Raus aus der Empörungsspirale

Günter Herkel lebt in Berlin und arbeitet als freier Medienjournalist für Branchenmagazine in Print und Rundfunk.
Foto: Jan-Timo Schaube

Meinung

Wenn zwei in den Medien regelmäßig präsente Publizisten wie Richard David Precht und Harald Welzer ein medienkritisches Buch vorlegen, ist erhöhte Aufmerksamkeit gewiss. Die Aufregung, die das Werk „Die Vierte Gewalt“ ausgelöst hat, erscheint jedoch so maßlos und überdimensioniert, dass darüber die Substanz der von den Autoren vertretenen Hauptthesen fast schon in den Hintergrund getreten ist. Möglicherweise hat dazu der provokative Untertitel „Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“ beigetragen.

Wenig hilfreich für eine entspannte Auseinandersetzung war sicher auch die ursprüngliche Verlagsankündigung, in der unglücklicherweise von einer Kritik an der angeblichen „Selbstgleichschaltung“ von Medien die Rede war. Eine Formulierung, die im Buch selbst nicht vorhanden ist und von der sich die Autoren auch mehrfach distanziert haben.

Eine der Hauptthesen lautet allerdings, dass die deutschen Leitmedien – vor allem die überregionalen Qualitätsblätter, aber auch öffentlich-rechtliche und private Rundfunksender – sich in zentralen politischen Konflikten immer stärker aneinander angleichen und dass öffentliche und veröffentlichte Meinung dabei zunehmend auseinanderfallen. Als aktuellstes Beispiel für diese These führen sie die Forderung nach Waffenlieferungen für die Ukraine an. Waren die Leitmedien vom Kriegsbeginn an geschlossen dafür, ergaben Umfragen in der Bevölkerung annähernd ein Gleichgewicht zwischen Befürwortern und Skeptikern, aus deren Sicht die diplomatischen Kanäle noch längst nicht ausgeschöpft waren.

Beide Positionen wären im Interesse eines demokratischen Meinungsstreits legitim, wenn nicht gleichzeitig die Vertreter einer Seite wüst attackiert und diffamiert worden wären („Lumpenpazifisten“, „Putin-Troll“). Eine Erfahrung, die auch Precht/Welzer machten, beide Mitunterzeichner des von Alice Schwarzer und der Zeitschrift „Emma“ initiierten Offenen Briefs an Olaf Scholz, in dem für Diplomatie, einen Waffenstillstand und gegen Waffenlieferungen plädiert wurde. Argumente der (rund 400.000) Unterzeichner wurden verunglimpft, ihre vereinzelt in Talkshows zugelassenen Träger*innen marginalisiert oder („Frau Schwarzer, was unterscheidet Sie von der AfD?“) selbst im Deutschlandfunk gelegentlich in die rechte Ecke gestellt.

Wie erinnerlich, sah sich der anfangs zögerliche Kanzler in der Folge einem massiven Druck auch der meisten Leitmedien ausgesetzt, die fast unisono für die Lieferung auch schwerer Waffen trommelten. Politiker*innen der Ampel-Koalition wurden in geradezu inquisitorischer Manier Bekenntnisse vom Schlage „Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen“ abverlangt. Gehört so etwas zur Aufgabe der „Vierten Gewalt“, fragen die Autoren. Oder wird hier die Grenze von der legitimen Kontrolle der Politik hin zu einem Aktivismus überschritten? Einem Aktivismus, der den Medien nicht zusteht?

Precht/Welzer verstehen ihre Analyse nicht als Branchen-Beschimpfung. Im Gegenteil: Sie bekennen sich zum Qualitätsjournalismus in Print und Funk, loben das deutsche Mediensystem im internationalen Vergleich. Sie beanspruchen für sich die Rolle von Beobachtern des publizistischen Geschehens aus der Vogelperspektive. Ihr Erkenntnisinteresse gilt Mustern und Tendenzen im politischen Journalismus der letzten zehn Jahre und darüber hinaus.

Nicht alles ist originell, manches erscheine wie „eine Art Best-of-Medienkritik“ der vergangenen Jahre, merkte „Meedia“-Chefredakteur Stefan Winterbauer zu Recht an. Als Erinnerungsstütze für Fehlleistungen der Branche taugt die Rückschau allemal. Kampagnenjournalismus und Schwarmverhalten etwa, wie sie sich in der nahezu kollektiven Hatz der Hauptstadtpresse auf Ex-Bundespräsident Christian Wulff artikulierten. Die fragwürdige, klickgetriebene Umdeutung der Ereignisse in der Kölner Silvesternacht 2015/16, die die repressive Wende in der Flüchtlingspolitik und „Willkommenskultur“ einleitete und en passant eine überflüssige Modifikation des Pressekodex (Herkunftsbezeichnung bei Straftätern) provozierte.

Tendenziöser Berichterstattung liegt in der Regel keine Manipulationsabsicht zugrunde. Wie und mit welchem Ergebnis Meinungsbildungsprozesse in der journalistischen Elite ablaufen, hat der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger schon 2013 in seiner auch von Precht/Welzel zitierten Studie „Meinungsmacht“ überzeugend vorgeführt. Die Leitmedien, so seine These – Illustriert anhand einer Analyse der Berichterstattung von „FAZ“, „Süddeutsche“, „Welt“ und „Zeit“ über Auslandseinsätze der Bundeswehr – bildeten hauptsächlich die Diskussion innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Eliten ab. Sie sind eingebettet in den aktuellen Elitediskurs und hinterfragen dessen Prämissen nicht. Kritiker werden an den Rand gedrängt, isoliert oder diffamiert. Im Grunde eine Blaupause für die aktuelle Auseinandersetzung über Waffenlieferungen im Ukraine-Krieg.

Auch die heftige Reaktion aus dem Kreis der Kritisierten weist Parallelen auf. Eine Verarbeitung von Krügers Erkenntnissen in einer Ausgabe der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ führte seinerzeit zu einem mittelschweren Beben in den betroffenen Qualitätsblättern und sogar zu einer Klage von zwei „Zeit“-Verantwortlichen gegen das ZDF. Was damals ein Satireformat auslöste, bewirkt im Fall von „Die Vierte Gewalt“ die Prominenz und TV-Präsenz der beiden Autoren. Die heftigen, teilweise recht unsouveränen persönlichen Attacken auf Precht/Welzer („langhaarige Babyboomer“, „Hassfigur“ Precht) beruhen zum Teil wohl auch auf ihrer Popularität und Massenwirksamkeit – ihr Werk führt seit Wochen die Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch an. Da fühlen sich offenbar jene gestört, die üblicherweise ihren Elitendiskurs unbehelligt von grundsätzlichem Widerspruch in meist einseitig besetzten TV-Talkrunden führen.

Andere werten die Kritik an dem Autoren-Tandem als „biologische Reaktion“, gar als „Fluchtinstinkt“ der Angegriffenen mit dem Ziel, das eigene Überleben zu garantieren. Mit der Unterstellung einer „konzertierten Aktion zur Übernahme von Regierungsnarrativen“ hätten Precht/Welzer bei Vertreter*innen der Leitmedien eine „maximale Stressreaktion“ ausgelöst, schwadronierte eine „Stern“-Wissenschaftsredakteurin mit unfreiwilliger Komik im Rahmen eines Buchmesse-Talks. Daran ist so viel richtig, dass die streitbaren Autoren bei manch zugespitzter These selbst gelegentlich verbal überziehen.

Die Leitmedien, so eine weitere These der Autoren, haben verstärkt Elemente der „Direktmedien“, vor allem Twitter, in ihre Berichterstattung integriert. Zum Beispiel eine permanente Erregungsdynamik und die Personalisierung von Konflikten, oft unter Vermeidung einer wirklichen Auseinandersetzung mit den relevanten Inhalten. Alles Techniken, die allmählich eine demokratiegefährdende Wirkung entfalteten. Tatsächlich nimmt die Zahl dauererregter Menschen zu – bis hin zu Mordbereitschaft, wie der Tankstellenmord in Idar-Oberstein bewiesen hat. Auch die Autoren erhalten Morddrohungen, bekannte Welzer unlängst auf einem Podium.

Die kritische Diagnose der Autoren: Ein Belohnungssystem, basierend auf Klickzahlen, Reichweiten und Beifall von Kolleg*innen führe mittel- bis langfristig in die Selbstabschaffung des Qualitätsjournalismus. „Je stärker die Leitmedien sich der Wirkmechanismen von Direktmedien bedienen, um ihrem Publikum möglichst nahe zu sein, umso mehr schwindet dessen Vertrauen in sie“, warnen Precht/Welzer.

Wie lässt sich Vertrauen in den Qualitätsjournalismus erhalten bzw. wiedergewinnen? Die Rezeptur dafür ist längst bekannt und sollte nicht an persönlichen Eitelkeiten und Corpsgeist scheitern: Raus aus der Empörungsspirale, Vermeidung von schlichtem Schwarz-Weiß-Denken, Toleranz und Meinungsvielfalt, keine Diffamierung von Minderheitenmeinungen, mehr Multiperspektivität statt Einseitigkeit, konstruktiver Journalismus.

Wohin eine permanente Emotionalisierung gesellschaftlicher Prozesse führt, lässt sich exemplarisch an den US-amerikanischen Verhältnissen ablesen. Precht/Welzer appellieren an die Vorbildfunktion der Leitmedien. Sollten diese weiterhin dabei mitwirken, die Erregungswellen zu verstärken, fliegt eines Tages die Gesellschaft auseinander.

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