetragen hätte. Ein Erkenntnisgewinn, der vor allem in einem Vergleich verschiedener Ansätze und einem Abwägen der Chancen und Risiken liegen würde, wurde dadurch erschwert und blieb allein dem Besucher überlassen.
Der Frage „Wie managen wir die Bilderflut?” widmete sich eine Veranstaltung, die von der Sektion Technik der Deutschen Gesellschaft für Photographie organisiert worden war. Beim Auftaktvortrag von Peer Rüdiger, selbsternannter „Pixelschuber” vom Medienhaven Bremen, war unklar, ob sein Vortrag sich an professionelle Fotografen oder Amateure richtete. Kaum zu glauben, dass es professionelle Fotografen geben soll, die, wie von Rüdiger geschildert, ihm und seinem Team die Bildauswahl und die Wahl des Ausschnitts überlassen. Interessant wurden seine Ausführungen, als er die Fotografen dazu aufforderte, auch umfangreichere Bildbearbeitung und ausführliche Verschlagwortung den Kunden in Rechnung zu stellen, um die Kontrolle über möglichst große Teile des Workflow zu behalten. Nachdenkenswert auch sein Vorschlag, Standards für ein Berufsbild von Assistenten für Fotografen zu entwickeln.
Aus der Perspektive des professionellen Fotojournalisten beklagte Heinz Krimmer, dass der der aktuellen Bilderflut vorangegangene Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie das Berufsbild Fotograf stark verändert habe. Dies habe nicht nur den Unterschied zwischen Amateuren und Profis nivelliert, sondern auch die analogen Archive vieler Kollegen für den Markt unbrauchbar gemacht. Als Rezept wusste er auch nicht mehr zu präsentieren als die Aufforderung, auf Qualität zu setzen und Nischen zu suchen. Den Arbeitsalltag aus der Sicht des Bildredakteurs schilderte der Bildchef der Süddeutschen Zeitung Jörg Buschmann. Die Bildersuche ist hier in weiten Teilen zu einer Beschickung von Datenbanken mit Schlagworten und dem Scrollen durch Tausende Miniaturbilder verkommen. Buschmann beklagte, dass mit der Bilderflut der Verfall der Halbwertszeit von Fotografien einher gehe, der zum Teil zu einer größeren Beliebigkeit führe.

Ausgebucht

Sechs Jahre nach seiner Gründung hat sich das Hannoveraner Festival einen festen Platz in der Landschaft deutscher Fotografie-Events erarbeitet. Mit seinem besonderen Profil zieht es sowohl die junge Fotojournalistengeneration als auch das breite Publikum an. So waren in diesem Jahr zum ersten Mal alle Gruppenführungen ausgebucht, was die Bedeutung des Festivals auch aus kunst- und fotopädagogischer Perspektive belegt. Zu wünschen wäre jedoch, dass das Festival über das Zeigen von Bildern hinaus auch stärker in eine inhaltliche Diskussion über die Rolle und Bedeutung des Fotojournalismus und der Dokumentarfotografie im 21. Jahrhundert einsteigen würde.
Felix Koltermann ist Medienwissenschaftler und promoviert an der Universität Erfurt über die fotojournalistische Produktion im Nahostkonflikt. Auf www.fotografieundkonflikt.blogspot.com bloggt er zum Thema.

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