So viel Aggression

Mit der Kamera und dem weiblichen Blick unterwegs in Krisengebieten

„Journalistinnen in der Kriegs- und Krisenberichterstattung“ – was zieht sie in die Krisengebiete, welche Erfahrungen machen und unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, haben der Journalistinnenbund und das Gunda-Werner-Institut am 29. Oktober sechs Frauen aus der Praxis in die Heinrich-Böll-Stiftung eingeladen.

Foto: Meike Engels
Foto: Meike Engels

„Bitte sagt mir, dass es euch auch so geht“ – die Reporterin Carolin Emcke sitzt auf dem Podium und hat gerade berichtet, was die Berichterstattung aus Krisen- oder Kriegsgebieten mit ihr macht. „Ich merke, dass ich auch verrohe“, sagt Emcke, die früher für den Spiegel schrieb und heute für Die Zeit arbeitet. „Fast ein archaisches Gebaren“ sei es, das sie – zurück in Deutschland – unterdrücken müsse, wenn etwa in der Bahn jemand seinen Sitzplatz nicht freimache, obschon ein anderer ihn dringender brauche. „Anstatt höflich zu fragen, möchte ich ihn am liebsten selber am Kragen packen“, erzählt sie. „Mein Fotograf sagt immer, wir müssten erstmal in Quarantäne.“ Die anderen nicken und Susanne Fischer, die aus dem Irak berichtet hat und heute für das Institute of War and Peace Reporting syrische Journalistinnen und Journalisten in Beirut ausbildet, bestätigt die Erfahrung: „Man ist einfach so aufgeladen, da ist so viel Aggression.“
Jenny Schenk und Birgit Virnich haben fünf Jahre lang zusammen als Kamerafrau und Korrespondentin für die ARD von Nairobi aus über mehr als 40 Länder Afrikas berichtet. „Als ich zu einem Probedreh nach Kenia kam“, erinnert sich Schenk, „dachte ich: Oh, dieses ARD-Auslandsstudio wird es doch nicht.“ Die Menschenmassen und Slums in der kenianischen Hauptstadt – das sei eine so komplett andere Welt gewesen, dass sie sich zunächst nicht habe vorstellen können, von dort zu berichten. Das änderte sich, als sie das erste Mal mit der Kamera unterwegs war. „Mich hat fasziniert, was ich an Bildern und Geschichten einfangen konnte.“ Gleichzeitig habe sie oft entscheiden müssen, was sie dem Zuschauer überhaupt zumuten könne. Schenk und Virnich berichten von einem Dreh in einem Krankenhaus im Kongo. Als sie gerade eine Frau interviewen, die vergewaltigt worden ist, ruft ein Arzt nach ihnen. Ein achtjähriges Mädchen sei eben eingeliefert worden, ebenfalls vergewaltigt. Er werde das Mädchen gleich untersuchen und sie hätten vorher zwei Minuten Zeit zu drehen. Schenk und Virnich folgen dem Arzt. „Da lag das Mädchen“, sagt Schenk „und ich wusste nur, dass ich keinen zermalmten Unterleib zeigen kann.“ Sie habe sich dann hinter das Mädchen gestellt, ihre Mutter, ihren Großvater und die blutigen Laken gefilmt. „Das bewegt viel stärker“, sagt sie und Virnich ist es wichtig zu ergänzen, dass der Arzt darauf bestanden habe, dass sie das zeigen. „Auch die Frauen haben sich uns anvertraut, weil sie das Bedürfnis hatten, ihr Leid kundzutun, und ich habe die journalistische Pflicht, über solche Menschenrechtsverletzungen zu berichten.“ Aber es seien eben auch Situationen, die einem viel abverlangten.
Und in denen man sich als Journalistin oft hilflos fühle, sagt Esther Saoub, die inzwischen wieder in Deutschland arbeitet. Bis 2011 hat sie für das ARD-Studio in Kairo als Radiojournalistin berichtet, zum Beispiel aus dem Gazastreifen Anfang 2009. Als der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas begonnen hatte, besuchte Saoub eine palästinensische Familie, in deren Haus eine Phosphor-Granate eingeschlagen war. Einerseits sei es ein gutes Gefühl gewesen, öffentlich zu machen, was dieser Familie widerfahren sei. „Aber gleichzeitig steht man da, hält einer verbrannten Frau das Mikro unter die Nase und weiß: Ich kann wieder gehen, sie muss bleiben.“ Auch Emcke sagt, das Schwere sei nicht, sich der Gefahr auszusetzen, schwer sei, das Leid zu erleben und die Bilder und Geschichten mit nach Hause zu nehmen und fast immer das Gefühl zu haben, „nicht adäquat“ aufschreiben zu können, was man erlebt habe, denn was man erlebe, seien „Anomalien, die allen Erfahrungen widersprechen“. Bisher sei sie aus keinem Krisen- oder Kriegsgebiet zurückgekommen und habe gedacht: „Das habe ich gut gemacht.“
Egal über welchen Krieg oder welche Krise sie berichten – als Kriegs- oder Krisenjournalistinnen verstehen sich die Frauen nicht. „Mein Fokus liegt nicht auf dem Kampf, auf den Soldaten, sondern auf den Opfern, den Familien“, beschreibt die Fotografin Ursula Meissner ihr Selbstverständnis. Deren Geschichten zu erzählen, das ist es, was sie seit mehr als 20 Jahren in den Sudan, nach Afghanistan oder Libyen reisen und mit „Gerüchen und Geräuschen“ zurückkommen lässt, die „man nicht mehr los wird“. Auf die Frage, was sie mit ihren Fotos bewirke, antwortet sie: „Ich kann nicht die Welt verändern, aber ich kann kleine Dinge bewegen und Sensibilität schaffen.“ Zum Beispiel dafür, dass es neben all dem „harten Tobak, den die Welt zu bieten hat“ (Schenk) auch „unglaubliche Menschlichkeit gibt“ (Virnich), dass „Krieg eben nicht nur aus Krieg besteht“ (Emcke).

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