Resisté – Aufstand der Praktikanten

Subversive Revolte aus der Comicwelt

„Wenn du glaubst dein soziales Gewissen in unserer Firma befriedigen zu können,“ herrscht Till (Hannes Wegener) seine Jugendfreundin Sydelia (Katharina Wackernagel) aus Frankreich an, „bist du schief gewickelt“. Selbstherrlich verkündet der ehemalige Langzeitpraktikant: „Bei uns geht´s um Umsatz nicht um Umsturz“.

Der clevere Yuppie wechselte nämlich, nachdem seine Hoffnung endlich in eine Festanstellung übernommen zu werden scheiterte, die Seiten. Sein Coup: PAKT Praktikantenagentur für karrierefördernde Tätigkeiten. Und sein Startup-Unternehmen, eine Beratungsagentur für ausgebeutete Praktikanten, floriert. Mit nicht immer ganz sauberen Methoden bugsiert der Sohn Alt-68er-Eltern sein Klientel in die Festanstellung. Als die kämpferische Sydelia freilich das Übel bei der Wurzel packt und zum Streik aufruft, bekommt der Jungunternehmer des Jahres kalte Füße. Die angehende Journalistin will einen Aufstand der Praktikanten organisieren, besser noch einen bundesweiten Generalstreik. Mit aufrührerischem Elan versucht die temperamentvolle Idealistin Till zu überzeugen. Da sich selbst in Zeiten der Wirtschaftskrise die Liebe Bahn bricht, stehen ihre Chancen dafür gut. Aber auch der dubiose mephistophelische neoliberale Großkapitalist Magnum (Devid Striesow) interessiert sich inzwischen für PAKT.
Gleich mit seinem ersten Spielfilm trifft Nachwuchsregisseur Jonas Grosch scharfsichtig den Nerv der Zeit. Dabei will seine schräge Komödie über die vielzitierte „Generation Praktikum“ auf keinen Fall ein Sozialdrama sein. Der Titel „Resisté“ klingt zwar wie ein Schlachtruf. Denn last but not least geht es dem 27jährigen trotz allem um Widerstand. Stilistisch wählt der ehemalige Student der HFF Potsdam für seine gelungene Mischung aus Love-Story und Politsatire jedoch eine Art sanft überzeichneten Realismus, der mit seinen bizarren Aspekten der gesellschaftlichen Misere wie aus einer Comicwelt wirkt. Nicht zuletzt damit verleiht er seiner Handlung Parabelcharakter samt origineller Subversionskraft. Der Bruder von Katharina Wackernagel schafft es das brisante Thema unterhaltsam zu inszenieren. Überhaupt handelt es sich fast um eine Familienproduktion. Denn Onkel Christoph Wackernagel und Mutter Sabine Wackernagel übernahmen den Part der aufrechten 68er Eltern. Damit war wohl auch dafür gesorgt, dass sich das Projekt, das ohne Fernsehfinanzierung auskam, finanziell im Rahmen hielt. Gemäß dem Motto: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ arbeiteten selbst Regieassistenten und Aufnahmeleiter für eine Aufwandsentschädigung.
Natürlich bietet sein humorvoller Denkanstoß nicht die Antwort, warum Widerstand heutzutage keine Option mehr zu sein scheint. Freilich verhält sich das Praktikantenheer nicht mehr ganz so ruhig. Immerhin demonstrierte Anfang Oktober bereits ein Teil von ihnen für bessere Arbeitsbedingungen.

Filmdaten

Deutschland 2009.
Regie: Jonas Grosch.
Darsteller: Katharina Wackernagel, Hannes Wegener, Sabine Wackernagel, Christof Wackernagel, Devid Striesow, Michael Kind, Steffen C. Jürgens, Fanny Staffa, Anja Knauer, Sebastian Schwarz
95 Min
Kinostart: 12.11.2009

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Filmtipp: Friedas Fall

Angeklagt war eine Mutter, schuldig war die Gesellschaft: Das historische Justizdrama „Friedas Fall“ von Maria Brendle schildert den authentischen Prozess gegen eine Schneiderin aus St. Gallen, die vor 120 Jahren ihr Kind getötet hat. Eine gesellschaftlichen Auseinandersetzung über Recht und Gerechtigkeit.
mehr »

BPK: Umstrittene Mitgliedschaft

Sachlich, an Tatsachen orientiert und fair – diesen Anspruch erhebt die Bundespressekonferenz (BPK), der Verein der Hauptstadtpresse, für die Berichterstattung ihrer Mitglieder. Parallelmedien haben dort dennoch einen Fuß in der Tür. Und werden damit normalisiert.
mehr »

Kämpferischer Auftakt im ÖRR

In politisch umkämpften Zeiten beginnen auch im ÖRR die Tarifverhandlungen. Ver.di ruft die Hamburger Beschäftigten beim NDR daher heute zum Warnstreik auf. Er beginnt am Dienstag und endet am Mittwoch um 1.30 Uhr. Seit Februar läuft der Tarifkonflikt um die Gehälter, Honorare und Ausbildungsvergütungen der rund 5.000 festen und freien NDR-Beschäftigten.
mehr »

Medizinische Hilfe wird verweigert

Willkürlich inhaftiert zu sein ist das eine, in der Haft krank zu sein und die dringend erforderliche medizinische Versorgung nicht zu erhalten ist das andere. Genau das müssen gerade mehrere Journalist*innen in Aserbaidschan erleiden.
mehr »